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Hauptmanns „Ratten“ in Köln und Bonn : Ein rattenscharfer Vergleich

Punk lass nach: Susanne Bredehöft als Mutter John und Nico Link als Bruno in den Bonner „Ratten“. Bild: Thilo Beu

Kleingeistiges und Kunstkacke: Lukas Langhoff vergeigt Gerhart Hauptmanns „Berliner Tragikomödie“ in Bonn, Karin Henkel verneigt sich vor ihr im Schauspiel Köln.

          Die Schauspieler sind schon da. Vor dem eisernen Vorhang stehen sie aufgereiht und aufreizend: eine Parade zwischen Prekariat und Prolligkeit, Punk und Pop. Die Musik dröhnt und wummert, Pfeile auf der Rückwand verlängern die Namen: ganz links Pauline Piperkarcka, die hier im hautengen, türkis glitzernden Minikleid zur russisch fluchenden „Ostblock-Schlampe“ wird, ganz rechts der Hausmeister Quaquaro, der, bullig und glatzköpfig, einen goldenen Latexslip über einem silbernen Latexanzug trägt und die tätowierten Muskeln spielen lässt. Das Personal von Gerhart Hauptmanns 1911 uraufgeführter Tragikomödie „Die Ratten“ ist, wie Lukas Langhoff sie am Theater Bonn her- und auch hinrichtet, im heutigen Berlin zu Hause.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Die Schauspieler stehen da und sagen lange nichts. Dann endlich schreien, spucken, pressen sie einer nach dem anderen den gleichen Satz ins Mikro: „Ich spring’ in den Landwehrkanal und versaufe.“ Was im Stück nur Pauline sagt, sagen hier alle. Denn auch wenn nur dem schwangeren Dienstmädchen, als es verzweifelt den Bauch auf die Stahlkante presst, das Blut die nackten Beine herunterläuft, auch wenn Quaquaro nur sie mit einem Kanister Benzin übergießt, um Leben und Tod geht es für alle. Auch für Bruno, den kriminell missratenen Bruder der Jette John, der sich die Genitalien klemmt, als er auf dem Gerüst, das die Bühnenbildnerin Regina Fraas von der Berliner Mietskaserne übrig lässt, nach oben zu hangeln versucht. Mit dem Milieu fällt auch die Tragödie der Mutter John, die der Pauline ihr Kind abkauft und als ihr eigenes ausgibt, durch den Rost. Not und Gewalt werden äußerlich skandalisiert, Hauptmanns Realismus wird auf Gegenwart und Krawall gebürstet.

          Sieben von zehn Schauspielern sind schon gekündigt

          Die Schauspieler dürfen, sozialexotisch aufgebrezelt, ihre Rollen so weit ausbauen oder abtreten, dass sie mit dem Stück nichts mehr zu tun haben: So geht Johanna Wieking als mild verruchte Schauspielerin Alice Rütterbusch weniger dem angeschwärmten Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter als dem angebiederten Publikum ums Maul, indem sie breit weanerisch über Stadttheaterroutine, Kritiker und Theatertreffen mosert und in einem „I moag net nach Berlin“ resümiert, was im silberhaarigen Bonner Bundesbeamtenparkett natürlich ankommt. Hassenreuter, bei Stefan Preiss ein zauseliger Schmalspurguru mit baumelnder Lesebrille, doziert über männlichen Gebärneid und demonstriert mit einer Brustattrappe, die er sich umhängt, seinen im Hobbykeller gebastelten Stillapparat. Und der schwule Quaquaro des türkischen Türsteher-Typs Volkan T. will dem ungehobelten Maurerpolier John des Falilou Seck an die Wäsche.

          Steht alles nicht bei Hauptmann, meint Langhoff aber alles hinnehmen zu müssen. Die Realismusdebatte über das Theater, die Hassenreuter mit Erich Spitta führt, fällt weitgehend flach. Denn Simon Brusis als sein dem Theologiestudium abspenstiger Schüler tritt, darauf muss einer erst mal kommen, im Rattenkostüm mit langem Schwanz und rosaroten Gummizehen auf. Was in den Kammerspielen Bad Godesberg von Hauptmanns Sozialkritik übrig bleibt, blitzt in eher unvermittelten Momenten auf, wenn die entkräftet-fragile Mutter John von Susanne Bredehöft, die im Hosenanzug von Missoni zwischen Mann Paul und Bruder Bruno förmlich zerrissen wird, und Anastasia Gubarevas verhetzte Piperkarcka aufeinander losgehen. Erst zum Applaus, nachdem Bruno, Paul und Jette, wieder vor dem eisernen Vorhang, den tödlichen Ausgang nüchtern zu Protokoll gegeben haben, werden Sozialdrama und Theaterbezug verknüpft und durch die Hintertür gedrückt. „Es spielten für Sie...“, heißt es im Abspann, der über die Rückwand läuft und hinter sieben der zehn Namen vermerkt, dass sie zum 31. Juli gekündigt sind. Die Aufdrehrolle als Ansehrolle: Dass die Schauspieler hier die Chance erhielten, sich zu empfehlen, darf bezweifelt werden.

          Für die Königin der Schmerzen nach Köln

          Die Bonner Kapitulation vor dem Stück muss sich nach der Neuerkundung, die ihm im vergangenen Herbst am Schauspiel Köln zuteilwurde, um so kläglicher ausnehmen. Was Langhoff unterschlägt, ist für Karin Henkel der Ausgangspunkt: Aus dem Theaterfundus, wo auf Jens Kilians Bühne Gesichter geschminkt und Garderobestangen bewegt werden, entwickelt sie die Tragikomödie, die noch in den Doppelrollen von Spitta und Bruno oder Pauline und Walburga das Theater reflektiert. Wie sie oben und unten, Dachboden und Wohnküche aufhebt und beide Handlungsebenen verschränkt, gelingt es der Inszenierung, das ästhetische Programm, das Hauptmann propagiert, nicht als Weisheit letzten Schluss stehen zu lassen, sondern kritisch zu hinterfragen, was in den hundert Jahren seitdem daraus geworden ist.

          So dreht sich die Argumentation, in der Yorck Dippes Hassenreuter zunächst noch mit Kunstbauch von anno dunnemals als alerter Regisseur im modischen Sakko reüssiert und dem Vorwurf der „Kunstkacke“ des ihn lispelnd attackierenden Spitta gewitzt und mokant Paroli bietet. Auf einmal erscheint ihr Disput ernsthaft, offen und auf Augenhöhe. Die Tragödie wird nicht weniger ernst genommen.

          Lina Beckmann als Mutter John spielt, so feinfühlig wie wuchtig, die Leidensgeschichte einer Frau, die sich von dem frühen Tod ihres Adalbertchen nie erholt hat und sich mit dem falschen Kind immer weiter in ihrem Unglück verheddert: eine Königin der Schmerzen, die am Ende, eine Pappkrone auf dem Kopf, in ihrem Blut liegt. Mutwilliges, kleingeistiges Theater in Bonn; mutiges, großstädtisches Theater in Köln. Lukas Langhoff wertet das Stück ab, Karin Henkel es überraschend auf. Wer sich in Bonn für Hauptmanns „Ratten“ interessiert, muss schon heute tun, was den dortigen Opernfreunden bisher nur droht: nach Köln fahren.

          Quelle: F.A.Z.

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