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Veröffentlicht: 26.07.2016, 14:16 Uhr

„Harry Potter“ im Theater Jetzt ist Hermine auch noch Zaubereiministerin!

Wenn der Zeitumkehrer anspringt, ist auch Lord Voldemort nicht fern: „Harry Potter und das verwunschene Kind“ spinnt am Londoner Palace Theatre die Erfolgssaga fort.

von , London
© Manuel Harlan Wo der siebte Band der „Harry Potter“-Saga endet, fängt das Theaterstück an: die Familien Weasley (links) und Potter auf Gleis Neundreiviertel.

Selten dürfte ein Theaterpublikum fast bis zum letzten Mann mit Experten bestückt gewesen sein, wie jetzt im Londoner Palace Theatre, das für die jüngste Wendung der Harry-Potter-Saga auserkoren wurde. Immer wieder rauscht während dieser Vorpremiere der Saal von einem kollektiven Nach-Luft-Schnappen bei frischen Enthüllungen über das Schicksal vertrauter Figuren. Diese Novitäten sind geschickt über die mehr als fünf Stunden gestreut, die das Autorenteam für die zweiteilige Fortsetzung von J. K. Rowlings Romanreihe über den Zauberlehrling anberaumt hat.

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Nicht weniger geschickt ist freilich auch die mediale Inszenierung der Uraufführung von „Harry Potter and the Cursed Child“ („Harry Potter und das verwunschene Kind“), mit dem die Abenteuer nun szenisch in die achte Folge weitergeführt werden. Das Konzept für eine Bühnenfortsetzung stammt von den Produzenten Sonia Friedman, einer führenden Gestalt im britischen Theater, und Colin Callender, der einmal als einer der mächtigsten Briten in den Vereinigten Staaten bezeichnet worden ist. Beide holten vor etwa drei Jahren den Segen der Harry-Potter-Schöpferin ein. Die Produzenten lieferten auch die Mitarbeiter, den Drehbuchautor Jack Thorne und den Regisseur John Tiffany, die zusammen mit Rowling die Handlung entwickelten.

Als Ausgangspunkt dient der Epilog zu der vor neun Jahren erschienenen siebten Folge, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“. Er spielt am Gleis Neundreiviertel des Kings-Cross-Bahnhofes endet, wo der inzwischen im Zaubereiministerium tätige Harry Potter und seine Frau Ginny, die jüngste der Weasley-Geschwister, ihre beiden Söhne ins Zauberinternat Hogwarts verabschieden. Genau dort setzt das Theater-Abenteuer an. Für Albus, Harry Potters Zweitgeborenen, ist es die erste Reise auf dem Hogwarts-Express. Er wird in Hogwarts, wo Professor McGonagall die Leitung übernommen hat, eingeschult und ist erfüllt von Ängsten vor dem Ungewissen, die sein älterer Bruder lustvoll schürt. Der Erstklassler trägt die doppelte Erblast, der Sohn des legendären Zauberers zu sein, der einst den bösen Lord Voldemort besiegte, und zugleich benannt worden zu sein nach zwei Hogwarts-Legenden, dem ehemaligen Schulleiter Albus Dumbledore, der eine Art Vaterfigur für den verwaisten Harry Potter war, und Severus Snape, der ihn in die Kunst der Zaubertrankbrauens eingewiesen hat.

Das immerwährende Eltern-Kinder-Motiv

Der junge Albus Severus ist zudem geplagt von dem üblichen Leiden des sich unverstanden fühlenden Teenagers. Zum Leidwesen seines Vaters, der inzwischen unter der zur Zaubereiministerin beförderten Hermine für das Ressort Magische Strafverfolgung zuständig ist, und seiner gleichaltrigen Kusine Rose, der Tochter von Hermine und Ron, freundet sich Albus bereits auf dem Hogwarts-Express ausgerechnet mit Skorpius Malfoy an, dem Sohn von Harrys ehemaligem Gegenspieler Draco Malfoy. Obwohl dieser sich von der Macht des Bösen distanziert hat, betrachtet Harry den ehemaligen Mitschüler noch immer mit einem Argwohn, den Alex Price in der Partie des inzwischen schlohweißen Malfoy mit trockener Selbstironie bisweilen fördert, wenn er nicht durch väterliche Sorge in die Position des Bittstellers getrieben wird.

Man hätte das Stück denn auch „Väter und Söhne“ nennen können. Die komplizierte Handlung dreht sich nach Abschälen der Thriller- und Zauberelemente, die sich um das Ansinnen von Albus und Skorpius ranken, ein Unrecht aus der Vergangenheit zurechtzubiegen, im Wesentlichen um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Während Zweifel und Schuldgefühle die Eltern belasten, hegen die Kinder Ressentiments. Auch erwachsen gewordene Kinder. In einer emotionalen Auseinandersetzung mit dem als Porträt vergegenwärtigten Dumbledore, der mit seinem Zögling interagiert, bricht aus Jamie Parkers Harry Potter der aufgestaute Zorn über das Trauma der Kindheit bei den stumpfsinnigen Dursleys heraus.

Er wirft dem weißbärtigen Greis vor, ihn zu diesem Schicksal verdammt zu haben, auf das er jetzt auch seine Mängel als Vater zurückführt. Ohne Rollenvorbild meint Harry Potter die Klippen der Elternschaft mit größerer Schwierigkeit zu umschiffen, als normal Aufgewachsene. Das Eltern-Kinder-Motiv, insbesondere die Sehnsucht von Verwaisten oder Teilverwaisten nach verlorenen Eltern, kehrt in dem Stück immer wieder, so dass man nicht umhin kommt, es mit Rowlings eigenen Erfahrungen und Gefühlen als lange von ihrem Vater entfremdete Tochter und ihrem früheren Dasein als alleinerziehende Mutter in Verbindung zu bringen.

Die Spezialeffekte gelingen

Mittels Harrys wiederkehrenden Albträumen, die Rückblenden in die Zeit erlauben, in denen er als Kind unter der Treppe schlafen musste, und eines Zeitumkehrers, der allerlei Pannen verursacht und finstere Parallelwelten entstehen lässt, in denen den Figuren ganz andere Rollen zugewiesen werden, verwebt das Stück die Vergangenheit mit den neuen Bedrohungen der Gegenwart. So lassen die Autoren von der Imbisswagen-Verkäuferin, die den Schülern auf dem Hogwarts-Express Schokofrösche und Kesselkuchen anpreist, über die Maulende Myrte, in deren Badezimmer Albus und Skorpius Zuflucht finden, wie einst die Eltern, und Dolores Umbridge mit ihrem penetrant-gezierten Lachen bis hin zu Severus Snape und Voldemort persönlich, eine Fülle von vertrauten Figuren auftreten. Auch der sprechende Hut ist mit von der Partie, nicht als Zauberspitzhut, sondern als Reim sprechende Figur mit Melone.

Die spätviktorianische Architektur des Palace Theatre scheint wie für das Stück geschaffen. Christine Jones hat ein Bühnenbild aus neugotischen Eisenträgern entworfen, die, untermalt von Klang- und Lichteffekten, den Bahnhof ebenso wirkungsvoll beschwören wie das Zauberministerium Hogwarts, die Reihenhäuser von Harry Potters Kindheit oder den Verbotenen Wald. Wird der Zeitumkehrer aktiviert, drehen sich die Uhren im Eiltempo, und die Wände wackeln wie Wasserspiegelungen. Überhaupt gelingen die Spezialeffekte, wie der bewährte Zauberauftritt durch den Kamin oder das Verschwinden durch die Telefonzelle vor dem Zauberministerium.

Zuschauer als Geheimniswahrer

Die souverän geschäftsmäßige Hermine der schwarzen Darstellerin Noma Dumezweni bewirkt mit einem Schwenk des Zauberstabs das Aufräumen des Aktendurcheinanders auf Harrys ministeriellem Schreibtisch. Die straffe Regie John Tiffanys und die schauspielerischen Leistungen, allen voran die des sich vom schüchternen Tölpel in einen geistvollen und sogar flirtenden Zauberlehrling verwandelten Skorpius Antony Boyles, beeindrucken mehr als die breitgetretene Handlung. Perfekt choreographierte Zwischenspiele, in denen die Hogwarts-Schüler mit wirbelnden Umhängen einen Zauberstabtanz aufführen, oder zwei Bibliotheksleitern ballettartig über die Bühne geschoben werden, geben dem Spektakel ein Zug zum Musical.

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Das Publikum, größtenteils Potter-Anhänger, die mit dem Zauberlehrling aufgewachsen sind, zeigt sich entzückt. Nicht die geringste Leistung ist freilich, dass Rowling die Zuschauer mit der Ermahnung „#KeepTheSecrets“, wie die Auserwählten in ihren Romanen zu Geheimniswahrern gemacht hat, womöglich über Jahre hinweg. Das Stück, das am Vorabend von Harry Potters auf den 31. Juli fallenden Geburtstag Premiere hat, ist bis Mai 2017 ausverkauft. Vor Erscheinen der Kritiken ist die Spielzeit bereits verlängert worden.

Glosse

Zurechtgerüttelte Menschenleiber

Von Hannes Hintermeier

Wer es pünktlich zur Leipziger Buchmesse schaffen will, der muss so einiges mitmachen – diesmal in der S-Bahn statt in der Straßenbahn. Mehr 0

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