Singen oder Sprechen? Für die Helden der frühen Oper war das keine Frage. Sie machten einfach beides. Die hohe Kunst des recitar cantando, des textverständlichen Ziergesangs, mit dem das Genre der Oper ab Claudio Monteverdi seine Theaterstoffe erzählte, erlebt derzeit eine neue, wenn auch rare Blüte. Bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik gab es wieder einmal solch einen kostbaren Moment, die Gelegenheit, sich einen Eindruck von Italiens Seicento-Opera, also dem vielgestaltigen Schaffen vor 1700, zu verschaffen. Sonst liegen die Anfänge der Oper wie ein Eisberg fast vollständig unter Wasser; wir erhaschen zwar immer wieder einen Blick auf den rauf und runter gespielten Monteverdi, bekommen jedoch kaum einmal Werke von anderen Genies wie Francesco Cavalli und Pietro Antonio Cesti zu hören. Oder von Francesco Provenzale, dessen komplett unerhörte Oper „Stellidaura vendicante“ nun in Innsbruck ausgegraben wurde.
Provenzale - wer mag das sein? Alessandro De Marchi, künstlerischer Leiter in Innsbruck, hat diesen Komponisten aus Neapel, der vorzugsweise Kirchenmusik schrieb, jetzt förmlich ans Licht der Bühne gezerrt. Francesco Provenzale arbeitete für diese seine letzte Oper 1674 mit dem genialen Dichter-Juristen Andrea Perrucci (Libretto) und, noch wichtiger, mit der berühmt-berüchtigten Kurtisanendiva Ciulla De Caro zusammen. Diese spannende Dame hatte sich mit ihrem phänomenalen Aussehen, guter Stimme und einem Händchen für mächtige Gönner zum Stadtgespräch emporgesungen und -geliebt. Sie war zugleich die Gespielin des spanischen Vizekönigs und seines Schwagers - ein Zustand, der ihr nicht nur viel Geld, diverse Spottpamphlete über das „subventionierte Bordell“ (kein schlechter Begriff für den Opernbetrieb!) und eben auch die Titelrolle der „Stellidaura“ einbrachte.
Süßsaure Ritterhelden
Dieses „Goldsternchen“ trägt verblüffend persönliche Züge dieser Sängerin, ihr wurde diese Rolle auf den Leib geschneidert: Sex-Appeal, brüske Ablehnung oder Hingabe an die zahllosen Verehrer, aber auch ungemeine Tatkraft und Mut, denn sie verteidigt ihren Liebsten nicht nur mit dem Degen, sondern versucht den Täter hinterher kurzerhand zu meucheln und geht dann dafür kaltlächelnd mit Gift in den Tod. Weil es sich hier aber noch nicht um „Tosca“, sondern um eine Oper des sechzehnten Jahrhunderts handelt, muss ein verwechseltes Schlafmittel her, bis dann die ganze wilde Liebes-Mords-Intrigen-Verzweiflungs-Gaudi einmündet in nicht nur musikalische, sondern auch soziale Harmonie.Während dieses Hieb-und-Stich-Libretto beim heutigen Publikum durchaus Gelächter angesichts von so viel hochadeligem Horrorkitsch hervorruft, verblüfft Provenzales Tonsprache mit eigenständiger Grazie, die beileibe nicht nur den venezianischen Vorbildern um und nach Monteverdi entlehnt ist.
In Innsbruck kann sich De Marchi, der zuweilen entgegen seinem sonst eher ruhigen Temperament die Partitur regelrecht tanzen lässt, auf eine famose Rhythmusgruppe mit Trommeln, Kastagnetten sowie diversen Gamben, Lauten, Theorben, Harfen, ja sogar einem raren Lirone stützen. Das Klampfen und Stampfen verleiht der Musik eine nahezu orientalisch anmutende Rhythmik und grundiert den teuflisch ausgezierten Sprechgesang der süßsauren Ritterhelden ganz wunderbar.
Bunt aber einfallslos
Fachkundige Sänger wie die Amerikanerin Jennifer Rivera in der Titelrolle meistern diese zwischen Rezitativ, Madrigal und Koloratur oszillierenden Partien staunenswert. Der italienische Buffobass Enzo Capuano gibt dem tragisch-kriegerischem Geschehen die fehlende Würze, er verkörpert den kalabresisch kauderwelschender Diener Giampietro, der sich mit adäquat hasenfüßigem Duellverhalten und kehliger Gefräßigkeit zur eigentlichen Hauptperson mausert. Capuano heimst dafür Ovationen ein, zu Recht.
Leider ist die bunte, aber recht einfallslose Regie des Belgiers François De Carpentries nicht auf der Höhe dieser fulminanten Ausgrabung, die immer wieder mit dem stoischem Pessimismus von Graciáns „Handorakel“ das Hofleben und die Kurtisanengunst verspottet. Doch außer einem netten Elfenballett und angedeuteten Fechtszenen darf kaum ein dramaturgischer Geistesblitz das zuweilen dann doch etwas langatmige Rezitieren aufhellen. Was hätte man aus dem hispanischen Aberwitz von Giftampullen, Meuchelmördern, erotischen Stelldicheins und Verwechslungspost nicht für Funken schlagen können, zumal mit einem historischen Seitenblick auf die liebestolle Titelheldin und ihre diversen adligen Lover im Neapel der Entstehungszeit?
Harmonien erzeugen Harmonie
Dass Barockmusik als eine europäische Kulturtechnik sogar an der Kolonisierung der Welt mitarbeitete, hat die Musikwissenschaft schon lange mitbekommen, zumindest in Fußnoten. Händel-Arien nahmen sich, wasserdicht verpackt, sogar englische Pflanzer auf Notenpapier mit nach Indien. Im spanischen Südamerika indes entstand vor 1700 eine ganze Schule geistlichen Musizierens, das seine Wurzeln in die Konservatorien der Alten Welt, aber auch in die Volksmusik der Inkas streckt. Einen faszinierenden Bogen bis hin zu Anden schlug in Innsbruck das „Ensemble Elyma“, es hielt in der Wiltener Stiftskirche eine veritable bolivianische Messfeier der Gottesmutter von Guadeloupe ab - mit fetzigen Indiotänzen, Jubelgesängen auf die Jungfrau Maria, allegorischen Stierkampf und Stegreiftheater.
Bei so viel Latino-Temperament kam sogar der ehrwürdige Benediktinerabt von Wilten gelinde ins Swingen und Mitklatschen. Die mitreißende Wucht dieser fast vergessenen Musik verdankt sich auch den imposanten Spezialinstrumenten, welche die Musiker um den charismatischen Leiter Gabriel Garrido spielend beherrschen: Vihuela-Gitärrchen, Chirimìa-Oben, Großtrommeln, voluminöse Bassgitarren, lateinamerikanische Kreuzharfe. Wer je die Notwendigkeit der historischen Aufführungspraxis mit nachgebauten Instrumenten angezweifelt hat, der höre sich einen solchen indigenen Gottesdienst an, dessen Klangpracht die leeren Kirchen unserer Breiten jeden Sonntag mühelos wieder füllen könnte.
Die geistlichen Gesänge im Gewande kurzer lebensfroher Villancios stammen, wenn nicht von anonymen Meistern, dann vom Mestizen Roque Jacinto de Chavarrìa - ein kolonialer Händel, der die Musik erst als Chorknabe erlernte, dann fundiert an einer Jesuitenuniversität. Wo heute bettelarme Straßenkinder und Bauernsöhne im venezolanischen Sistema-Musikprogramm zu Weltstars herangebildet werden und Vivaldi wie Bach voll Inbrunst interpretieren, gelang es der Barockmusik bereits vor über dreihundert Jahren, die Menschheit ohne koloniale Gewalt zu verbinden. Harmonien erzeugen eben Harmonie, ob gesungen oder gesprochen.
Nicht Benediktiner,
Josef Stein (GrafDaun)
- 12.08.2012, 12:44 Uhr