09.05.2006 · Daniel Barenboim, Chefdirigent der Berliner Staatskapelle, hat im Gespräch mit der F.A.Z. eine „radikale Veränderung der musikalischen Erziehung“ gefordert. Barenboim erhält am Freitag den Siemens-Musikpreis.
Daniel Barenboim, Chefdirigent der Berliner Staatskapelle, hat im Gespräch mit dieser Zeitung eine „radikale Veränderung der musikalischen Erziehung“ gefordert, wenn der Platz der klassischen Musik in der Gesellschaft gewahrt bleiben solle.
Barenboim: „Meiner Meinung nach sollte die Musikerziehung schon in jedem Kindergarten anfangen. Musik muß wie das Atmen wieder eine natürliche Lebensäußerung sein, von Anfang an. Wie wollen wir ein neues Publikum finden, wenn die Menschen erst fünfundzwanzigjährig zum ersten Mal mit dem Phänomen eines Symphoniekonzerts konfrontiert werden? Oder wenn die Musiker in diesem Orchester so spezialisiert sind, daß sie selbst den Kontakt zur Musik verloren haben? Was man im Kindergarten üben müßte, ist weniger die musikalische Erziehung, sondern, pathetisch gesagt, die Erziehung zum Menschen durch die Musik. Wer Rhythmus lernt, der lernt auch Disziplin. Er lernt, andern zuzuhören. Er lernt auch, wie man mit der Leidenschaft umgehen kann. Denn Leidenschaft ohne Disziplin, das wäre ja kein Problem! Jeder Mensch beherrscht das spätestens, wenn er in die Pubertät kommt. Wie aber Leidenschaft mit Disziplin zusammengeht, wird jeder leicht begreifen, der einmal gelernt hat, drei Töne nacheinander zu spielen.“