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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Henze in der Semperoper Die wahren Schurken sind Kanzler, Kaiser, Könige

 ·  Hans Werner Henze war dabei, als sein Kriegsdrama „Wir erreichen den Fluss“ Premiere in der Semperoper in Dresden feierte. Ob ihm das Gemetzel wohl gefallen hat?

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© Matthias Creutziger Getretener Quark wird breit, nicht stark, das gilt auch für Kunstblut: Simon Neal meistert seine sängerische Aufgabe trotzdem mit Bravour

Oben aus der Königsloge wird geschossen, unten fällt einer tot um. Bisher lief es bei allen Politthrillern, die sich, historisch oder literarisch, in Opernhäusern abgespielt haben, eher andersherum: Da schoss der Attentäter, gerechter- oder ungerechterweise, in die Königsloge hinein. Für Hans Werner Henze, der Anfang der Siebziger aus Havanna zurückkehrte und sich mit einer Serie von experimentellen Agitpropstücken für kurze Zeit tatsächlich an die Spitze der ästhetischen Avantgarde setzte, war damals klar, dass auch in der Oper endlich die Seiten vertauscht werden sollten. Denn die wahren Gewalttäter der Gesellschaft sind Kanzler, Kaiser, Könige. Die schlimmsten Kriminellen sitzen, fein herausgeputzt, in den Logen und im Rang. Der „Kaiser“, der da in der Dresdner Semperoper aus der Loge heraus die armen Untertanen abknallt, ist ein lyrischer Mezzosopran, schnurgerade gesungen von Anke Vondung.

Überhaupt wird viel herumgeballert in dieser neuen Inszenierung der Henzeschen Simultanoper „Wir erreichen den Fluss/We come to the river“. Es knallt und kracht ständig. Kaum einer der zehn Solisten, rund fünfzig Choristen und ungezählten Statisten, der nicht von Regisseurin Elisabeth Stöppler mit einem Maschinengewehr oder einer Pistole ausgestattet wurde. Ja, es fallen so viele Platzpatronenschüsse, es gibt so viele pseudotheatralische Prügelszenen, so viel Gewalt und Gerangel auf den drei Simultanbühnen, befahrbaren Stegen und Brücken, die den Innenraum der Semperoper wie eine Torte in mehrere Teile schneiden, es liegen so viele teils grässlich mit Plastik-Blessuren garnierte Tote und Verletzte herum, dass es schwerfällt, betroffen zu sein. Irgendwann hilft nur noch ein Lächeln über all diesen hilflosen Kasperlekram, der das Entsetzen vervielfältigt. Kennt Stöppler nicht die alte Regel: Wer brüllt, hat Unrecht? Auch für Kunstblut und Schockeffekte gilt, getretener Quark wird breit, nicht stark.

Überall und nirgends

Gleich zu Beginn wurden alle Saaltüren zugeschlagen und von schwerbewaffneter Soldateska gesichert. Wir sind jetzt, für knapp drei Stunden, Geiseln der Henzeschen Musik. Drei reich und farbig besetzte Kammerorchester verteilen sich im Raum. In der Mitte, irgendwo im Zuschauerraum, wo sich zwei Brückenstege kreuzen, steht der junge Dirigent Erik Nielsen. Die Musik, die er mit stoischer Ruhe dirigiert, ist wunderschön. Sie ist filigran, ausdrucksmächtig, differenziert, vielfältig, sophisticated, bezeichnend, klug und edel. Sie widersteht in ihrer komplexen Schönheit selbst noch den schlimmsten Sperrfeuern der Klischees, die sich in der plakativen Story herumtummeln, vor allem aber in den pathetisch-poetisch überreizten, sentimentalen Texten von Edward Bond, die eine knappe These aufblasen zum abendfüllenden Stück.

“Wir erreichen den Fluss“ spielt überall und nirgends, gestern und morgen, in einem Land, das sinnlos Kriege führt. Der erste Teil spielt auf dem Schlachtfeld. Auf vier Spielebenen wird geschossen und gebrüllt, gefoltert und gekämpft. Der zweite Teil spielt im Irrenhaus, auch hier wird, in einem barock überladenen Grand-Guignol-Ambiente, weiter gefoltert, geschossen, gekämpft. Die Mächtigen, die von dem Krieg profitieren, sind zynisch und hysterisch. Die kleinen Leute, all die klagenden Frauen, stummen Kinder, Nutten und Soldaten, die dem Krieg zum Opfer fallen, sind machtlos und traurig. Hauptperson ist ein General, der irgendwann die Seite wechselt. Sängerisch eine mörderische Partie, Simon Neal meistert sie mit Bravour. Schließlich wird der General blind und erkennt: Er gehörte zu den Bösen, jetzt will er ein Guter werden.

Die Musik der Entrechteten

Sofort regnet es Notenblätter von den Rängen und alle Guten singen, über die Leiche des Generals hinweg, der nun geläutert und einer der ihren ist, einen gewaltigen Schlusschoral. Drei Knaben, wie in Mozarts „Zauberflöte“, geben den Ton der Hoffnung an. Sie singen von Spaß und Spiel, vom toten Kind im Fluss und davon, dass wir alle eines Tages den Fluss erreichen werden. Blindheit ist eine uralte Metapher für Erkenntnis. Der Fluss ist eine uralte Metapher für den Tod, aber auch für die Freiheit. Konsequent endet der Choral, endet die Oper in fast reinem Moll.

Henze setzt virtuos die disparatesten Stilmittel gezielt idiomatisch ein. Wie er das Konzept der Simultanhandlung aus Zimmermanns „Soldaten“ auf neue Weise weiterschreibt, ist frappierend. Zärtlich hatten schon gleich zu Beginn Viola d’Amore und Gitarren den Schwanengesang des Deserteurs begleitet, der auf Befehl des Generals hin standrechtlich erschossen wird, um dann am Ende befreit als Gespenst in den Schoß seiner Familie heimzukehren. Simon Espers singt diese Partie mit einem hellen, lyrischen Tenor, unterfüttert von einfacher modaler Harmonik, und man hört sofort: Dies ist die Musik des Volkes und der Entrechteten.

Jubel für Henze

Auch die Töne, die die Alte Frau (Iris Vermillion) anstimmt, bevor sie mit dem Kind in den Fluss flieht, sind volkstümlich marmoriert, auch der zweite Soldat (Timothy Oliver), der den General im Irrenhaus besucht und ihm von Aufruhr und Befreiung erzählt, wird von Gitarre und Gambe begleitet. Dagegen sind die ins Verzweifelte sich hinaufschraubenden Koloraturarien, mit denen eine junge Dame der Gesellschaft (glänzend gesungen: Romy Petrick) gezwungenermaßen den Herrschenden huldigen muss, ein klares musikalisches Signal für Dekadenz. Homophones und Tonales wechselt mit arroganter Zwölftönigkeit, die den Herrschenden vorbehalten bleibt, süße Kantilene mit dreisten Walzer- und Music-Hall-Anklängen, oder mit brutalen Gewaltausbrüchen des Schlagzeugs.

Weil ein so enormer Personen- und Probenaufwand nötig ist für „Wir erreichen den Fluss“, wird das Riesenwerk nur alle zwanzig Jahre aufgeführt. Wie gut, dass es jetzt, im Rahmen des Henze-Schwerpunkts der Semperoper, wieder einmal zu erleben war, in einer zumindest musikalisch perfekten Darbietung. Henze, sechsundachtzig, sitzt bei der Premiere im ersten Rang. Bevor es losgeht, wird er gefeiert, sogar gefilmt dabei. Die Menge jubelt ihm zu, wie einem König. Als das Stück vorbei ist, wiederholt sich diese seltsame Zeremonie. Ungläubig schaut der kleine, alte Mann sich das eine Weile an, dann hebt er die Hand und grüßt zögernd zurück.

Weitere Aufführungen von Wir erreichen den Fluss finden am 20., 25., 26. und 29. September statt, Karten sind noch zu allen Terminen erhältlich.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

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