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Im Gespräch: Anne Sofie von Otter : Finden Sie Carmen sexy, Frau von Otter?

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Ob eine „Nordische Eis-Göttin” die südlich-sinnliche Femme fatale Carmen singen könne? Keine Frage für Anne Sofie von Otter Bild: Carl Bengtsson / Deutsche Grammophon

Sie hat mehr Aufnahmen gemacht als alle ihre Kolleginnen in den letzten dreißig Jahre. Die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter über den Witz von Offenbach, Barbra Streisand als Vorbild und die Herausforderung der Carmen-Partie.

          Anne Sofie von Otter trägt Jeans, ein hellblaues Pulloverhemd und dezentes Make-up. Sie wirkt entspannt, denn ihr nächstes Konzert ist erst in drei Wochen. Sie kann also reden, ohne auf die Stimme Rücksicht nehmen zu müssen.

          Sie haben mehr Aufnahmen gemacht als alle Ihre Kolleginnen in den letzten dreißig Jahren. Gehört die Suche nach dem Neuen zu Ihren besonderen Eigenschaften?

          Ich hatte das Glück, im richtigen Moment zu beginnen. Die Laufbahn einiger Kolleginnen ging zu Ende. Und ich war immer darauf bedacht, ein möglichst umfassendes Repertoire für meine Stimme zu singen.

          Auch mit ihm hat Anne Sofie von Otter bereits zusammengearbeitet: Elvis Costello
          Auch mit ihm hat Anne Sofie von Otter bereits zusammengearbeitet: Elvis Costello : Bild: AP

          Wie sind Sie auf die Lieder und die Musik gestoßen, die von Gefangenen des Konzentrationslagers Theresienstadt geschrieben worden sind?

          Ich wurde im Jahr 2000 eingeladen, diese Lieder von Ilse Weber, Hans Kráza, Victor Ullmann und anderen beim Holocaust-Forum in Stockholm zu singen. Über David Bloch erhielt ich weitere Lieder, die durch das Terezín Music Memorial Project zusammengetragen worden waren. Die Lieder haben in mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. 2006 und 2007 habe ich sie dann aufgenommen.

          Als eine Mahnung oder ein Ansingen gegen das Vergessen?

          Ich empfand, dass dieses Projekt weltweite Aufmerksamkeit verdiente. Unter dem Titel „Entartete Musik“ gab es ja schon eine Reihe mit Werken, die in NS-Deutschland nicht gespielt werden durften, deren Komponisten ins Exil mussten oder sogar Opfer des Holocaust wurden. Hier finden sich Lieder, etwa die Gesänge von Ilse Weber oder Volkslieder, die in ihrer Kunstlosigkeit ergreifend sind. Sie packen den Hörer womöglich rascher und tiefer.

          Eine Überlebende des Holocaust, die Pianistin Alice Herz-Sommer, hat gesagt, dass Musik den Gefangenen wenigstens für Momente das Gefühl der Befreiung geschenkt habe.

          Von Viktor Ullmann ist der Satz überliefert, dass „wir keineswegs bloß klagend an Babylons Füßen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war“. Selbst wenn man die Dokumente liest, kann man nur ahnen, was in den Menschen vorgegangen ist.

          Sie werden die Lieder demnächst bei mehreren Festivals und auch in der Berliner Philharmonie singen. Ist das emotional belastend?

          Ich hatte viel Zeit, mich vorzubereiten. Vor Ergriffenheit oder vor Entsetzen weinen kann ich, wenn ich davon lese. Oder wenn mir jemand von den entsetzlichen Ereignissen erzählt. Wenn ich singe, habe ich eine Aufgabe.

          Friedrich Nietzsche schreibt, dass alle große Musik „Schwanengesang“ ist: Wie entgeht man bei den Gesängen von Todgeweihten dem falschen Pathos der Betroffenheit?

          Indem man Distanz wahrt. Indem man sich nicht seinen Gefühlen überlässt. Man kann die Gefühle oder die Schmerzen nicht imitieren, sondern muss sie darstellen. „Ich wandre durch Theresienstadt, das Herz so schwer wie Blei . . .“ Das mache ich am besten, wenn ich es ziemlich neutral singe und objektiviere.

          Sie haben Lieder von Benny Anderson, der zur Popgruppe Abba gehörte, ebenso gesungen wie Musik von Elvis Costello. Wie findet man den Ton für diese Lieder, für ihren Stil, dem die wenigsten klassischen Sänger gerecht werden?

          Ein großer Teil meines Talents liegt darin, dass ich Chips im Kopf habe. Ich stecke sie hinein wie in einen Computer. Ich singe nicht vor mich hin, und ich genieße auch nicht das Gefühl, meine Stimme zu hören. Ich genieße die musikalische, die intellektuelle Herausforderung. Popmusik habe ich schon als Kind gesungen und mich dabei auf der Gitarre begleitet.

          Sängerischer Stil lässt sich definieren als Symbiose der Musik und ihrer Formensprache und der Technik.

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