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Paavo Järvi über Brahms : Das ist wie eine seelische Schusswunde

Bei Brahms geht es um Verletzlichkeit: Paavo Järvi. Bild: Daniel Pilar

Man muss die Musik von Brahms nicht nur singen und tanzen, sondern auch weinen lassen: Ein Gespräch mit Paavo Järvi, der „Ein deutsches Requiem“ hundertfünfzig Jahre nach der Uraufführung am selben Ort dirigieren wird.

          Herr Järvi, Sie haben etwas Besonderes vor: Am 10. April, genau hundertfünfzig Jahre nach der Uraufführung, werden Sie mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, Valentina Farcas und Matthias Goerne sowie dem Staatschor Latvija aus Riga „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms aufführen, exakt am Ort der Uraufführung, im Bremer Dom. Nun war das Werk damals noch sechssätzig, der siebente Satz kam erst ein Jahr später dazu. Werden Sie sich an diese Originalversion halten?

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, wir werden die heute übliche Standardversion mit sieben Sätzen spielen. Das Programm des Uraufführungskonzerts war ja, mit Robert Schumanns „Abendlied“ und Georg Friedrich Händels Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ als Ergänzungen zu Brahms, ohnehin sehr speziell.

          Weil die Uraufführung an einem Karfreitag stattfand und der örtliche Pfarrer den ausdrücklichen Bezug auf Tod und Auferstehung Jesu Christi vermisste, wurde Händel eingeschoben.

          Wir hatten beim Orchester viele Diskussionen darüber, ob wir dieses Konzert in seinem damaligen Ablauf tatsächlich einmal rekonstruieren sollten. Doch wir haben entschieden, uns auf das Requiem zu beschränken. Eine identische Rekonstruktion des damaligen Programms ist nicht das, was uns interessiert. Uns ging es um die Symbolik von Tag und Ort und um die gleiche Stärke der Besetzung. Wir haben noch keine Ahnung, wie die Akustik funktionieren wird.

          Haben Sie Zahlen zur Besetzung?

          Ja, zumindest für das Orchester: ungefähr vierzig Spieler. Kaum mehr, also sehr viel weniger als heute üblich.

          Vor hundertfünfzig Jahren wurde sein „deutsches Reqiuem“ im Bremer Dom uraufgeführt: Johannes Brahms auf einem Pastellporträt Ludwig Michaleks aus dem Jahr 1891.

          „Ein deutsches Requiem“ gehört musikgeschichtlich zu den letzten geistlichen Werken, die tatsächlich Wurzeln geschlagen haben in unserem Musikleben. Fast jede größere Kantorei studiert es ein. Das Werk bedeutet den Deutschen viel. Was können sie von Ihnen Neues lernen?

          Darüber kann ich schwer reden. Es ist ja jedes Mal eine neue Erfahrung, wenn Sie solch ein Werk machen: abhängig vom Chor, vom Orchester, den Solisten, auch der Akustik. Ich wuchs auf mit der Aufnahme des Requiems von Herbert von Karajan. Mein Vater ...

          Neeme Järvi, selbst Dirigent ...

          … war ein großer Karajan-Fan. Ich habe das oft gehört; dann hat sich aber mein Verhältnis zu dem Werk durch eigene Arbeit verändert. Ich dirigierte im Wiener Musikverein „Ein deutsches Requiem“ mit dem Orchestre de Paris und dem Wiener Sing-Verein. Das war eine ganz seltsame Erfahrung: ein französisches Orchester mit deutscher Musik in Österreich. Das Orchester spielte diese Musik mit unglaublicher Einsicht, mit Liebe und Respekt, mit Bewunderung. Und da merkte ich, dass es im Verständnis keine nationalen Beschränkungen gibt.

          Kennen Sie die Aufnahme mit dem Orchestre des Champs-Elysées unter der Leitung von Philippe Herreweghe?

          Noch nicht. Ist die interessant?

          Ja, wegen der flüssigen Tempi, die gut zu singen sind, und wegen der genauen Artikulation, die besonders dem Schlusssatz – „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an“ – etwas Leichtes gibt, worin sich die Verheißung des ersten Satzes – „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ – erfüllt. Die Musik fliegt wirklich in die Höhe, von der Last des Leids befreit. Außerdem hört man bei Herreweghe sehr gut die Muster der Spätrenaissance und des Frühbarocks, denen Brahms folgt. Er hat sich ja früh mit der venezianischen Musik um 1600, mit Giovanni Gabrieli beschäftigt.

          Sie haben völlig recht. Ich bemerke das auch in Brahms’ Symphonien, die voll sind von Bezügen auf die ältere Musik. Ich entdeckte das selbst erst später. Denn meine Jugend war beherrscht vom durchgehaltenen, breiten, dramatischen Klang der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan. Ich habe nie über die Bezüge zu Alter Musik, zu Kirchenmusik, zu Gabrieli, Monteverdi, Schütz, bei Brahms nachgedacht, bevor ich die Kammerphilharmonie traf. Als ich hörte, wie sie spielen, bemerkte ich diese Bezüge – und sie sind wirklich umwerfend – überall, in seiner gesamten Musik. Das liegt an deren Tongebung, deren Artikulation: Sobald sich da nur eine Andeutung auftut, stellt dieses Orchester gleich einen klaren Bezug her.

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