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Helge Schneider macht Karneval Hier muss irgendwo ein Nest sein

 ·  Aus jeder Anzugfalte und jeder Verrenkung Helge Schneiders spricht die Gewissheit, dass die Verschönerung des Kosmos sinnlos ist. Umso mehr verblüfft jedes Mal seine musikalische Virtuosität. Helge Schneider gibt ein Karnevalskonzert in Köln.

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Als wäre er der über die Ufer getretene Rhein, ein klebriger Zähfluss in den giftigsten Farben der Basler Chemie, schwappt der Karneval durch die Schluchten der Altstadt von Köln. Alt heißt hier: ein Freilichtmuseum des schmuddeligen Modernismus, eine expressionistische Collage aus halbherzigen Kühnheiten von vorgestern, serienweise unerschütterliche Durchbruchbuden mit abwaschbaren Fassaden aus einem Sonderverkauf für Medizinbedarf. Wer sich gegen den Strom stemmt, findet zwischen Parkhäusern und Hotels, die Parkhäuser imitieren, den Eingang zur Philharmonie.

Unten auf der Bühne steht Helge Schneider mit seiner dreiköpfigen Band. Die betagten Musiker tragen knallbunte Anzüge. Das Faktotum Bodo steckt in einer Rokokomontur wie ein Salzburger Touristenfänger, der für Original-Mozart-Konzerte Reklame macht. Der Anzug des Chefs ist schwarz. Das Hervorquillen des roten Einstecktuchs zitiert Schneiders Markenzeichen, die Dauerwelle. Der Mann unter dem Haardach begrüßt das nur zu einem kleinen Teil kostümierte Publikum. Er sei froh, in Köln zu sein, „in einer der schönsten Städte der Welt“. Sogleich bricht heller Jubel los.

Sympathie mit der Unkreatur

Das evident Unwahre als wahr zu behaupten: Bei Helge Schneider ist diese Operation das Gegenteil und Ende aller Schönrednerei. Aus seiner Person, aus jeder Anzugfalte und Verrenkung, spricht auf den ersten Blick das am eigenen Leib und Magen erfahrene Wissen, dass die Verschönerung des Kosmos sinnlos ist. Dann ist aber im Umkehrschluss die vorgefundene, kleine und beschädigte Welt die schönste aller möglichen. Tief unter dem Kölner Dom weist der neue Leibniz aus Mülheim an der Ruhr auch dem Schöpfer höchstselbst einen durch schicksalhaft unkluge Einrichtungen beschränkten Standpunkt zu. Der Vortrag des Lieds vom „Meisenmann“, den Eheprobleme auf eine schiefe Flugbahn schleudern, wirft eine Reflexion über die „Gotteskrise“ (Kardinal Kasper) ab: Gott sieht nicht alles, das Konzert, das an diesem Karnevalsfreitag über die Bühne der Kölner Philharmonie geht, beispielsweise nicht, denn „hier ist ein Dach drüber“.

Kein Wunder also, dass es kein Wunder der Teppichheilung gibt. Denn nicht einmal wir, die wir das Philharmoniedach über dem Kopf haben, sehen, bevor wir darüber aufgeklärt werden, dass der Bühnenbelag schadhaft ist, „verletzt“, wie Schneider sagt, dessen Universalsympathie sich auch auf die Unkreaturen erstreckt, die unerschaffenen Industrieprodukte. Und Schneider kündigt ein Produkt der Plattenindustrie an, das Mitleid in uns hervorruft, weil es die Läden nie erreichen wird: das Album „Helge Schneider - Verletzungen“.

Von Klangnebeln umfangen

Man möchte glauben, Gunther von Hagens hätte den Körper des Künstlers im Vorgriff auf dessen ewigen Ruhm zerteilt und dann alles wieder in den Anzug gestopft, wenn man sieht, wie die Füße einzeln das Weite suchen und das Schulterblatt sich wendet. Die Methode von Schneiders Komik ist die fortgesetzte Zerlegung, wo jede Spur eines Ganzen beseitigt ist. Trompetenstöße, gnadenlose Urlaute ohne Entwicklungspotential, skandieren die Geschichte eines Polarforschers, der nach und nach seine Mannschaft und am Ende auch die treuen Schlittenhunde verspeist. Schneider trägt diese Ballade in dem nachtschwarzen Ton haltloser Lakonie vor, in dem Helmut Schmidt von der Ostfront erzählt.

Die Rettung aus der prosaischen Mühle, der Apparatur der ungerührten Zergliederung, kann nur aus der Musik kommen. Dem Meisenmann bereitet Schneider mit dem Elektroklavier ein himmelweich gepolstertes Nest. Die Virtuosität des Instrumentalisten bleibt auch nach Jahrzehnten das raffiniert verborgene Geheimnis von Schneiders Konzerten. Mit vier Schlägeln das Xylophon traktierend, lässt er sich von den Klangnebeln umfangen, als hätte er zu ihrer Erzeugung nichts getan. Als Abbild dieser im Moment aufsteigenden Ganzheit darf man die Philharmonie von Busmann und Haberer verstehen, deren „schöne Treppenaufgänge“ Schneider bei diesem Auftritt zum ersten Mal bemerkt haben will. „Das sieht so organisch aus, wie von der Natur entrückt. Wie ein schönes Stück Kuchen.“ Mit der Marzipankrone der großen Orgel, auf der Helge Schneider als Zugabe, wie ein Kobold zwischen den Pfeifen auftauchend, „Mer Losse d'r Dom en Kölle“ spielt.

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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