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Im Gespräch: Karin Beier Es gibt ein Leben jenseits des Theaters

21.03.2011 ·  Erfolgreich führt sie das Kölner Schauspiel. 2013 wird sie es in Richtung Hamburg verlassen. Mit uns sprach Karin Beier, die auch als Musiktheaterregisseurin gefragt ist, über Kölner Kämpfe, Karriere mit Kind und die Gründe ihres Wechsels.

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Frau Beier, Ihr Haus wurde zum „Theater des Jahres“, Ihre Inszenierung von Ettore Scolas „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt, dennoch gehen Sie vorzeitig und haben gerade Ihren Vertrag am Hamburger Schauspielhaus unterschrieben. Warum machen Sie das?

Meine Entscheidung für Hamburg ist keine gegen Köln, es ist eine künstlerische Entscheidung. Dieses Hamburger Schauspielhaus ist - verdammt noch mal! - eine wahnsinnige Verführung!

Können Sie bitte einmal erklären, warum man Ihnen trotz aller Erfolge, wie Sie in einem Brief an Ihre Mitarbeiter schrieben, „den Roten Teppich zum Abgang ausgerollt“ hat?

Zunächst einmal: Der Abgang fällt mir nicht leicht. Ich bin Kölnerin, ich liebe dieses Theater, ich bin erstaunt, welche irren Wege die Zuschauer hier mitgegangen sind. Ich habe das Gegenteil von dem erfahren, was man mir vorher sagte: Die Kölner wollen sich vor allem amüsieren. Den Umgang mit mir als Person von Seiten der Politik aber fand ich nicht so prickelnd. Es gab einige Situationen, in denen ich eigentlich sofort hätte sagen müssen: Ich schmeiße alles hin.

Sind Sie in Köln auch künstlerisch an Grenzen gestoßen?

Das ist schon so. Wir stehen in Konkurrenz mit vier Städten, die einfach eine Nummer größer sind und eine andere Theatertradition haben: Wien, München, Hamburg und Berlin. Und die natürlich für unsere Künstler reizvoll sind. Die jungen Schauspielerinnen, die hier in den ersten Jahren große Rollen gespielt haben, wurden bereits alle von den großen Häusern abgegriffen. Die Regisseure sind kaum ans Haus zu binden. Es nervt einfach, wenn man immer in der Position ist, zu kratzen, zu bitten und zu betteln. Das Hamburger Schauspielhaus dagegen ist immer noch ein Magnet für viele Künstler und wird mir meine Arbeit, so hoffe ich, erleichtern. Es wird einfacher sein, eine Truppe von Schauspielern zusammenzustellen, die nicht noch auf zehn anderen Hochzeiten tanzen will.

Die Kulturpolitik in Hamburg hat in den vergangenen Jahren auch kein gutes Bild abgegeben. Im Herbst noch sollte drastisch gespart werden, unter anderem sollte der Etat des Schauspielhauses gekürzt werden. Die Proteste dagegen waren ein Grund für das Ende der schwarz-grünen Koalition und die Neuwahlen.

Ich hatte den Vorteil, dass die Verhandlungen zu einer Zeit geführt wurden, als es schon ein großes Bewusstsein bei den Verantwortlichen gab, dass sie Fehler gemacht haben. Der Aufschrei hat Wirkung gezeigt. Die Gespräche mit der Behörde, insbesondere mit Senatsdirektor Bethge und Kulturstaatsrat Hill, fand ich sehr angenehm und seriös. Und ich kann nur sagen: Für Verhandlungen ist so eine Wahlkampfsituation nicht das Schlechteste.

Statt 1,2 Millionen Euro weniger bekommt das Schauspielhaus dank Ihnen ab 2014 2,5 Millionen mehr. Hat Sie das überrascht?

Mir ist klar, dass mir in dieser besonderen Situation Dinge gelungen sind, die Konsequenzen haben werden - auch über die Hamburger Kulturszene hinaus. Denn natürlich wissen die Politiker auch, dass der Nächste, der einen Vertrag verhandelt, dass auch haben will.

Hat es Sie nicht genervt, zum Gegenstand des Wahlkampfes zu werden?

Dass Bürgermeister Ahlhaus kurz vor der Wahl bei einem Pressetermin sagte: „Wir haben eine neue Intendanz“, empfand ich nicht als Übergriff. Da bin ich ganz andere Dinge gewohnt. Es war nur nicht verabredet, und ich wollte mich auch nicht von der CDU als Trophäe ans Revers heften lassen. Deshalb hatte ich zwei Wochen vor der Wahl mit Olaf Scholz gesprochen und auch Kontakt zur GAL gesucht. Scholz war schon unterrichtet, kannte genau meine Bedingungen. Die damalige Opposition hat meine Wahl mit abgesegnet.

Haben Sie sich eigentlich jemals so begehrt gefühlt wie in den vergangenen Monaten?

(Lacht.) Es ist gerade schon eine gute Zeit. Aber ich weiß ja, dass das nicht so bleiben wird.

Es gibt zwei Phasen, in denen Sie als Person extreme Aufmerksamkeit bekamen. Anfang der neunziger Jahre galten Sie als das Supertalent, das, so steht es in jedem Porträt, stets sehr kurze Miniröcke trug . . .

. . . über die Kleidung der männlichen Talente hat man meines Wissens nie geschrieben . . .

. . . und in den vergangenen zwei Jahren wurden Sie zur Superintendantin ausgerufen.

In der Zeit dazwischen aber wurde ich für manche Inszenierung von der Kritik niedergeknüppelt und vom Publikum ausgebuht. Deshalb habe ich ja auch den utopischen Wunsch, mich möglichst frei zu machen von der Anerkennung von außen.

Klingt nicht, als ob das gelänge?

Natürlich nicht. Ich habe mich gerade wahnsinnig über mich geärgert. Früher wusste ich nie, wann die Auswahl fürs Berliner Theatertreffen bekanntgegeben wird. Das war mir wurscht. Seit ich aber Intendantin bin, weiß ich, immer um den 13. Februar ist das abschließende Jurytreffen, der Tag, an dem man sein Telefon anzustarren beginnt. Dieses Jahr wusste ich: Es wird um 13 Uhr eine Pressekonferenz geben, vorher werden die Theater informiert. Als bis zwölf kein Anruf kam, war ich dermaßen deprimiert, dass ich mich - als wir um eins im Internet nachschauten und als einziges Theater mit zwei Inszenierungen eingeladen waren - überhaupt nicht mehr freuen konnte. So möchte ich nicht sein.

In Köln haben Sie drei Säulen: Internationale Regisseure wie Katie Mitchell oder Alvis Hermanis, Einbindung von freien Gruppen wie Signa oder Gob Squad und Stücke, die sich mit der Stadt auseinandersetzen wie ihren Jelinek-Abend über den Einsturz des Stadtarchivs. Welche Idee haben Sie denn schon für Ihren neuen Job?

Ich werde dieses Modell sicher nicht übertragen, das hat in Hamburg, wo es ja auch noch das Thalia und Kampnagel gibt, gar keinen Sinn. Andererseits kann und werde ich mich auch nicht verbiegen. Entscheidend am Schauspielhaus, das hat mir Frank Baumbauer gesagt, sei die erste Premiere. Das sei wie Licht an oder aus. Wenn das Licht aus ist, musst du zwei Jahre ackern und gute Sachen machen, bis du überhaupt wieder einen Schimmer siehst. Er gehört auch zu den nicht gerade wenigen, die mich vor dem Schauspielhaus gewarnt haben: Das Haus sei nicht zu managen, an dem seien schon viele gute Leute gescheitert. Es ist eine Herkules-Aufgabe, dieses Riesenhaus zu füllen und trotzdem anspruchsvoll zu sein.

Wann wussten Sie das erste Mal, dass Sie das können: Intendantin?

(Lacht.) Können? Nie! Das hat ja ganz viel mit Schicksal und Glück zu tun. Ich bin sehr jung an sehr großen Häusern gewesen und habe das immer als eine extreme psychische Belastung empfunden. Gerade als ich eine gewisse Gelassenheit gefunden hatte, verdichtete sich die Sache mit Köln. Dabei ging es mir gut in Wien, es machte Spaß am Burgtheater, ich verdiente gut und war geschätzt. Deshalb hatte ich eher Angst vor einem neuen Dauerpanikzustand. Dann sagte ich zu - und wurde schwanger.

Hatten Sie deshalb Bedenken, den Job anzutreten?

Jeder sagte mir: Viel Spaß, das ist nicht zu leisten! Dabei konnte mir gar nichts Besseres passieren, weil das eine, meine Tochter, die Bedeutung des anderen dermaßen relativiert. Es hat mich auch davor bewahrt, auf so eine ungute Art in einem Theater verheizt zu werden.

Sie haben einmal gesagt, die Theaterszene sei „ein missgünstiger, Lust tötender Brei“, den man meiden solle. Wie haben Sie es exakt die Hälfte Ihres Lebens darin ausgehalten?

Weil ich glücklicherweise noch ein Leben außerhalb des Theaters habe. Dieses Gefühl, was ich damit zu beschreiben versuchte, habe ich oft, wenn sehr viele Theatermacher auf einem Haufen zusammen sind. Natürlich gibt es auch Kollegen, mit denen man wunderbar reden kann, aber oft fühle ich mich nach einem Gespräch richtig beschmutzt. In diesem Metier steckt einfach sehr viel negative Energie. Es gibt viele, die sich selbst vor allem darüber definieren, dass sie schlecht über andere reden. Und das ist - in geballter Form - nicht schön.

Sie sind nun als erste Frau - seit Andrea Breth an der Schaubühne - auf den Chefposten eines der größten Theater des Landes berufen worden. Ein paar andere - Barbara Frey in Zürich, Amelie Niermeyer in Düsseldorf, Barbara Mundel in Freiburg - leiten auch größere Häuser. Muss man sich Sorgen machen um das letzte staatlich subventionierte Männerherrschaftssystem neben der Bundeswehr?

Das sollte man, denn einige junge Regisseurinnen werden sicher folgen. Was sich aber schon jetzt geändert hat am Theater, ist das Verhältnis zu Leuten, die Kinder haben. In der Generation vor mir war das total verpönt. Da hieß es: entweder Theater oder Kind. Als ich in Basel inszenierte, wunderte ich mich noch, dass alle Dramaturgen mindestens zwei Kinder hatten. Das hat das Klima im Haus total entspannt. Die Gesellschaft verändert sich - und das Theater zum Glück auch. Heute ist es normal, dass Schauspielerinnen Kinder bekommen und weiter ihre Rollen spielen.

Stimmt es, dass Sie das Theater immer pünktlich um 16.30 Uhr verlassen?

Genau, dann bin ich bei der Momo - und das wird auch so bleiben. Seit sie auf der Welt ist, mache ich abends auch keine Probe mehr. Wenn ich das Kind ins Bett bringe, da geht der Puls so runter. Ich tue mir selbst schon leid genug, wenn ich danach noch den Computer anschalten muss.

Interview Volker Corsten

Quelle: F.A.S.
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