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Herbert Grönemeyer in Köln : Watscheln, bellen, blöken

  • -Aktualisiert am

Wirft sein Handtuch über die Bühne, brüllt nach jedem Stück unhörbar „Jawoll“: Herbert Grönemeyer in Köln Bild: Brill, Thomas

Wie ein Brautvater kurz vor halb vier: Herbert Grönemeyer gastiert bei seiner Tournee nur in kleinen Hallen. In Köln sang er vor textsicheren Fans im E-Werk.

          „Kleiner ist immer besser“, informiert der Herr im Fleecepullover seine Begleiterin und lässt den Blick einmal durch das prallgefüllte E-Werk schweifen. Sie nickt, merkt aber an, dass es beim letzten Mal im Stadion auch großartig gewesen sei. Vom Band läuft unterdessen „I’m Gonna Be (500 Miles)“ von den Proclaimers: hat man auch schon lange nicht mehr fünf Minuten vor Beginn eines Konzerts gehört. Geht vermutlich nur bei Grönemeyer.

          Es dürfte an die dreißig Jahre her sein, dass Herbert Grönemeyer zuletzt in einem derart kleinen Laden gespielt hat. Genaugenommen war es 1984, als sich der bis dahin nur mäßig erfolgreiche Sänger und Schauspieler mit seinem Album „Bochum“ anschickte, zum Konsenssänger der Nation zu werden.

          Herbert grönemeyert

          Es ist insofern nur folgerichtig, dass Grönemeyer seine klobig „Blick zurück - 30 Jahre: Halbzeit“ betitelte Tournee nur durch kleine Hallen führt. Oder besser: durch Hallen, die nach Grönemeyer-Standards als klein zu bezeichnen sind. Auf dem Programm stehen Songs, die länger nicht mehr live dargeboten wurden: Grönemeyer hatte vorab 55 Lieder auf seiner Homepage zur Auswahl gestellt; welche tatsächlich gespielt werden, durften seine Fans per Online-Abstimmung entscheiden.

          Um kurz nach acht springt er auf die Bühne und grönemeyert sogleich ordentlich los: Ganz in Schwarz, mit einem Schellenkranz in der Hand, hüpft er umher, wagt tollkühne Posen, zieht eine Grimasse nach der nächsten, bohrt den Zeigefinger in die Luft und blafft in unvergleichlicher Manier den Text von „Fisch im Netz“ ins Rund: „Deine Kraft macht trunken/Dein Herz aus Gold/Wer hat Dich aus dem Hut geholt?“

          Leidenschaftlicher Auftreter

          Während es üblich ist, erst einmal ein paar Songs in den Saal zu blasen, nimmt Grönemeyer zur allgemeinen Freude gleich nach dem ersten Stück die Rolle des selbstironischen Conférenciers ein: Hier in Köln, wo er in den Achtzigern lebte, habe für ihn und seine altgediente Band im Grunde alles angefangen, lässt er wissen und berichtet von frühen Auftritten vor zwei zahlenden Gästen, bei denen er noch einen Text des Dandy-Schriftstellers Konrad Bayer zum Besten gegeben habe, den er auch sogleich mit Burgschauspielergestus rezitiert: „Ich küsse heiß den warmen Sitz/ dort, wo du breit gesessen bist.“

          Gleich darauf bedankt er sich bei seiner ebenfalls in Köln angesiedelten Plattenfirma EMI, die soeben von der Universal geschluckt wurde, und imitiert beinahe zwei Minuten lang das breite Kölsch seines ehemaligen Plattenfirmenchefs. Es ist deutlich zu spüren, dass der leidenschaftliche Auftreter Grönemeyer es genießt, sich zur Abwechslung mal nicht in weit ausladenden Gesten erschöpfen zu müssen, sondern ausgiebig von Stilmitteln wie Selbstironie und Lakonik Gebrauch machen zu können: „Das nächste Stück ist vom Text her total bescheuert, von der Musik auch“, kündigt er den uralten Publikumsliebling „Diamant“ an, aber das sei eben sein Niveau.

          Es ist erstaunlich: Selbst wenn man, anders als die textkundigen Fans, mit reichlich Skepsis angereist ist, verfällt man ihm bald. Der Grund liegt in der Ungebremstheit, mit der er sein Bühnenwirken versieht: Grönemeyer watschelt, bellt, blökt und blafft, er gibt die aktuellen Fußballergebnisse durch, wirft sein Handtuch über die Bühne, brüllt nach jedem Stück unhörbar „Jawoll“, röhrt bis zur Aderschwellung, gewinnt sämtliche Gestikulierwettbewerbe, tanzt wie der betrunkene Brautvater um kurz vor halb vier und schmeißt bei „Kinder an die Macht“ Gummibärchen in die Luft, die er natürlich mit dem Mund wieder auffängt. Während des Singens wohlgemerkt.

          Am Schluss sitzt er noch mal allein am Klavier und spielt den Song „Heimat“: „Heimat ist kein Ort/Heimat ist ein Gefühl“ singt er eine dieser Zeilen, die nur bei ihm funktionieren. Danach ist Schluss. Kein „Männer“, kein „Bochum“, kein „Flugzeuge im Bauch“ und auch kein „Mensch“. Trotzdem: Man hat nichts vermisst.

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