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Horváth in Frankfurt Die Friedhofsjodler der Laubgerechten

07.12.2009 ·  An der Rampe hockt ein Höllenhund: Günter Krämer zeigt Horváths Wiener Wald als Gespensterbezirk, bevölkert von Schauspielern, die wunderbar wirbeln. Neuerdings bleibt man ihretwegen in Frankfurt im Theater.

Von Gerhard Stadelmaier
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Wer den Zuschauerraum des Schauspiels Frankfurt betritt und einen Blick auf die offene Bühne wirft, könnte durchaus versucht sein, gleich wieder zu gehen. Weil er den Eindruck nicht los würde, dass er, bevor sie noch beginnt, die ganze Inszenierung schon gesehen hat. Unter tief hängenden fahl funzelnden Neonstrahlern, die weit gestaffelt den leeren Raum halbhoch gliedern, liegen Unmassen von herbstlich faulen graubraunen Blättern, die den Bühnenboden zur Gänze bedecken. Die Verwesungslaubernte aller Trübsinnsbäume dieser Welt.

Der Regisseur Günter Krämer, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, macht nicht viel Zeichenfederlesens und wirft mit den preiswertesten Symbolwürsten nach allen Endspielspeckseiten: Wer hier auftritt, hat ein Untergangsbillet zweiter Regieklasse gelöst – ohne Rückfahrschein. Die Bühne scheint eines der üblichen Passepartouts, in das von Aischylos bis Achternbusch alles Mögliche hineinpasst, Horváth natürlich auch. Aber nichts richtig hergehört. Dies grobe Allerweltsbühnenbild würde sich alle beliebigen Stücke vom Leib halten können, indem es sie in seinen Rahmen zwänge: in einem Theater der Ortlosen.

Wer jetzt aber schon gegangen sein würde, hätte zwar keine Inszenierung, aber das Beste versäumt: die Schauspieler. Das Stück „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth hat genaue Orte. Es spielt im Wiener 8. Bezirk, dann drunten an der Donau, draußen in der Wachau, in einem Heurigenlokal und in einem Nachtclub. Es geht um eine junge Frau, Marianne, Tochter eines Puppenklinik- und Spielwarenladenbesitzers und „Zauberkönigs“, zwangsverlobt mit dem Metzger Oskar, der so gern die Säue absticht und Frauen mit einem Jiu-Jitsu-Griff aufs Kreuz legt. Und es geht darum, dass Marianne da raus will. Aus dieser stickigen Atmosphäre. Ins Freie. Ins Leben. In ein Paradies, das ihr deshalb schon eines wäre, wenn sie da nur ein wenig Luft kriegte.

Du wirst meiner Liebe nicht entgehen

Aber an der Rampe sitzt in Frankfurt eine Art Höllenhund, der jeglichen Zugang zum Paradies versperrt. Er hat die Gestalt einer uralten Frau in dicken, bauschigen, schwarzen Gewändern mit einer Riegelhaube auf dem Schädel, der dem Schauspieler Michael Abendroth gehört. Er spielt die Großmutter des Strizzis und Schluris und Pferdewettenspezialisten Alfred. Mit ihm, glaubt Marianne, schwömme sie ins Paradies. Kriegt aber nur ein Kind von ihm, das ihr weggenommen, von Alfreds Großmutter getötet wird, während Marianne, verstoßen vom „Zauberkönig“, in Nachtclubs sich prostituiert, im Gefängnis landet, am Ende in den Armen des Schlächters Oskar den berühmtesten und grausamsten Satz des Stücks hört: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen.“ Worauf sie nur noch sagen kann: „Jetzt kann ich nicht mehr – “ inklusive Gedankenstrich. Und in diesem Gedankenstrich liegen alle Paradiese begraben wie in einem Höllenschlund.

Dass aber die Großmutter als Höllenhund ganz leise, ganz listig und ganz zentral den ganzen Abend an der Rampe sitzen bleibt, hie und da einen sanften, zart-bösen Sehnsuchtsjodler singsummt und in ihrem „Joridiroririii“ – und auch im schönen Lied vom Winzerhaus in der Wachau, wo ein schönes Mädchen schaut heraus mit Lippen so rot und Augen so blau – alle Träume von etwas Besserem, Schönerem, Lebenswerterem, Atembefreienden, Liebesgutem kitschtoll aufflackern und zugleich sarkastisch erlöschen, macht aus den billigen Laubblättern ringsum keine Zeichen, die etwas zudecken. Plötzlich wirken sie wie Pointen, die etwas enthüllen. Der sanfte Schreckensgroßmutterspieler Abendroth lässt als zentrale Funktionsfigur des Abends sozusagen einen Geisterreigen aus dem Laubgeraschel krabbeln. Horváths Personal, das 1931 in der Zeit zwischen zwei großen Kriegen einen kleinen Krieg zwischen richtigen großen Gefühlen und falschen großen Worten führt, fällt in Frankfurt nicht in die Abgründe zwischen Seele und Zunge. Es gespenstert an diesen Abgründen grandios entlang.

Der Zauberkönig als Gruftherrscher

Wenn Wolfgang Michael, der Burgschauspieler, der in der Schule Andrea Breths gelernt hat, den Schmerz-Hautgout von Figuren sozusagen am Gaumen abzuschmecken und ihren Gallekern langsam und genießerisch maulmahlend zu zerkauen, als „Zauberkönig“ seiner Tochter tyrannisch wegen seiner verlegten Sockenhalter auf die Nerven geht oder sie nackt mit dem nackten Alfred in den Donauauen entdeckt, wo sie eben dabei ist, die Verlobung mit Oskar höchst aktiv zu brechen – dann sieht man nicht einen in Rage geratenen Spießer. Nicht den Kleinbürger, der die Schmutzränder von Zucht, Ordnung und Autorität schmierig glänzen lässt.

Michael gibt die wie durch einen Daueralbtraum taumelnde katzenjammerberauschte Geistererscheinung. Mehr tänzelnd tot als lebendig. Von seinen Lippen kommen die von einem einundzwanzigköpfigen dunkel gekleideten Männerchor unterstützten Jodler und Lieder wie Friedhofsgesänge eines lange schon Unwirklichen, Hingegangenen. Der „Zauberkönig“ als Gruftherrscher. Müde und schlaff-aggressiv fällt er in einer erotischen Abwallung über die Trafikantin Valerie her, an deren Hüftgürtel er schnuppert, und beißt ihr in einer toll schläfrigen Verrenkung ins pralle Hinterteil. Die Szene hat keine Peinlichkeit, sondern die urkomische Pein eines notgeilen Untoten. Auch Claude de Demo als Marianne, die sich hie und da in aller blonden Inbrunstsüße an den lieben Gott wendet, wirkt nicht wie von dieser Welt. Als Fischfrau ohne Unterleib im Nachtclub kann sie sich aus ihrem Schuppenkostüm nicht herauswinden: ein gefangenes, gedemütigtes Amphibienwesen. Ihrem Alfred aber präsentiert sie sich in den Donauauen als die Frau mit dem Unterleib, als müsse er sie jetzt als eine pure Engelserscheinung, die aus ihm „einen wertvollen Menschen“ zu machen gedenke, umarmen. Die Schauspielerin vollzieht den Auf- und Untergang der Figur im Lächeln, im Schwärmen, im Weinen, im Ausbrechen, im Zusammenfallen wie einen leicht schwirrenden Traum.

Im Reigen der Höllenparadiesvögel

Selbst der pränazistische Korpsstudent Erich in kurzen Lederhosen wird bei Oliver Kraushaar zu einem Albtraumbubi, der in der Umlaufbahn der Trafikantin Valerie alle Schwerkraft verliert. Constanze Becker spielt sie als Frau, die stolz und einsam und kühn alle Männer durch hat, diese sich aber liebestraumsüchtig als zeitweilige Kurzweil leistet, auch und gerade den weichen, kleinen Schreihalsstrizzi Alfred, den Isaak Dentler als Springinslaub daherschlenzt. Das großbebrillte rosige Riesenmetzgerbaby Oskar, den Sascha Nathan als Gemütsgespenst, der Rittmeister im Rollstuhl, den Michael Benthin als Kriegsgespenst, die unter ihrer Sorgenperücke und dem Großmutterterror verkümmernde Mutter des Alfred, die Josefin Platt als machtlosen Hausgeist gibt, komplettieren den Reigen der Höllenparadiesvögel.

Es sind dies alle keine Schauspieler, die ein Konzept vollziehen, das sich mit Laub bedecken ließe. Es sind Laubgerechte, Blatt für Blatt: leicht, gelöst, beweglich, wundersam unberechenbar. Jeder einzelne ein feinädriges Wesen. Zusammen ein Wirbel. Nur dass sie nicht rascheln. Sondern jodeln. Wer in Frankfurt im Theater bleibt, bleibt neuerdings wegen solcher Schauspieler.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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