Home
http://www.faz.net/-gs3-7hp1r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Haydn Festspiele in Eisenstadt Das Original und der Haudrauf

 ·  Die Internationalen Haydntage in Eisenstadt widmen sich dieses Mal der Beziehung ihres Namensgebers zum jungen Beethoven - und kommen zu berauschenden, beglückenden Resultaten.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)
© Haydn Festspiele Eisenstadt Vergrößern Hier spielt die Musik: der Haydnsaal des Schlosses Esterházy in Eisenstadt

So schlecht kann es Joseph Haydn bei den Esterházys nicht gegangen sein. Fünf Liter guten burgenländischen Weins pro Tag, ein Wohnhaus, ein eigener Wein- und ein „Kuchlgarten“ sowie ein Komponierhäuschen im Grünen: Da hält man es wohl aus - auch, dass man „ausgeglichen“ zum Dienst zu erscheinen hat, „in weißen Strümpfen, weißer Wäsche, eingepudert, und entweder in Zopfl oder Har-Beutel“; dass man täglich zweimal nach den Wünschen der Herrschaft fragen soll und die eigenen Kompositionen in den ersten Jahren nicht weiter veröffentlicht werden dürfen.

Der berüchtigte Anstellungsvertrag von 1761 zwischen Joseph Haydn und Fürst Paul Anton Esterházy, vor allem die Klausel mit der Auflage, Streits unter den Musikern zu schlichten, Durchlaucht aber nur im Notfall davon zu unterrichten, hat Haydns Arbeitsbedingungen in etwas fragwürdiges Licht gerückt. Ein Übriges hat Haydns eigene, nicht minder berühmte Einschätzung getan, dass erst die Absonderung von der Welt ihn habe „original“ werden lassen.

Dreißig Konzerte für ein Jubiläum

Tatsächlich jedoch kann von Strenge oder Abgeschiedenheit nicht die Rede sein im burgenländischen Eisenstadt, wo das kleinere der beiden Barockschlösser der Esterházys steht, in denen Haydn seinen Dienst verrichtete. Gut, der Hauptstadt Wien fühlt man sich hier eher fern - aber schon seinerzeit reisten die Großstädter gern aufs Land. Und sicher, das kleine Eisenstadt mit seinen Hausfronten im Bauernbarock hat man rasch durchschritten - doch dafür kann man zwischendurch Haydns 1766 bezogene Wohnung nahe der Franziskuskirche besuchen und sich sein spektakulär kleines Klappbett im rekonstruierten Schlafzimmer ansehen oder die farbenprächtigen Wandmalereien, die der aufstrebende Kapellmeister für sich und seine Gattin anfertigen ließ.

Heuer finden die Haydntage zum fünfundzwanzigsten Mal statt. Deren Intendant ist, seit Anbeginn, Walter Reicher. Er hat auch in dieser Saison ein gediegenes Programm für die rund dreißig Konzerte zusammengestellt, eines, das sich wirklich auf Haydn und Beethoven konzentriert und die Musikgeschichte andererseits pünktlich um 1880 abbrechen lässt. Ádám Fischer zum Beispiel führt mit dem Festivalorchester „Österreichisch-Ungarische Haydn Philharmonie“ an sechs Abenden alle neun Symphonien von Beethoven auf. Der Salzburger Bachchor singt Mitte September unter Trevor Pinnock die „Jahreszeiten“, und Sol Gabetta spielt wenige Tage später mit Sergio Ciomei Cellosonaten und Variationen von Haydn, Beethoven und Brahms. Natürlich gibt es auch ein wissenschaftliches Symposion, diesmal zum Thema „Haydn und die Künste“, mit Vorträgen zu Film, Gartenbau oder der Kriminalliteratur.

Mit guter Auslastung

Die experimentelle Beigabe zum Festival (neben der Ausstellung „Ask for Haydn. Blicke aus der Gegenwart“) besteht unterdessen in der Vorführung zweier Dokumentarfilme und einer Schüler-Matinee. Mehr Jugend oder Gegenwart ist in Eisenstadt nicht zu haben, schließlich seien, so fasst es Reicher im Gespräch zusammen, die jungen Leute zwischen 13 und 40 Jahren für klassische Musik ohnehin kaum zu erreichen. Sie kämen dafür später im Leben ins Konzert.

Zumindest für die Haydntage geht die Rechnung auf. Reicher darf sich in diesem Jahr erneut einer Auslastung von neunzig Prozent rühmen. Und das ganze Burgenland frohlockt mit - wegen der positiven Effekte auf den heimischen Tourismus. Das feiert die Österreichisch-Ungarische Haydn Philharmonie mit der „Paukenwirbel“-Symphonie Nr. 103, nachdem sie sich in der ersten Konzerthälfte von Fischer durch Beethovens Erste und Vierte hatte rütteln lassen: als habe Fischer dem jungen Ankömmling aus Bonn, der sich durch seinen weitaus älteren, hochberühmten Lehrer Joseph Haydn immer wieder düpiert sah, noch ein allerletztes Mal eins auf die Nase geben wollen.

Ein Gewinn für Haydns Musik

Jedenfalls klangen diese beiden Beethoven-Symphonien, zumal in der Überakustik des Haydn-Saales und in überschnell genommenen Sätzen wie dem Finale der Ersten, nach reichlich Anspannung, Unruhe und Haudrauf.

Im Nachhinein freilich entpuppt sich diese Herangehensweise als Kunstgriff, der Haydns Musik massiv aufwertet. Denn umso eleganter kann sich nach der Pause die Symphonie „Mit dem Paukenwirbel“ entfalten, besonders im „Andante più tosto Allegretto“ mit seinen hübschen übermäßigen Intervallen und den volksmusikalischen Anklängen, die in einer Fresko-Serie an der reich verzierten Saaldecke ein innenarchitektonisches Pendant zu finden scheinen, mit „Bosnia“, „Valachia“ oder „Dalmatia“ in allegorischer Darstellung.

Zum genauen Gegenteil gerät der zweite Festspielabend mit Julia Fischer und der Academy of St. Martin in the Fields. Nach Haydn, dem Klugen, gilt es nun Haydn, dem Kleinmütigen. Vielleicht gibt es ja doch zwei Seiten der historischen Eisenstadt-Medaille, nämlich Originalität und reine Spielmusik, Intensität und Müdigkeit? Vielleicht aber auch nicht. Denn dass die Symphonie Nr. 29 in ihrer Belanglosigkeit, ihrem angenehmen Vor-sich-hin-Schaukeln auf überholte Haydn-Bilder weist und auch das G-Dur-Violinkonzert höchstens in seinen Kadenzen interessant wird - all das könnte auch an Julia Fischer liegen, deren geradezu aggressiv heruntergeratschtes „Allegro assai“ aus Bachs a-Moll-Konzert zeigt, wohin es führt, wenn man sich eine technisch überschaubare Musik aufs Pult legt, sie sehr oft spielt und dann nicht mehr innehält, um sie von Neuem durchzuhören.

Nach dem Konzert ist man gleichwohl rasch versöhnt: wirft einen Blick nach oben, zu Amor und Psyche im Fresko, tritt über das knarzende Parkett ins marmorkühle Treppenhaus, hinaus in die Nacht - und trinkt einen Leithaberg oder einen schönen Mittelburgenland.

  Weitersagen Kommentieren (5) Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitere Empfehlungen
Herzblatt-Geschichten So jung und unerfahren

Wenn Promis lachen, weinen die Klatschblätter. Aktuell bereitet besonders Helene Fischers Glück Sorgen. Und Leonardo DiCaprio ist geradezu anstößig normal! Zum Glück geht Verona Pooth da in die Boulevard-Offensive. Mehr

13.04.2014, 12:00 Uhr | Gesellschaft
Fischzucht Die neue Massentierhaltung im Wasser

Der Fisch, den wir essen, kommt bald überwiegend aus Fischfarmen. Lachse und Doraden werden gemästet wie Schweine. Guten Appetit. Mehr

15.04.2014, 12:01 Uhr | Finanzen
Neville Marriner zum Neunzigsten Dem Werke dienen

Als Orchestermusiker hatte er angefangen und bis heute ist Sir Neville Marriner als Dirigent der ideale Dialogpartner, dessen Musizieren geprägt ist von großer innerer Gelassenheit. Nun wird er neunzig Jahre alt. Mehr

15.04.2014, 07:25 Uhr | Feuilleton

21.09.2013, 12:40 Uhr

Weitersagen
 

Echte Fälschung?

Von Andreas Rossmann

Bei der Siegener Biennale konkurrieren die Aufführungen um einen ganz besonderen Preis: Nachdem es bereits Hypo Real Estate-Aktien und griechische Staatsanleihen zu gewinnen gab, geht es dieses Jahr um eine Beltracchi-Fälschung. Mehr