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Im Gespräch: Sir Simon Rattle : Das dunkelste C-Dur, das je komponiert wurde

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Noch probt Sir Simon Rattle, der Dirigent der Berliner Philarmoniker, mit seinem Orchester. 2018 tritt er zurück Bild: Tim Brakemeier/dpa

Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hat seinen Rücktritt angekündigt. Jetzt spricht er über die Gründe. Einer davon: Er möchte auf keinen Fall sein „letztes Kapitel“ erleben mit diesem Orchester.

          Kurz nachdem Sie Ihren Rücktritt angekündigt haben, Sir Simon, ist auch der Papst Benedikt XVI. zurückgetreten.

          Ich versichere Ihnen, wir haben nicht miteinander telefoniert!

          Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu sein, war immer ein Job auf Lebenszeit. Bülow, Nikisch, Borchard, Furtwängler, Karajan, alle starben im Amt. Erst Ihr Vorgänger Claudio Abbado hat damit gebrochen. Er ging im Zorn. Wie ist das bei Ihnen? Wieso wollen Sie dieses Paradies in fünf Jahren verlassen?

          Weil das genau der richtige Zeitpunkt sein wird. Sehen Sie, die Berliner Philharmoniker und ich, wir hatten doch eine wirklich lange, gute Zeit zusammen.

          Soll das heißen, Ihre Arbeit hier ist getan? Etwas ist vollendet? Vorbei?

          Nein. Ich bin nur realistisch. Ich kenne genügend Orchester, bei denen der Chefdirigent viel zu lange geblieben ist. Und wenn ich länger hier bliebe - übrigens muss das Orchester ja wählen, und wer weiß, was dabei herauskommt, aber nehmen wir mal an, ich bliebe -, dann wäre doch jedem klar, dass dies ein letztes Kapitel sein würde! Ich glaube nicht, dass so etwas eine nützliche Grundlage für die gemeinsame Arbeit sein kann, besonders bei so ehrgeizigen und dynamischen Leuten wie hier. Eines wollte ich auf keinen Fall: zu lange bleiben.

          Wie lange wussten Sie das schon? Von Anfang an?

          Ich habe viel mit Sängern gearbeitet, darunter solchen, die schon über ihren Zenit hinaus waren. Oder kurz davor, es zu sein. Ich erinnere mich, dass ich mit Janet Baker Mahlers Rückert-Lieder machte. Da sagte sie: „Hör mal, Simon, ich kämpfe jetzt vorsichtiger. Ich werde alles geben im Konzert, aber nicht schon in der Probe.“ In dieser Sekunde wusste ich, dass es unsere letzte Zusammenarbeit sein würde. Und so war es dann auch. Wenige Monate später erklärte Janet ihren Rücktritt von der Bühne. Und ich dachte mir damals, was das für eine wunderbare Sache sei, wenn einer das so genau von sich selbst weiß: „Das ist das Ende. Und jetzt fange ich etwas Neues an.“

          Dirigenten haben aber ganz andere Verschleißzeiten und Karrierekurven als Sänger! Ein Sänger muss mit achtzehn durchstarten, Dirigenten werden erst so richtig reif mit achtzig.

          Vielleicht findet man ja, dass ich schon mit vierundsechzig das Kompetenz-Alter für Dirigenten erreicht habe! Aber darauf kann ich heute keine Rücksicht nehmen.

          Was war ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?

          Am Ende war es der pure Instinkt. Ich habe wirklich lange überlegt. Ich habe mich immer wieder gefragt: Möchte ich mit siebzig noch hier stehen? Und meine innere Stimme sagte: Nein. Dazu kommt: Ich habe eine junge Familie. Auch deshalb musste ich diese Entscheidung so weit im Voraus treffen. Wir sind gerade dabei, zu überlegen, wo wir wohnen und leben wollen. Natürlich würde ich Berlin sehr vermissen, unser wundervolles Haus hier. Ja, ich kann mir tatsächlich zurzeit nicht einmal vorstellen, nicht mehr hier zu leben.

          Für die Stadt, ebenso für die meisten Philharmoniker, kam das aus heiterem Himmel. Ein Schock!

          Meine Güte, wir haben doch noch fünf Jahre zusammen! Anderswo bleiben die Musikdirektoren heutzutage maximal fünf Jahre. Die Zeiten haben sich geändert, in der Welt der Musik ticken die Uhren jetzt anders. Ich war achtzehn Jahre lang beim City of Birmingham Orchestra, und alle riefen damals: „Genug! Das ist ja eine Ewigkeit!“ Jetzt werde ich, wenn es gutgeht, sechzehn Jahre bei den Berliner Philharmonikern gewesen sein. Da können Sie doch nicht so tun, als wären das nur fünf Minuten gewesen. Und übrigens hat jetzt auch das Orchester fünf Jahre Zeit, sich zu orientieren und umzuschauen. Ich finde das fair.

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