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Wormser Festspiele : Im Namen der Sonnenbrille

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Schwarze Witwe als Beckenrandnixe: Charlotte Puder als Kriemhild Bild: dpa

Dieter Wedel gibt in diesem Jahr zum letzten Mal bei den Wormser Nibelungenfestspielen den Ton an. Mit „Kriemhilds Rache“ inszeniert er zum Abschied eine blutige Parabel auf Größenwahn und Untergangslust.

          Die dreizehn Jahre mit Worms, scherzte Dieter Wedel bei seiner Verabschiedung, seien seine wohl längste Beziehung gewesen. Worms dankte dem scheidenden Intendanten seine Nibelungentreue mit der Festschrift „Das Wunder von Worms“ und der Ausstellung „Dinner für Dieter“, in der neben Kostümen und Requisiten aus dreizehn Festspieljahren auch die Sonnenbrille des Meisters und seine Pausensnacks (Garnelen, Nüsse, Pralinen) zu sehen sind. Zum Abschied servierte der Intendant auf der Bühne vor dem Dom statt Pralinen, Klamauk und Schwertergerassel ein härtere Nuss: ein eher leises, ernstes und ausgesprochen ehrgeiziges Theaterstück.

          „Nibelungen – Born to die“, der Tragödie erster Teil, war letztes Jahr eine Totgeburt, eine Schlammschlacht mit 450 Tonnen Dreck und Feuer. Diesmal stand „Nibelungen – Born this way“, in Friedrich Hebbels Vorlage „Kriemhilds Rache“, auf dem Programm, und es war tatsächlich eine Art Neugeburt. Wedel gibt dem Stück mit der Hassliebe zwischen Kriemhild und Hagen ein Zentrum, Räume und szenische Einfälle und hält so die Balance zwischen Kammerspiel und Welttragödie, heroisch-tragischem Pathos und übermütiger Posse. In der ersten Hälfte des Abends schwört Kriemhild Urfehde für den Mord an Siegfried, in der zweiten exekutiert sie ihre Rache bis zum letzten Blutstropfen. Charlotte Puder ist ein unerbittlicher weiblicher Kohlhaas, eine schwarze Witwe, die sich auf ihrer langen Reise in die Nacht verrennt. Ihr Gegenspieler Hagen ist bei Lars Rudolph ein pragmatisch-zynischer Machtpolitiker mit psychopathischen Zügen, der die Seinen sehenden Auges in den Untergang führt.

          Die Atmosphäre von Misstrauen, Angst und grimmigem Wahn, die den Endkampf umwabert, ist mit Händen zu greifen, die Anspielungen auf den Vernichtungskrieg im Osten sind deutlich. Die Burgunder, ausgerüstet mit Maschinengewehren, Nachtsichtgeräten und Stahlhelmen voller Blut, singen bei ihrem Unternehmen Barbarossa Landserlieder und „Am Brunnen vor dem Tore“ und schauen peinlich berührt weg, wenn ihr Held grundlos einen Hunnen massakriert oder der Schamanin an die Gurgel geht: Der verschworene Haufen grausam sentimentaler Desperados würde lieber sterben, als seinen Führer im Stich zu lassen.

          So, und jetzt mache ich euch zu Gärtnern, ihr Böcke! Kriemhild plant furchtbare Rache.

          Wedels Parabel auf deutsche Großmanns- und Untergangssehnsucht folgt über weite Strecken Hebbels Vorlage, aber am Ende übertreibt er es dann doch ein wenig. Ölfässer brennen, Urwaldtrommeln dröhnen, Mütter weinen, während die Burgunder in Einspielfilmen endlos Häuserkampf in Bagdad und „Untergang“ im Führerbunker spielen. In Worms hat nicht der Gotteskrieger Dietrich von Bern das letzte Wort „Im Namen dessen, der am Kreuz erblich“. Etzel reißt sich die Kleider vom Leib und fällt amtsmüde und desillusioniert in den Naturzustand des edlen Wilden zurück: „Ihr widert mich“. Immerhin, das schier unspielbare Gemetzel bei Etzel hat an deutschen Theatern schon widrigere und weniger inspirierte Bilder hervorgebracht.

          Aber so ganz ohne Spektakel und künstlerische Kompromisse geht es in Wedels Freilufttheater natürlich auch nicht. Bei den Hunnen wird Hunnisch gesprochen, Czardas getanzt und Schaschlick gebraten. Zu Etzels multikultureller Leibwache gehören Beduinenkrieger, knietief im Blut watende Hexen und, ähnlich wie bei Gaddafi, eine Kompanie von Operettenamazonen, die den deutschen Recken auch im orientalischen Nachtclub zu Diensten sind. An Rüdigers Schweizer Hof treiben Götelinde und ihre Tochter Ziegen vor sich her, schenken Obstler aus und plantschen züchtig in der Badewanne, in Worms taucht Kaplan André Eisermann seinen Kopf gewohnt furchtlos in die Eistonne, um seinen frommen Furor abzukühlen. Erol Sanders Etzel zeigt hoch zu Ross, dass er schon als Winnetou in Bad Segeberg den Umgang mit prächtigen Rappen gelernt hat, aber mehr als im Migrationshintergrund tänzeln, beschwichtigen und mahnen darf er eigentlich nicht. Sander, als türkischer Mordkommissar zu Fernsehruhm gekommen, ist weiser Pazifist, liebevoller Papa und stolzer Reitersmann, aber den ungarisch-mongolischen Despoten nimmt man ihm dann doch nicht ab.

          Der letzte Stich: Kriemhild versetzt Hagen Tronje (Lars Rudolph) den Todesstoß

          Das kommt davon, wenn man vor allem auf Schauspieler aus Krimiserien und öffentlich-rechtlichen Seifenopern baut. Götelinde Elisabeth Lanz etwa kennt man vor allem als Tierärztin Dr. Mertens, Spielmann Volker alias Markus Majakowski aus der Telekom-Werbung und als knuddeligen Schneewittchen-Zwerg, Etzels Schamanin als Lottofee. Die Bildzeitung hatte schon vorab gewarnt, dass Franziska Reichenbach in Worms übel getreten und gefoltert werden würde, ohne ihr „Beauty-Glühen“ zu verlieren; tatsächlich trägt sie es mit Fassung, dass man ihr das Herz aus dem lebendigen Leibe reißt. So ist Hagen nun mal, ein Burgunder-Hitler und dezidierter Anti-Wedel. Der Weiberfresser befiehlt „Keine Frau, bis der Staat gerettet ist!“, bei Dieter Wedel kann die Welt nur von friedlichen Frauen und attraktiven Kassandren gerettet werden.

          Im nächsten Jahr übernimmt dann Fernsehproduzent Nico Hofmann das Intendantenzepter; Thomas Schadt soll Regie führen, Albert Ostermaier Texte „ohne moderne Einsprengsel“ liefern. Hofmann, der Guido Knopp des historischen Eventfilms, hat schon fast alle deutschen Schicksalsdramen – Weltkriege, Flucht, Luftbrücke, Sturmflut, Helmut Kohl und Minister zu Guttenberg – publikumsfreundlich durch dekliniert. Vielleicht gibt nächstes Jahr dann also Veronika Ferres Kriemhild und Bruno Ganz endlich mal den Hagen.

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