Es war der lauteste, der spektakulärste Knall im Theater der letzten Jahre, als 2009 in der Berliner Schaubühne Ibsens Nora nicht am Ende die Tür ihres stickig schicken Puppenheim-Lofts hinter sich ins Schloss fallen ließ und ins Weite floh, weg von ihrem feigen, verlogenen Mann und insgesamt frauenverachtenden Verhältnissen, sondern - zur Pistole griff. Und ihren Gatten niederknallte. Er fiel damals kugeldurchlöchert in ein Aquarium voller Zierkarpfen. Anne Tismer als Nora erledigte dies mit hinreißend eisgekühlter Hysterie. Der Regisseur war Thomas Ostermeier.
Jetzt, im Théâtre Vidy in Lausanne, inszeniert Ostermeier wieder ein derartiges Frauenfinalspektakel. Valérie Dréville spielt Frau Alving, die Hausfrau im Familiendrama „Gespenster“ (Les Revenants) von Henrik Ibsen. Eben noch hat sie mit ihrem Sohn Oswald ringkampfartig verschlungen in einem Sessel gelegen: in einer Abwehrschlacht. Gegen die Gespenster der Vergangenheit. Oswald hat ihr gestanden, dass er an syphilitischer Paralyse (“Wurmstichigkeit“) leide, ererbt von seinem Vater, einem Säufer, Wüstling, Hausmädchenschwängerer und Vergewaltiger.
Inzestuöse Pietà-Pose
Zu des Unehrenhaften ehrendem Angedenken haben sie an seinem zehnten Todestag ausgerechnet ein Kinderheim errichtet. Die Witwe, die den Ehrbarkeitsschein vor der wurmstichigen Familie über Jahre krampfhaft aufrechthielt, hat für die Stiftungsgelder gesorgt. Oswald, Künstler und Maler, kam zu diesem Anlass aus Paris zurück. Und bittet seine Mutter um Sterbehilfe (Morphium, er hat die Spritzen gleich mitgebracht), wenn die Krankheit in Gehirnerweichung, in Regression, ins Lall-, Windel- und Wickelstadium ihn treiben sollte. Das tut sie nun gerade mit Macht. Er bricht zusammen: „Mutter, gibt mir die Sonne!“ - seine letzten Stotterworte. Dann fällt der Vorhang.
Bei Ibsen bleibt in der Schwebe, ob Frau Alving ihrem Sohn den letalen Wunsch erfüllt. Sie greift, noch bevor der Vorhang ganz fällt, „Nein, nein, nein! - Doch, ja! Nein, nein!“, nicht zu den Morphiumspritzen. Sondern zu einer Verzweiflung. Die elegante, hohe, in einem eierschalenfarbenen, engen Hosenanzug steckende Frau Alving der Valérie Dréville greift, „Si! Non, non!“, entschlossen zur Spritze, die sie ihrem halbnackten Oswald in den Arm rammt. Nach diesem dunkelgoldenen Schuss zieht sie ihre Seidenbluse und ihren BH aus und nimmt ihren toten Jungen in inzestuöser Pietà-Pose auf den Schoß. Ein altes, immer noch schönes, schmalgesichtiges, mit sehnsüchtig fiebrigen Augen die Welt durchdringendes Mädchen nimmt ihre Lieblingslebendpuppe ein letztes erotisches Mal in den Arm.
Mit einer Séance vergleichbar
Ostermeier inszeniert hier, abgesehen davon, dass er Ibsens „Hedda Gabler“ sich auch schon regel- und stückgerecht hat erschießen lassen, nach der „Nora“ zum zweiten Mal einen Ibsen mit irregulärem Schluss-Schuss. Figuren in der Schwebe, im Ungewissen, im Widersprüchlichen, Zerrissenem zu lassen ist seine Sache nicht. Er zieht sie ins Eindeutige. Zwingt sie gerne auf seine Zeichen-Hängematte, wo er sie mehr oder weniger sanft schaukelt. Hier tut er dies wunderbar sanft (bei der „Nora“ war dies schon heftiger). Das hat, wo er allein mit französischen Schauspielern und seiner und Olivier Cadiots nüchterner Übersetzung in ein umstandsloses Französisch arbeitet, den Charme einer unverquält kitschigen Erotik, aber auch einer rührend gewitzten Liebenswürdigkeit. Er reicht Ibsens Menschen sozusagen den Regie-Arm und hilft ihnen übers Schlimmste leicht hinweg.
Jan Pappelbaum hat auf die offene, leere Bühne einen Schreib-Esstisch mit vier Stühlen vor eine Sperrholzwand gestellt, hinter der sich eine kalte lederüberzogene Sofalandschaft verliert. An der Bühnenwand links ein elektronisches Klavier, worauf hie und da Schönbergartiges und Chopins „Regentropfen“-Prélude gespielt wird. Insgesamt ein dunkles Loch, rundum bewegt auf der Drehbühne, an deren Rand das Modell des Kinderheims steht, das später in Brand aufgehen wird. Auf den Wänden erscheinen Video-Bilder von Regentagen, Totenvögeln, Wolken, düsteren Stränden. Frau Alving, Oswald, Pastor Manders, Regine, Hausmädchen bei Frau Alving, und Tischler Engstrand, Regines Vater, treten gleich zu Beginn zusammen in den Raum. Wie zu einer Séance. Die Gespenster-Beschwörung beginnt.
Mit einem lebensflotten Pastor Manders
Es scheint freilich, als litten sie weniger unter ihrer Vergangenheit, die sie nun als Wiedergänger hier spuken lassen müsste, sondern als probierten sie mit all ihren Verletzungen, Sehnsüchten, Verfehlungen, Infektionen, Todeskrankheiten eine kurze, kuriose Gegenwartsmöglichkeit aus. Letzte komische Vitalitätszuckungen. Das Familiendrama wird zur Tragikomödie. Durch sie hindurch schlendern Boulevard-Figuren in frohgemuter Albtraum-Stimmung.
Wo Ibsen sorgsam ein dichtes Netz aus alten Lebenslügen knüpft, durch dessen Maschen keiner entkommt, lässt Ostermeier ihnen sofort Luft und Leben. Es hat ja doch etwas sympathisch Lausbübisches, dass er Pastor Manders, den bitteren Moralprediger und den gnadenlosen Wärter übers Ehegefängnis der Frau Alving, hier in Gestalt von François Loriquet im eleganten grauen Priesterkragenanzug nicht zu einem lebenslos verklemmten Knochen, sondern zu einem schlanken, offenen lebensflotten Kerl macht. Regine, die Mélodie Richard in kurzem Kleid, lockerer Bluse und Püppchenlocken als frei bleibendes erotisches Angebot kühl feilbietet, schaut der Pastor gerne auf Bein und Brust, und wenn sie ihm die regennassen Schuhe mit Zeitungspapier ausgestopft, er seine feuchten Socken in der Aktentasche verstaut hat, lässt er es schon einmal zu einem hübsch verschlungenen Vierhände-Techtelmechtelversuch kommen.
Zurückgelassene herzlich Belämmerte
Der Frau Alving, die einst nach einem Jahr Horror-Ehe zu ihm floh und die er wieder nach Hause schickte, weil er sich die Liebe zur Frau eines anderen nicht zutraute, gibt der Pastor nach all den Jahren keine säuerliche Erinnerung, sondern einen langen Kuss, den sie, nachdem sie ihn als „altes, altes Kind“ charmant abkanzelte, herzlich erwidert. Was Ibsen höchstens zwischen drei oder vier Zeilen als sehnsuchtsvolles Vorbei!, Verloren! versteckt, das spendiert Ostermeier den Figuren mit herzlicher Eindeutigkeit. Keine Opfer ihrer Vergangenheit, sondern Souveräne ihrer Gegenwart. Und die menschenfreundliche Regie-Umarmung Ostermeiers lässt der Frau Alving denn auch keinen Raum für leidende Sentimentalitäten, sondern öffnet ihr wundersam ironisch und verständig: Lebensmöglichkeiten. Auch wenn diese noch so tödlich begrenzt sein mögen.
Wenn sich Regine als Oswalds Halbschwester, Frucht einer Zimmermädchen-Vergewaltigung des alten Kammerherrn, herausstellt, dann ist des Pastors Entsetzen so herzlich fassungslos, wie es der Zusammenbruch Oswalds ist, der Regine hinter der Sperrholzwand stöhnend an die Wäsche ging (wie einst sein Papa Regines Mutter). Eric Caravace spielt den Oswald mehr als pubertären jungenherzschmerzbewegten Wuschelkopf, der mit dem Trockenfeuerlöscher seine Verzweiflung versprüht und Möbel durch die Luft wirft, als dass er in die dumpfe Brüterei eines Welt- und Bürgerverächters versänke.
Wenn Regine, die am Ende schnippschnöselig abhaut, der Familie, die eigentlich ihre war, aber in der sie nur dienen, nicht herrschen durfte, mit einer obszönen „Ihr könnt mich mal alle!“Trotzgeste adieu sagt, dann bleiben herzlich Belämmerte zurück. Die sich, Mama wie Bub auf ihrem Schoß, ihren Pietà-Schluss als Kitschsahnehäubchen auf ihrem Lebenslust-Boulevard zum Tode redlich verdient haben. Ostermeiers „Revenants“ sind nicht ganz das, was Ibsens „Gespenster“ sind. Aber was sie anders sind, sind sie sehr sympathisch anders. Man kommt gar nicht dazu, mit diesen Menschen zu leiden. Weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sie lächelnd zu mögen.
Das Schwergewicht Ibsen
Klaus Letis (odysseus_8)
- 18.03.2013, 21:34 Uhr