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Hochhuths Berliner Mission Alles auf eine Karte - und nun das!

24.08.2009 ·  Weil Rolf Hochhuth vor Gericht nicht erstreiten konnte, das Berliner Ensemble als Spielstätte für sein Stück „Sommer 14“ zu verpflichten, wich er auf den Veranstaltungsort „Urania“ aus. Eine teure Mission. Ob sich die Mühe gelohnt hat, erklärt Irene Bazinger.

Von Irene Bazinger
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Obwohl mitten in Berlin, nicht weit von KaDeWe und Potsdamer Platz entfernt, ist es keine besonders attraktive Ecke, an der sich die Urania befindet. Umgeben von mehrspurigen Straßen und gesichtslosen Gebäuden, gilt sie wegen ihres „einmaligen Bildungs- und Kulturprogramms“ trotzdem als einer „der meistbesuchten Veranstaltungsorte“. Professoren, Politiker und Künstler halten populärwissenschaftliche Vorträge, es gibt Podiumsdiskussionen, Lesungen, Filme, Seminare. Und jetzt gibt es außerdem an vier Abenden noch eine neue Inszenierung von Rolf Hochhuth, der in Personalunion als Regisseur und Autor sein 1990 in Wien uraufgeführtes Stück „Sommer 14“ zeigt.

Weil er vor Gericht keine Genehmigung erstreiten konnte, um, wie geplant, das Berliner Ensemble als Spielstätte zu nutzen, dessen Eigentümer er über seine Ilse-Holzapfel-Stiftung ist, wich er auf die Urania aus. Was ihn, wie die Lokalpresse kolportiert, pro Tag 5500 Euro Miete kosten soll. Zwar ist die Adresse für Theatervorstellungen nicht gerade verlockend, aber im Fall von Rolf Hochhuth sieht die Sache anders aus. Da könnte es nämlich sein, dass er mit seiner so betulich recherchierten wie staubtrockenen Dramatik, die mehr durch den erhöhten Moralpegel als durch künstlerische Brillanz glänzt, endlich nach Hause gekommen ist.

Eine kolossale Lektion

Er ist ja eher ein Pädagoge als ein Poet, und so haftet seinem Œuvre seit jeher etwas rührend Volkshochschulhaftes an. Auch „Sommer 14“, eine „Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges“, verabreicht dem Publikum wieder eine kolossale Lektion, diesmal zum Thema korrupte Machthaber, rücksichtslose Militaristen, geldgeile Fabrikanten und armes, erniedrigtes Volk. Dass derlei Erkenntnisse längst Allgemeingut sind, hindert Hochhuth nicht daran, sie auf vierhundert Buchseiten beziehungsweise in einer Strichfassung drei Stunden lang auszubreiten.

Allerdings bringt er seinen „Totentanz“ mit dem Akzent auf „tot“, nicht auf „Tanz“ auf die dezent möblierte Bühne. Die Darsteller sind mit Bärten und Haartrachten den auftretenden Figuren von Kaiser Wilhelm II. über Jean Jaurès bis zum deutschen Großadmiral Alfred von Tirpitz äußerlich angeglichen. Getrennt sind die elf Bilder, die in feierlichem Ton und auf rechtschaffenem Spreizfuß ausgemalt werden, durch besinnlich fermentierte Zwischenspiele mit Klavierbegleitung, in denen die Botschaft – Krieg ist Käse – agitatorisch vorgesungen wird.

Das dauert seine Zeit, aber die Zeit heilt hier keine Wunden, sondern verursacht sie erst – in Hirn, Herz und Ohr der Zuschauer. Wenn all das Rolf Hochhuth irgendwie tangiert, lässt er es sich nicht anmerken. Er begrüßt die Journalisten mit Handschlag, signiert Bücher, gibt vor laufender Kamera Interviews und ist in jeder Sekunde von seiner Mission überzeugt. Während der Aufführung sitzt er mit seiner Ehefrau, die er vor fünf Jahren bei einem Vortrag über Bismarck ausgerechnet in der Urania kennengelernt haben soll, in der ersten Reihe, wo er als Regisseur sämtliche Fäden in der Hand hält und wie ein Souffleur zugleich der einfache Diener seines Textes ist.

Knallhart abgestürzt

„Pause“, kräht Hochhuth vergnügt, als es so weit ist und sich das unauffällige Premierenpublikum aus den roten Stühlen des Humboldt-Saales erhebt, von dessen knapp neunhundert Plätzen kaum die Hälfte belegt scheint. Die Leute klatschen, jedoch wohl mehr aus Solidarität mit dem unverwüstlichen alten Kämpen als aus Begeisterung. „Hast du schon jemals eine derart schlechte Inszenierung gesehen?“, fragt am Buffet eine gepflegte, fast geschockt wirkende Frau in den besten Jahren ihren Begleiter, der gequält in sein Wiener Würstchen beißt. Überall stecken ältere und jüngere Besucher wie konspirative Durchhaltekommandos die Köpfe zusammen. Die meisten bleiben dennoch bis zum bitteren Ende. Sei’s aus Angst, sei’s aus Scham, Rolf Hochhuth verbeugt sich am Schluss nicht und überlässt den Schauspielern die Bühne.

Er hat rabiat und undiplomatisch für dieses ganz ohne Subventionen realisierte Projekt gekämpft, sich mit Juristen und Bürokraten herumgeschlagen und den Regierenden Bürgermeister Wowereit samt dessen Kulturstaatssekretär Schmitz als die „brutalsten Kultur-Barbaren, die je über das Berliner Theater geherrscht haben“, bezeichnet. Kompromisslos hat Rolf Hochhuth alles auf die „Sommer 14“-Karte gesetzt. „Und nun das!“, mag er sich im Geheimen eingestanden haben, frustriert von seinen Bemühungen: So gut gemeint und dann so knallhart abgestürzt. Der rote Vorhang schloss sich letztlich gnädig und sorgte zumindest für ein samtigsanftes „Schwamm drüber“.

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