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Im Gespräch mit Jürgen Schitthelm : Wie blauäugig waren Sie eigentlich, Herr Theaterdirektor?

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„Wir waren nicht mutig, wir waren ahnungslos!“, sagt Jürgen Schitthelm über die Gründung der Berline Schaubühne 1962 am Halleschen Ufer in Kreuzberg Bild: Illustration Burkhard Neie

„Wir hatten nicht das Theater, das Theater hatte uns“: Jürgen Schitthelm leitet die Berliner Schaubühne seit fünfzig Jahren. Ein Gespräch über eine der bedeutendsten Bühnen Europas und das Glück der Ahnungslosigkeit.

          Die Schaubühne am Berliner Kurfürstendamm hat Sommerferien. Es ist heiß, in Jürgen Schitthelms schlichtem Büro trinken wir Mineralwasser. Die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, stellt sich nicht, denn der elegante Herr Direktor ist ein unverbesserlicher Optimist und hat sein Theater damit fünfzig Jahre lang aufs Erfolgreichste und Glücklichste geleitet.

          Herr Schitthelm, Sie haben 1962 die Schaubühne am Halleschen Ufer in Kreuzberg gegründet. Warum?

          Es gab keine freie Szene in dieser Zeit, aber nahezu an jeder deutschen Universität ein Studententheater. Ich studierte seit 1958 an der Freien Universität in West-Berlin Theaterwissenschaft, Germanistik und Publizistik und war im Studententheater aktiv. Dort haben wir uns freilich nicht für das interessiert, was der Lehrkörper für sinnvoll hielt. Die Universität wollte, dass das Studententheater sich den Kopf darüber zerbricht, wie der alte Goethe in Weimar dieses oder jenes inszeniert hatte oder hätte. Theaterwissenschaftlich hat uns das natürlich durchaus interessiert, aber nicht theaterpraktisch. Deshalb haben wir uns entschieden, ein eigenes Theater aufzumachen.

          Wo haben Sie das nötige Kapital dafür aufgetrieben? Die Fördermöglichkeiten waren sicherlich auch anders als heute?

          Ach, so etwas gab es da noch gar nicht! Wir hatten das Glück, dass uns der Vater einer Kommilitonin Ende 1961 ein langfristiges zinsloses Darlehen über zehntausend Mark zur Verfügung stellte. Das wären heutzutage bestimmt hunderttausend Euro. Mit dieser Summe konnten wir schon etwas anfangen. Wir haben uns also auf die Suche nach einem leerstehenden Gemäuer gemacht und landeten im Haus der Arbeiterwohlfahrt am Halleschen Ufer in Kreuzberg. Das war erst kurz zuvor für deren Verwaltung gebaut worden, mit einer Bühne in einem Kulturtrakt, der aber bis dahin nie genutzt worden war. Und dann saßen wir darin.

          Hat der freundliche Vater sein Geld jemals wiederbekommen?

          Ja, natürlich. Als seine Tochter Leni Langenscheidt, die ja mit der Kostümbildnerin Waltraut Mau, dem Bühnenbildner Klaus Weiffenbach und mir das Theater gegründet hatte, einige Jahre später auf eigenen Wunsch ausschied, haben wir ihr die zehntausend Mark zurückgezahlt, obwohl es uns schwerfiel.

          Erlaubten Ihnen die Einnahmen denn einen regelmäßigen Spielbetrieb?

          Wir hätten natürlich Einnahmen und Ausgaben gegeneinander verrechnen müssen, aber das hätte uns in einer völlig unerträglichen Weise beschränkt. Es gab damals keine Projektzuschüsse, sondern sogenannte Inszenierungsbeihilfen des Berliner Senats, die man formlos beantragt hat. Für die - ich glaube - dritte Inszenierung haben wir bereits eine Summe von fünfzehntausend Mark bekommen, die uns durchaus geholfen hat. Wir hatten ja kein festes Ensemble, sondern schlossen jeweils Stückverträge mit den Schauspielern ab. Ansonsten gab es die kontinuierliche Notwendigkeit - und auch die Bereitschaft -, Schulden zu machen. Ich habe immer gesagt, wir hatten nicht das Theater, sondern das Theater hatte uns, weil wir dauerhaft verschuldet waren. In den ersten sechs, sieben Jahren war an Aufhören gar nicht zu denken, denn wie sollten wir die Miesen bezahlen? Eine normale Firma hätte man unter diesen Umständen zusperren müssen. Warum wir trotzdem weitermachten? Nun, wir hatten schon mit der ersten Inszenierung, Ariano Suassunas „Das Testament des Hundes“ in der Regie von Konrad Swinarski, großen künstlerischen Erfolg - sonst hätten wir die Anfangsjahre gar nicht überlebt.

          Gehörte mehr Mut oder mehr Blauäugigkeit dazu, unter so prekären Umständen nicht nur neues, sondern überdies ungewöhnliches, anspruchsvolles, progressives Theater zu machen?

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