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Inszenierung von Stephan Kimmig Dämmerstunde der Utopien

Der Mensch ist nicht nur sich selbst fremd: Stephan Kimmig inszeniert Eugen Ruges Romanadaption „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ am Deutschen Theater Berlin.

© Marquardt/drama-berlin.de Was gibt’s denn da zu jubeln? Gabriele Heinz und Christian Grashof spielen ein Ehepaar mit Differenzen

Acht Personen schlendern auf die Bühne, später kommt ein Kind dazu. Ihre Kleidung ist manchmal etwas altmodisch, manchmal eher von heute, entsprechend die Frisuren, Brillen, Schuhe - von einer traditionellen Russin mit Kopftuch und mehreren Röcken abgesehen. Sie scheinen durch und durch unauffällige Mitmenschen zu sein. Aber der erste Eindruck täuscht, denn sie sind Eugen Ruges preisgekröntem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ aus dem Jahr 2011 entsprungen.

Und insofern sind sie für die meisten Westdeutschen, gewiss auch für etliche Ostdeutsche und den jüngeren Teil des Publikums vor allem völlig Fremde. Wie Phantome oder Wiedergänger stehen sie für ein Land und dessen Sitten, Gebräuche, Werte, die von 1989 an zu verschwinden begannen. Und obwohl die Bühnen voller Theaterfiguren sind, die häufig aus weit entlegeneren Gegenden und Epochen stammen als aus Ostdeutschland zwischen 1952 und 2001, wirken diese besonders exotisch.

Stück ist gemütlich und überstürzt nichts

Warum? Weil der Sozialismus, ob geliebt oder gehasst, für ihre Biographien relevant war? Weil sie vor den Nationalsozialisten ins Exil gingen, weil sie Stalin nicht öffentlich verteufelten, weil sie den Kapitalismus nicht als Lösung betrachteten? Weil sie gänzlich andere Geschichten erzählen können als die bisher bekannten, vor allem über die DDR? Bei der Uraufführung im Deutschen Theater Berlin versucht Stephan Kimmig, die sachlich-kühle Distanz, mit der Eugen Ruge seinen Roman geschrieben und nun selbst dramatisiert hat, auf extra sanften Regiepfoten abzumildern.

Dort, wo Ruge seine Leser mit harten Schnitten zu immer neuen Blickwinkeln in die narrative Disharmonie zwingt, verwischt Kimmig trotz Ansagen wie „Berlin Prenzlauer Berg 1979“ oder „1.Oktober 1989, Neuendorf“ die Brüche zwischen den Orten und Jahren zugunsten szenischer Harmonie. Und dort, wo der studierte Mathematiker Ruge ein Ungleichheitszeichen setzte, macht der Regisseur daraus salopp ein Gleichheitszeichen.

Über drei Stunden dauert die gemütlich sich entwickelnde, nichts überstürzende Inszenierung von „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ - dabei ist die Vorlage äußerst ungemütlich und schildert den Untergang einer Familie, der als Spiegelbild für den Zusammenbruch eines Landes dient. Gabriele Heinz und Christian Grashof spielen das im Zweiten Weltkrieg nach Mexiko emigrierte Paar Charlotte und Wilhelm, das 1952 im Parteiauftrag nach Deutschland zurückkehrt, um eine Zukunft „ohne Ausbeutung, ohne Ungerechtigkeit“ mitaufzubauen.

Aufgesetzt und nur äußerlich

Sie sind absolut linientreu und dulden keinen Zweifel am Sozialismus. Bei Bernd Stempel ist ihr Sohn Kurt, ein systemkonformer Historiker, den es allerdings zusehends größere Kraft kostet, seine Unzufriedenheit zu unterdrücken, ein rechtschaffener, fideler Beamter mit offenen Augen, dem die Ideologie noch nicht die Menschlichkeit ausgetrieben hat. Judith Hofmann als Kurts russische Ehefrau, die irgendwann den Boden unter den Füßen verliert und zur Alkoholikerin wird, wirkt dem gegenüber unscharf blass.

Alexander, der Sohn der beiden, will von egal welchen Utopien bald überhaupt nichts mehr hören. Er flieht 1988 in den Westen, wo er aber nicht minder orientierungslos herumschwirrt. Als er 2001 an Krebs erkrankt, fliegt er erstmals nach Mexiko, sucht die Spuren seiner Großeltern und findet halbwegs zur Ruhe. Alexander Khuon ist freilich nicht nur etwas zu jung für diese Rolle, sondern überdies zu unbedarft. Er schnieft und brüllt zwar viel, leidet unter der Kapuze seines Parkas oder hustet in seinen Dissidentenvollbart, doch bleibt das alles aufgesetzt, äußerlich und ohne zur zerstörerischen Zerrissenheit dieses Weltverweigerers vorzudringen

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Wunderbar expressiv wie unsentimental ergreifend glänzt Marit Bendokat als Irinas russische Mutter Nadjéshda, ob die von den selbsteingelegten Gurken schwärmt, ihr Gastland lobt oder Wodka besingt. Margit Bendokat gelingt es neben Christian Grashof auch am besten, die zahlreichen Monologe als szenische Miniaturen zu gestalten und damit über das Niveau isolierter Nummern zu heben, die in der Inszenierung dominieren. In Stephan Kimmigs Nacherzähltheater wird mehr berichtet und ausgemalt als gespielt.

Es hat außerdem erhebliche Längen und einen seltsamen Kuschelschluss, bei dem Alexander alle Gespenster seiner Vergangenheit in die Bühnenmitte winkt und der Reihe nach abküsst. Dann holt er sie an die Rampe vor - zum Schlussapplaus. Alle Menschen werden Brüder? Schwestern? Frei? Weniger fremd? So unentschieden die Aufführung, so klar ihre Botschaft: Lesen kann durch nichts ersetzt werden.

Quelle: F.A.Z.

 
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