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Isabelle Faust im Gespräch : Wie erziehen Sie Ihre Geige, Frau Faust?

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Leichtfüßige und strahlende Musik: Isabelle Fausts Stradivari mag am liebsten Beethoven und Mozart Bild: Burkhard Neie/xix

Die Geigerin Isabelle Faust spricht über das Leben mit einer Stradivari, ihre Lehrer und die Arbeit an Alban Bergs Violinkonzert gemeinsam mit Claudio Abbado.

          Die Geigerin Isabelle Faust empfängt in ihrer Wohnung im Berliner Westen. Im großen Zimmer ein Flügel mit geöffnetem Deckel, an den Wänden Gemälde ihres vierzehnjährigen Sohnes.

          Ihre Stradivari trägt den Beinamen „Dornröschen“, weil sie so lange verschollen war. Sie ist 1996 in Ihren Besitz gelangt. Wie ist es dazu gekommen?

          Damals war ich gar nicht auf der Suche nach einem neuen Instrument. Ich spielte zu dieser Zeit eine sehr schöne Guadagnini, die mir die Stiftung Deutsches Musikleben überlassen hatte. Man musste allerdings wie üblich jedes Jahr vorspielen, um sie behalten zu dürfen, und diese Situation war nicht ganz ideal für mich. Ein Freund gab mir damals den Tipp mit der „Dornröschen“, die erst wenige Jahre zuvor wiederentdeckt worden war.

          Und ist „Dornröschen“ sofort für Sie aufgewacht?

          Es war ähnlich wie bei neuen Geigen, die man erst einspielen muss. Als ich die Geige das erste Mal ausprobierte, gab es ein paar Töne, die mich sehr berührten. Da schienen sehr viele Obertöne hervorzulugen - wie bei einem beschmutzten Gemälde, auf dem hie und da noch die ursprünglichen Farben leuchten. Ein halbes Jahr später hatte ich einen Sponsor für das Instrument gefunden und konnte anfangen, die Geige zu bearbeiten. Im Laufe der Zeit, es waren annähernd sechs Jahre, setzte sie mehr und mehr Obertöne frei. Heute ist sie ganz erschlossen, nur eben ein wenig wetterfühlig, vielleicht sogar noch mehr als andere Stradivaris. Sie kann am Morgen so klingen, am Abend wieder anders, manchmal ist es sogar von Stunde zu Stunde verschieden.

          Ansonsten ist sie unkompliziert?

          Ein solches Instrument muss man in jedem Detail irrsinnig gut kennen, um damit zurechtzukommen. Es reagiert auch auf mich selbst sensibel, auf Müdigkeit oder Verspannung. Und natürlich ist auch der Bogen ein Faktor, er trägt extrem zur Klanggebung bei. Auch da sind übrigens die Alten - die alten Franzosen in diesem Fall - die absolute Topspitze.

          Welche Musik mag Ihre Geige?

          Wenn ich ein ideales Stück herauspicken sollte, wäre es Beethovens Violinkonzert. Vielleicht auch Mozarts Konzerte. Leichtfüßige, sehr hell strahlende Musik, nichts, was zu erdig klingt. An ihren besten Tagen hat diese Geige eine unglaubliche Leuchtkraft, sehr silbrig-golden. Sie hat keinen schokoladigen Ton, es geht überhaupt nicht in Richtung einer „del Gesù“, die warm und rund im Klang ist, vielleicht nicht ganz so nuancenreich und facettenreich wie eine Stradivari. Der sehr helle Beethovenklang kommt auch mir selbst sehr entgegen, das ist mit meiner Natur und meinen Emotionen gut zu vereinbaren.

          Hat die Geige umgekehrt auch Sie verändert?

          Wenn ich sehr lange auf einem anderen, charakterlich sehr verschiedenen Instrument gespielt hätte, wer weiß, vielleicht wäre ich klanglich anders formiert. Eine Stradivari bringt einen starken eigenen Charakter mit, eine Art, gegen die es sich nicht anzukämpfen lohnt. In diesem Sinne habe ich meinen Klang tatsächlich zu gleichen Teilen meiner Geige zu verdanken und zu schulden.

          Haben Sie auch den Eindruck, dass Geigerinnen und Geiger heute insgesamt vom Ideal der Opulenz abrücken?

          Das hängt von der Persönlichkeit der Interpreten ab, vor allem von der Einstellung zum historisierenden Spiel. Meine Zusammenarbeit mit Giovanni Antonini oder Frans Brüggen, mit dem Orchester des achtzehnten Jahrhunderts oder dem Orchestra of the Age of Enlightenment hat mich sehr geprägt. Der Ton muss nicht gleich dünn und fiepsig sein. Aber es ist zu Mozarts Zeiten sicher nicht möglich gewesen, auf Darmsaiten einen fetten Klang zu produzieren, und selbst Tschaikowsky wird auf den damaligen Saiten weniger fleischig geklungen haben, als wir Heutigen es gewohnt sind. Wenn man einmal auf einer Barockgeige spielt, mit einem alten Bogen und Darmsaiten, bekommt man schnell ein Ohr dafür. Wer diesen Weg einmal eingeschlagen hat, für den gibt es schwerlich ein Zurück.

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