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Humperdincks Hänsel und Gretel : Endstation Oper?

Diana Haller singt als Hänsel mit dem Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Georg Fritzsch. Auf der Leinwand spielen Ariane Gatesi (l.) und David Niyomugabo Gretel und Hänsel in Ruanda. Bild: dpa

Das Stuttgarter Opernhaus zeigt Kirill Serebrennikows Film zu Humperdincks „Hänsel und Gretel“. Darin wird Afrika zum Rohstoff für die Relevanz europäischer Kunst.

          Die Aussicht ist schon mal toll. Kirill Serebrennikow ist kaum auf dem Balkon seines Hotelzimmers in Ruanda angekommen, da schießt er gleich ein paar Fotos mit seinem Smartphone. Dass man abends im Restaurant, beim ersten Arbeitstreffen mit den Afrikanern, einfach so Pizza bestellen und essen kann – den Einheimischen schmeckt es sogar besonders gut –, das gefällt dem russischen Regisseur schon weniger. „Eine schlechte Kopie Europas“, nörgelt er leise und mit müdem Blick in die Kamera. Und dafür ist er nicht hierhergekommen. Serebrennikow sucht Lehmhütten, Armut, hungernde Kinder, Afrika eben, nicht Europa! Afrika so, wie er es kennt aus den medialen Bildern für Europa, das sich so gern um das arme Afrika kümmert.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Er will für die Staatsoper Stuttgart Engelbert Humperdincks musikalisches Märchen „Hänsel und Gretel“ inszenieren, ein Stück des späten neunzehnten Jahrhunderts. Und die darin zu hörende Klage der Mutter über lebensbedrohliche Nahrungsmittelknappheit soll auf der Bühne nicht „zu einer pittoresken Erinnerung an überwunden geglaubte Probleme“ werden, wie seine Dramaturgin Ann-Christine Mecke es jetzt im Programmheft schreibt. Statt pittoresker Vergangenheit nun also pittoreske Ferne: „Hänsel und Gretel“ in Afrika, ein fiktionaler Stummfilm mit dokumentarischer Anmutung, in der Regie von Serebrennikow mit dem Kameramann Denis Klebejew. Die Dreharbeiten sind ihrerseits dokumentiert worden in einem Film von Hanna Fischer, der den Journalisten in liebenswerter Offenherzigkeit vorab schon einmal zugänglich gemacht wurde. Für den Opernfilm wurden zwei Kinder aus Ruanda eigens gecastet. Sie leben dort nicht in Saus und Braus, wachsen aber liebevoll behütet – so hat es zumindest den Anschein – auf. Das Drehteam kaufte nun ruandischen Straßenkindern deren zerrissene, schmutzige Kleider ab, um sie den gepflegt angezogenen Filmkindern anzuziehen. Die Lehmhüttensiedlung für das pittoreske Elend wurde auch bald gefunden, und die Dreharbeiten konnten im April 2017 fast störungsfrei stattfinden.

          Wir ignorieren afrikanische Kunst und Literatur

          Es ist die Dramaturgin Ann-Christine Mecke, die mit Klugheit und untrüglicher Sensibilität schon im Dokumentarfilm bemerkt: „Wir sind die Weißen, die mit Geld hierherkommen und einen Film drehen.“ Auf der Höhe gegenwärtiger postkolonialistischer Diskurse kommentiert sie auch jetzt, zur Stuttgarter Premiere, dass Serebrennikows Arbeit eine „Gratwanderung“ darstelle, weil sie genau jene Machtverhältnisse zur Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit habe, wonach „wir Europäer afrikanische Länder vor allem als hilfsbedürftige Problemgebiete wahrnehmen und afrikanische Kunst und Literatur, Unternehmergeist und Professionalität ignorieren“.

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