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Im Gespräch: Edith Clever : Warum ist uns Kleist so nahe?

  • Aktualisiert am

„Ich war immer mutig...”: Edith Clever Bild: Burkard Neie

Wir treffen Edith Clever in einem Berliner Café. Die Theatergeschichte sitzt beim Gespräch neben uns, aber das ist die Schauspielerin gewohnt. Sie hat schließlich selbst kräftig daran mitgeschrieben.

          Frau Clever, zu Ihrem runden Geburtstag im Vorjahr haben Sie keine Interviews gegeben, Sie spielen auch kaum noch Theater. Haben Sie sich von der Bühne zurückgezogen?

          Nein, aber die Tendenz dazu besteht, außer wenn mich zum Beispiel vielleicht Luc Bondy fragen würde, ob ich bei ihm in einer Inszenierung mitspielen will, oder wenn mir jemand eine Lesung vorschlägt und es sind schöne Texte, an deren Auswahl ich mich selbst beteiligen kann. Doch dass ich den dringenden Wunsch hätte, eine Sache nach der anderen zu übernehmen oder noch sehr große Rollen zu spielen, kann ich nicht sagen. Ich habe auch nicht den Wunsch, ganz neue Menschen kennenzulernen, die völlig anders arbeiten, als mir das vermutlich vertraut ist. Da habe ich Angst, weil ich weiß, dass ich, wenn ich mich nicht wohl fühle und nicht den Raum habe, den ich brauche, nicht gut sein kann. René Pollesch hat mich gefragt, ob wir etwas zusammen machen wollen, und Frank Castorf wäre sicher auch nicht abgeneigt. Aber mich in eine mir im Grunde sehr fremde Welt einzufinden, davor habe ich einfach Angst, und mit Angst kann man nicht arbeiten. Obwohl ich, das möchte ich ausdrücklich sagen, gegen beide Herren nichts habe, im Gegenteil! Ich habe jedoch den Eindruck, Pollesch und Castorf arbeiten ganz anders, als mir vielleicht gut tut.

          Aber das heißt nicht, dass Sie das Bedürfnis, etwas auszudrücken und sich einen Text, eine Rolle anzueignen, ganz verloren hätten?

          Natürlich fasziniert mich das Theater nach wie vor. Aber ich habe heute doch sehr das Gefühl, dass es wichtiger ist, zurückzuschauen, mein Leben zu überdenken und zu überlegen, was denn noch notwendig wäre. Die Übergänge zwischen den Lebensphasen sind, glaube ich, ein großes und schwieriges Thema. Sie brauchen ihre Zeit – wie auf der Bühne, um von einem Satz zum anderen zu gelangen. Da müssen ganz feine Dinge bedacht und bewältigt werden. Das beschäftigt mich sehr.

          Für mich ist es gut, zur Ruhe zu kommen und mich für andere Dinge zu interessieren, nämlich für mein Leben. Insofern gehöre ich nicht zu den Schauspielern, die klagen: „Ich werde gar nicht mehr gefragt, es gibt ja gar keine Rollen für mein Alter, und ich bin ganz vergessen.“ Ich glaube, dass ich einen gewissen Anteil daran habe, weil ich mich sehr radikal unabhängig gemacht habe und mich in meinem eigenen Sinne artikulieren wollte.

          Sie spielten von 1971 bis 1984 an der bald weltweit gefeierten Berliner Schaubühne. Wie viel Mut brauchten Sie, um diesen Olymp wieder zu verlassen?

          Mutig war ich eigentlich immer . . . Als es mir trotz des wunderbaren Ensembles und der großartigen Regisseure, Techniker, Bühnen- und Kostümbildner an der Schaubühne ein bisschen eng wurde und ich anfing, mich an mir selbst zu langweilen, war es mir geradezu eine Pflicht, zumindest eine Weile wegzugehen. Bei dem Regisseur Hans-Jürgen Syberberg hatte ich dann im Anschluss an die Schaubühnen-Zeit das Gefühl, dass er Dinge von mir sehen wollte, die ich dort so nicht hatte zeigen können. Er hatte einen unbedingten Glauben an mich! Unsere intime Zusammenarbeit in größter Freiheit hat mir sehr entsprochen. Danach musste ich mich dann auf meine eigenen Füße stellen und habe zum Beispiel 1992 selbst zu inszenieren begonnen.

          Wussten Sie schon, als Sie noch zur Schule gegangen sind, dass Sie Schauspielerin werden wollten?

          Es gab nicht viel Auswahl. Ich war eine schlechte Schülerin und sehr unglücklich. Wir hatten in der Grundschule einen schlimmen Rektor, der uns unterrichtete und dabei ziemlich brutal vorging. Ich bin zwar nicht geschlagen worden, habe es jedoch in der Klasse gesehen. Im Gymnasium war der Sadismus dann subtiler. Das alles hat mich sehr bedrückt. Ich habe nicht ernsthaft gelernt, doch ich interessierte mich immer für Kunst und Philosophie und habe viel gelesen. Aber nichts wäre für mich so zwingend gewesen wie das Schauspielen.

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