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Veröffentlicht: 13.05.2017, 16:57 Uhr

Ein Gespräch mit dem Dirigenten Antonio Pappano Netrebko begleiten wir gern, doch wir können viel mehr

Das römische Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia zeigt auch in Deutschland seinen Glanz. Im Gespräch erklärt Antonia Pappano, wieso Studioaufnahmen wie ein Trainings-Camp sind.

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© dpa Bei der Arbeit: Sir Antonio Pappano

In London nennt man ihn den „unstopable“ Maestro, in Rom feiert man ihn als Held, in München wird er gehandelt als Nachfolger Kirill Petrenkos: Sir Antonio Pappano, 57, ist einer der letzten Stardirigenten mit breit aufgestelltem Repertoire. Vor zwölf Jahren übernahm er als Chefdirigent des Royal Opera House zusätzlich das römische Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Nach ersten internationalen Preisen und Gastspielen geht es jetzt europaweit auf Tournee. Das einzige Deutschland-Konzert wird an diesem Samstag in Essen stattfinden. F.A.Z.

Eleonore Büning Folgen:

Sir Antonio, Sie machen neuerdings lauter Opern-Recital-Aufnahmen mit Ihrem römischen Konzertorchester: Best-of-Verismo mit Anna Netrebko, Sie begleiten Jonas Kaufmann. Warum?

Ja, stimmt, das ist neu für mich! Die Sänger sind daran schuld. Die musikalische Qualität ist bei beiden außergewöhnlich. Die Netrebko verfügt über eine pure Kapazität zum Kommunizieren, eine Art Instinkt für das Richtige, wie ich das noch nie erlebt habe. Früher habe ich aus Prinzip keine Arien-Alben gemacht. Entweder eine ganze Oper oder gar nichts. Jetzt begleite ich dauernd einzelne Arien, bei diesen beiden sehr, sehr gerne!

Nicht zuletzt damit haben Sie auch Ihr Santa-Cecilia-Orchester wieder auf die musikalische Landkarte gesetzt. Kürzlich hat Ihr Orchester zwei deutsche Preise gewonnen: für die Bartók-Konzert-Einspielung mit Janine Jansen den Echo, für die „Aida“ mit Kaufmann und Anja Harteros den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Wie konnten Sie ihre Plattenfirma Warner dazu überreden, wieder eine so kostspielige Studio-Aufnahme zu produzieren?

Ich wusste von Anfang an, dass wir „Aida“ nur als Studioaufnahme machen können. Ich habe eine Weile insistiert und gewartet, irgendwann ging das. Es war ja für alle Beteiligten ein epochaler Einschnitt, nach all den Jahren. Mein Orchester ist vor allem ein Konzertorchester, doch jeder einzelne Musiker hat die italienische Oper in der DNA, den Belcanto, das Brio, das Feuer. Das Publikum aber auch! Wirklich, ich liebe unser römisches Publikum über alles. Aber für Aufnahmen ist es besser, keine weiteren Geräusche zu haben.

Sie machen auch sonst auffallend viele Studioaufnahmen in Rom. Das ist absolut gegen den Trend! Alle anderen großen Opernhäuser und Orchester streamen heutzutage nur noch Livekonzerte.

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Vergessen Sie mal die kommerzielle Seite dabei. An Covent Garden mache ich ja auch nur noch DVDs, die sind ebenfalls live. Ein Teil meines Musiklebens passiert sowieso live: Das ist musikalisch gefährlicher, aber eben auch viel billiger. Doch etwas im Studio zu erarbeiten, das hebt das Stück auf eine andere Ebene. Es ist eine Kunst für sich, ähnlich, wie einen Film zu machen: Ich gestalte, ich arbeite mit den Sängern wie ein Regisseur. Und für mein römisches Orchester ist jeder Gang ins Studio einer ins Trainings-Camp. Hier kann ich das Orchester trainieren in allen Disziplinen: einander genauer zu hören, schneller zu reagieren, den dramatischen Moment zu packen, den perfekten Hitzegrad zu erwischen. Jede unserer Aufnahmen ist wie eine Visitenkarte, ein Ausweis unserer besonderen Qualität. Deshalb investieren wir von der Accademia Nazionale auch selbst in unsere Aufnahmen. Die großen Plattenfirmen finanzieren Studioaufnahmen schon lange nicht mehr ohne Zuschuss.

Worin besteht diese besondere Qualität? Können Sie eine Art Bilanz ziehen, nach fast zwölf Jahren Arbeit?

Das Besondere des Orchesters ist seine italianitá. Natürlich, jedes italienische Orchester bringt davon etwas mit. Aber sie haben sich entwickelt, und ich habe mich entwickelt mit ihnen. Italianitá ist ja nicht nur eine Art Temperament-Soße, die man über alles drüberkippt. Dazu braucht es differenzierte Farben, eine besondere Hitze, aber manchmal auch Kälte. Es reicht nicht, dass man perfekt zusammenspielt und gut klingt. Wir haben uns ein neues Repertoire erarbeitet inzwischen, auch das Wissen um die Stücke wird tiefer, wir haben am Klang gefeilt, am Ausdruck, an der Balance, am Fokus. Harte Arbeit ist das! Aber auch Glück hat eine Rolle gespielt. Es gab eines Tages ein Finanzfenster der städtischen Politik, da war es plötzlich möglich, neue Stellen zu besetzen. Zwei Jahre lang haben wir Vorspiele abgehalten und rund dreißig junge Leute eingestellt. Das hat das Orchester neu definiert. Auch der neue Saal von Renzo Piano hat viel geholfen. Und die vielen Aufnahmen, ebenso die Tourneen.

Spielen Sie in Essen auch italienisches Repertoire?

Ja, Rossinis „Siège de Corinthe“.

Das kriegt man nicht oft zu hören.

Ist aber eine große Ouvertüre! Außerdem spielt Yuja Wang mit uns das erste Tschaikowsky-Klavierkonzert, und wir machen „Fontane di Roma“ und „Pini di Roma“ von Ottorino Respighi. Diese beiden Stücke wurden ja eigens für das Orchestra dell’Accademia komponiert. Es kann sie seither im Schlaf spielen.

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Herbert von Karajan hat „Pini“ und „Fontane“ damals mit dem Orchester aufgenommen.

Ja, alle haben das aufgenommen. Das Orchester musste das dauernd spielen. Am Anfang meiner Zeit in Rom waren diese beiden Stücke die einzigen, die wir überhaupt bei Gastspielen machen konnten, es hieß: „Okay, nochmal der Respighi!“ Heute ist das aber etwas ganz anderes. Es ist etwas Neues für uns. Wir haben uns ja in den letzten zwölf Jahren Mahler erarbeitet, Bruckner, Schumann, Saint-Saëns, Sibelius. Und wir kehren jetzt nach Hause zurück. Darauf freue ich mich!

Herr Pappano, Sie dirigieren täglich, und zwar von morgens bis abends. Was machen Sie eigentlich, wenn Sie mal nicht Musik machen?

Ich denke an Musik. Dirigenten denken doch immer an Musik, oder? Aber heute habe ich außerdem noch gekocht, weil meine Frau abends kommt. Ich habe Fisch gekocht. Sehr schön. Aber weil es nach Fisch stinkt, habe ich heute auch noch den Müll runterbringen müssen.

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