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Interview mit Label-Chef : Wie gewinnt man den Opern-Grammy?

Grammy-Gewinner: Burkhard Schmilgun (li.) mit Managing Director Gerhard Georg Ortmann (Vollansicht) Bild: dpa

Schon vier Mal war das Klassik-Label cpo für den Grammy nominiert, jetzt war es der einzige deutsche Sieger. Wie wird man Weltspitze? Warum steht die Trophäe noch nicht in Niedersachsen? Ein Gespräch mit Burkhard Schmilgun.

          Herr Schmilgun, wie bekommt man einen Grammy für die beste Opernaufnahme?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Burkhard Schmilgun: Wenn ich das wüsste... Naja, dieser Grammy lag schon irgendwie in der Luft, auch wenn ich heute Morgen von dem Anruf meiner Mitarbeiterin sehr überrascht war. Andererseits: Unser Label cpo war schon vier Mal nominiert, und sicher hat auch die Zusammenarbeit mit dem Early Music Festival in Boston, auf dem unsere prämierte Charpentier-Aufnahme entstanden ist, eine Rolle gespielt. Irgendein Bezug zu den Vereinigten Staaten ist sicher von Vorteil, auch wenn es sich bei der Aufnahme selbst um eine französische Barockoper handelt.

          Gab es eine Jury-Begründung?

          Wenn es sie gab, ich habe sie noch nicht lesen können. Es gab zu viele Anfragen heute.

          Was wissen Sie über die Jury?

          Ich muss gestehen: So gut wie nichts. Ich weiß nicht, was sich dort hinter den Kulissen abspielt.

          Es klingt so, als hätten die Grammy-Veranstalter Sie nicht persönlich von der Auszeichnung in Kenntnis gesetzt.

          Nein, komischerweise nicht. Niemand hat uns Bescheid gesagt. Auch der Dirigent und der Künstler nicht, die die Auszeichnung offenbar in kleiner Gruppe in Los Angeles entgegen genommen haben. Aber das ist auch in Ordnung, sie sind die Hauptpersonen.

          Wie kommt eigentlich der Grammy jetzt zu Ihnen nach Osnabrück?

          Auch das wissen wir nicht. Wir wissen nicht einmal, ob der Grammy in physischer Gestalt überhaupt zu uns als Label kommt - oder ob ihn die Künstler behalten.

          Das Label cpo ist bekannt für seltene Repertoire-Aufnahmen, was sind Ihre Schwerpunkte in der Oper?

          Wir sind nicht auf Epochen spezialisiert. Es geht einfach darum, vergessenes Repertoire wiederzuentdecken. Unsere Aufnahmen reichen vom 15. Jahrhundert über Georg Philipp Telemann, Giacomo Meyerbeer, Albert Lortzing bis hin zu Wolfgang Rihm. Wir haben als einzige seine „Eroberung von Mexico“ im Programm. Wir produzieren für Neugierige, die sich fragen: Was gab es denn eigentlich neben Beethoven? Der war doch nicht alleine zu seiner Zeit, der hatte doch Kollegen, Freunde, Feinde. Er hatte ein musikalisches Umfeld, das ich gerne beleuchten möchte. Ich möchte Juwelen entdecken, die gar nicht so weit von Beethoven, Brahms oder Bruckner entfernt sind.

          Wie oft ist Charpentiers „Orpheus”, mit dem Sie gewonnen haben, wohl in den letzten Jahrzehnten aufgeführt worden?

          Wahrscheinlich nie. Die Noten von solchen Entdeckungen müssen oft eigens ediert werden, sie existieren zum Teil nur in Handschriften oder als barocke Drucke. Da gibt es oft überhaupt keine Rezeptionsgeschichte.

          Was hat sie an Charpentier fasziniert?

          Seine Opern interessieren mich alleine als künstlerische Hervorbringung ihrer Zeit. Darüber hinaus gibt es zum Beispiel in „La Descente d’Orphee aux Enfers“ sehr schöne Tänze, es ist eine unheimliche Ausdrucksmusik, die sehr deklamatorisch ist. Orpheus' Leid wird in sehr bewegenden Arien dargestellt.

          Da die großen Opern-Häuser meist auf durchgesetztes Repertoire vertrauen, sind Sie gezwungen, mit kleinen Häusern wie Chemnitz oder Spezialfestivals wie dem Boston Early Music Festival zusammenzuarbeiten – muss man dabei nicht musikalische Abstriche machen?

          Nein, das mache ich nicht. Eine Ausgrabung mit einem schlechten Orchester und schlechten Sängern schadet letztlich der Entdeckung. Anschließend wird man nämlich sagen: Das Werk wurde zu recht vergessen. Eine schlechte Wiederentdeckung ist schlimmer als gar keine. Was Chemnitz oder Boston angeht, da habe ich keine Sekunde gezweifelt. Chemnitz unter Frank Beermann ist ein großes A-Haus, das im Westen in seiner Bedeutung noch nicht ausreichend bekannt ist. Was das Orchester vom Boston Early Music Festival angeht, das gehört zu den besten in Sachen Barockmusik, das ist oberste Kategorie.

          Wie entstehen Ihre Aufnahmen? Nehmen Sie selbst auf oder kooperieren sie ausschließlich mit dem Radio?

          Wir machen beides. Ich muss flexibel sein. Heute hat allerdings kein Label mehr eigene Technik – ein eigenes Studio oder einen eigenen Tonmeister, auch die großen nicht. Wir arbeiten mit freien Tonmeistern zusammen, die ihr eigenes Equipment haben. Bei Opern arbeiten wir oft mit Rundfunkanstalten zusammen.

          Die bei den Grammys ausgezeichnete Aufnahme haben wir zusammen mit Radio Bremen gemacht. Es war günstiger, die Musiker nach Bremen reisen zu lassen, als in Amerika zu produzieren, wo die Musikergewerkschaft teilweise exorbitante Sätze verlangt. Außerdem haben wir in Bremen optimale Bedingungen mit dem alten Sendesaal. Die Finanzierung der Aufnahme lief stark über private Sponsorengelder aus Amerika.

          Ihr Label ist an den bekannten Medienvertrieb jpc angeschlossen – tragen Sie sich selbst?

          Ja, cpo trägt sich seit zwanzig Jahren selbst. Aber natürlich habe ich mit jpc eine Plattform, die kein anderes Label hat. Das ist eine sehr gute Situation, ich glaube: für beide Seiten.

          Was bedeutet der Grammy für ein Label Ihrer Größe?

          Eine ganze Menge. Das bedeutet unglaubliche Aufmerksamkeit. Wir haben viele Preise gewonnen, aber so etwas wie heute, so viele Anfragen, habe ich noch nicht annähernd erlebt. Es bedeutet ganz viel an Anerkennung. Das ist unschätzbar.

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