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Hans Werner Henzes „An den Wind“ Hoffnungshauch wider die Wüstenwelt

 ·  Der Komponist Hans Werner Henze verblüfft mit einem Pfingstwerk für den Thomanerchor. Der bekennende Atheist gibt am Tag der Uraufführung eines seiner selten gewordenen Interviews.

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© Gyarmaty, Jens Hans-Werner Henze im Hof des Bach-Museums in Leipzig

Hoffnung kennt diese Musik anfangs nicht. Heulend fegt der Wind über die Wüste und spielt sein Spiel mit den wirren Klagegesängen der Jünger Jesu. „Nur noch Lebloses ist zu sehen“, skandiert Bartholomäus in angstvoller, stammelnder Sprachlosigkeit; Petrus blickt hinauf ins Nichts, „mein Himmel, du gespiegelter Abgrund“. Dass sich in dieser gottlosen Welt ein Wunder ereignen würde - man will es nicht glauben. Und doch passiert es: Hans Werner Henze, der Grandseigneur unter den lebenden Komponisten, war einst ein erklärter Atheist, engagierter Marxist und Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens; doch jetzt hat er in seinem jüngsten, in Leipzig uraufgeführten Werk „An den Wind“ nicht weniger als das Pfingstwunder in Töne gesetzt.

Der singuläre Rang und die neue Qualität dieses vom Bach-Archiv Leipzig in Auftrag gegebenen „Musikstücks zu Pfingsten für gemischten Chor und Instrumente“ ist ohne den Blick auf das vor vier Jahren ebenfalls in Leipzig uraufgeführte Chor- und Orchesterwerk „Elogium Musicum“ kaum zu ermessen. Der damals 82 Jahre alte Henze hatte angesichts des Todes seines Lebensgefährten eine Musik geschrieben, deren Finalsatz in freier Anlehnung an den liturgischen Gloria-Text in ein irisierendes Gotteslob mündete - eine in dieser Ausdrücklichkeit bislang unerhört gebliebene Facette im überbordend reichen Œuvre des Komponisten. Eine Annäherung an Gott, die im spannungsgeladenen Orchesternachspiel freilich in einer fast trotzigen Anrufung Gottes kulminierte, taumelnd zwischen Sehnsucht und Zweifel, ins Offene strebend.

Am Anfang einer Wende

Im Wissen um diese wie in Zugluft stehende Musik wirkt Henzes neues Werk nun wie ein Nachwehen. Denn an den fundamentalen Zweifel, mit dem „Elogium Musicum“ verklang, knüpft der zweite Teil von „An den Wind“ an. Der Zweifel indes hat hier eine neue Qualität: Er steht nicht am Ende, sondern am Anfang einer Wende, von der aus sich Henzes Musik ins Hoffnungsvolle kehrt. Es ist einer der großen und berührenden Momente dieser Partitur, wenn nach den zu Miniaturdramen zusammengedrängten Lamentationen der Jünger Jesu plötzlich, in motettenhafter Vierstimmigkeit a cappella, der mittelalterliche Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“ anhebt.

Allerdings in einer weniger an Luther denn an Goethe angelehnten Übertragung („Komm, schaffender Geist“) und keineswegs hymnisch oder gar frenetisch wie in Mahlers Achter Symphonie; sondern zögernd, leise, in banger, tastender Suchbewegung, zugleich rätselhaft sanft-beschwingt, terzenselig. Hier wird eine Morgendämmerung beschworen, die wenig später in der gleißenden Ausschüttung des Heiligen Geistes explodiert: „Aufschrei des Feuers, in dem Licht sehen wir das verlorene und das gelobte Land.“

Am Tag vor der Uraufführung, in einem seiner selten gewordenen Interviews, spricht Henze über seine protestantischen Wurzeln und seine tiefe Verbundenheit mit dem Werk Johann Sebastian Bachs. Als der Auftrag aus Leipzig kam, zum Achthundert-Jahr-Jubiläum des Thomanerchors eine Festmusik für den Pfingstgottesdienst zu schreiben, fing Henze, der Meister des Lichteinfalls und der Sprachwerdung von Musik, für den die voci bianchi der Knabenchöre der Himmel auf Erden sind, Bach „eine Art Gott“ und Pfingsten „ein Mythos voller Geheimnis und voller Bedeutung“, schnell Feuer.

Eine Seite, die lange unterschwellig resonierte

Mit dem „Jesu, meine Freude“-Zitat in wehem as-Moll, das in die Wüstenei des ersten Teils einfällt wie ein verlorener Meteorit von einem anderen Stern - ein Erinnerungssplitter der Verlassenen, der an der Trostlosigkeit der Zeit zerschellt -, beweist Henze in erschütternder Lakonik, wie Bachs Musik wirken kann in einer gottlosen Welt, für die der erste Teil des Werks gleichnishaft einsteht.

Henzes Hinwendung zu einer religiösen Musik mit explizit geistlichen Themen und Inhalten - „An den Wind“ ist sein erstes Werk überhaupt, das in einer Kirche zur Uraufführung gelangt - ist kaum zu denken ohne Christian Lehnert. Die so erstaunliche Künstlerpartnerschaft mit dem jungen Dichter und Theologen aus Wittenberg, der sich zu einem der interessantesten Lyriker der letzten Jahre entwickelt hat und erst kürzlich mit dem Hölty-Preis ausgezeichnet wurde, avanciert für Henze, den skeptischen Gottes-Sucher, immer mehr zum Glücksfall, zur Halt gebenden Stütze.

Was mit dem bildmächtigen, naturmythischen Libretto zur Konzertoper „Phädra“ 2007 begann und in dem Jugendoper-Projekt „Gisela“ 2010 eine eher intermezzoartige Fortsetzung fand, erreichte nun einen vorläufigen Höhepunkt. Lehnerts geistliche Lyrik, deren luzider, gleichwohl unverhüllt expressionistischer Gestus in „An den Wind“ durch Bibelverse kontrapunktiert wird, scheint in Henze eine Saite zum Klingen gebracht zu haben, die lange Zeit allenfalls unterschwellig resonierte.

Die Utopie einer kommenden, besseren Welt

„An den Wind“ bestätigt den Eindruck, dass dieser Komponist im vorgerückten Alter mehr denn je nur noch kapitale Werke schaffen und mit ihnen vordringen will ins bislang Unerforschte, ja Ungeheure. Henze vertraut dabei einer altmeisterlichen Frische und Souveränität im Umgang mit Formen und Techniken, namentlich der Kontrapunktik, und überführt sie in eine Resonanzraum-Musik, in der Vergangenheit und Gegenwart beziehungszauberisch aufgehen in neuem Licht. Henzes pointierte Klangpräsenz in der für seine späten Werke so signifikanten eruptiv-expressiven Verdichtung nehmen den Hörer von Anfang an gefangen; zumal die bläserdominierte Ensemble-Textur mit hohem Schlagzeuganteil Raum lässt für dezente, ans Transzendente rührende Klänge von Vibraphon und Celesta, die auf den offenen Horizont verweisen, zu dem hin es diese Musik zieht.

Das Werk verklingt mit einem zwölfzeiligen Choral, der im Bild der Frieden bringenden Taube die Utopie einer kommenden, besseren Welt aufzeigt - von den Musikern des Gewandhausorchesters, schließlich nur noch von der grenzenlose Glaubensgewissheit verströmenden Leuchtkraft der Stimmen der Thomaner unter Georg Christoph Billers Leitung in unvergesslich auratischer Hoffnungszerbrechlichkeit angestimmt: „Es fehlt ja nur ein Rascheln zum Erwachen, ein Flügelschlag, ein Wind, ja nur ein Hauch.“

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