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Mozarts Oper „Lucio Silla“ : Warte, bis die Fetzen fliegen

Lucio Cinna (Simona Šaturová) will seine Geliebte Celia ( Ilse Eerens) aus dem Blutsaugermilieu befreien. Bild: B. Uhlig

Es ist eine Musik, die ihre Zuhörer in einen wahren Sinnenrausch versetzt: Mit gerade mal sechzehn Jahren komponierte Mozart die Oper „Lucio Silla“. In Brüssel lässt Antonello Manacorda das frühe Machwerk glühen.

          Wer die Tage Allerheiligen und Allerseelen einmal auf dem Wiener Zentralfriedhof erlebt hat, weiß, wie lustig es dort zugeht. Man verproviantiert sich nicht nur mit Grabkerzen und Blumen, sondern auch mit Käsekrainern, Brezeln oder einem Becher Bier. Für die Süßmäuler gibt es Zuckerwatte. Der Besuch bei den Toten ist ein Fest, um sich des Lebens zu freuen. Dass hinter diesem kleinen Grenzverkehr auch ein sozialpragmatischer Tauschhandel steht, hat die Online-Omi Renate Bergmann jüngst auf den unsentimentalen Romantitel gebracht: „Wer erbt, muss auch gießen“.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der ökonomische Sarkasmus ist indes nur die Schwundstufe einer regen Wechselbeziehung zwischen den Lebenden und den Toten, in welcher Gedächtniszuwendung mit Krafttransfer vergolten wird. Die australischen Aborigines versetzen sich singend in die „Traumzeit“ des „Einst“, um sich von den Ahnen die Lebensenergien für das „Jetzt“ zu holen. In Wolfgang Amadeus Mozarts früher Oper „Lucio Silla“ macht Cecilio das genauso: Er geht zur Nacht in eine Grabeshalle für die toten Helden Roms, und sie erscheinen ihm. Der Geist von Gaius Marius ist unter ihnen, des Vaters also von Cecilios Geliebter Giunia. Sie soll Roms Diktator Lucio Silla heiraten, den Erzfeind ihres Vaters. Da holt sich Cecilio von den Toten Mut zum Tyrannenmord.

          Die Musik, die der sechzehnjährige Mozart in dieser Szene komponiert hat, ist erschreckend. Was sie mit ihren jähen Harmoniewechseln und den weit aufgerissenen Höllenschlünden der Blechbläser an Erregungspotential enthält, überführt der Dirigent Antonello Manacorda am Brüsseler Théâtre de la Monnaie mit Chor und Orchester des Hauses ins Erlebnis. Das Exterritoriale dieser Szene ist dirigentisch klug markiert durch die Grenzen der Umgebung.

          Die Musik ist erschreckend

          Manacorda legt es nämlich nicht auf den Dauerkitzel durch Dreisekundensensatiönchen an. Er ist völlig desinteressiert an den Überraschungsakzenten, Schreckpausen und Verblüffungsfermaten, mit denen andernorts Dirigenten den Opern Mozarts wie mit einem Defibrillator zu Leibe rücken. Proportion und Architektur sind in diesen Stücken stark genug, um Glück und Schock zu gewichten.

          „Lucio Silla“ ist darin gewiss noch kein Meisterwerk. Zeitgenossen wie Johann Adolf Hasse oder Johann Christian Bach verstanden sich auf Balance und Kontrast damals besser als der junge Mozart. Aber Manacorda lässt in den Bravourarien, von denen es hier entschieden zu viele gibt, die Bässe federn und die Streicher perlen, dass ein festlich-schwungvoller Strom zu fließen beginnt, aus dem dann Szenen wie die Totenanrufung im ersten Akt oder die Accompagnato-Rezitative des Cecilio wie der Giunia im zweiten Akt herausragen. Man muss Stabilität und Ordnung beschrieben haben, um die Fetzen fliegen lassen zu können, wenn der Teenager plötzlich Sturm-und-Drang-Musik schreibt.

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