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Oper „Orest“ in Zürich : Der Nachbarsjunge ruft zur Revolte

Helena (Claudia Boyle), bar jeder Ahnung, was sie da bei den Griechen wieder alles angerichtet hat. Bild: Judith Schlosser

Selbst schuld, wer das verpasst: In Zürich inszeniert Hans Neuenfels die Oper „Orest“ von Manfred Trojahn, mit dem fulminanten Georg Nigl in der Titelrolle.

          Hier nagt die Bürgerschaft jedenfalls nicht am Hungertuch. Wer sich in der schönen Stadt am Zürisee ein Premierenabo hält, der kann es sich leisten, auch mal zu Haus zu bleiben und die hochpreisigen Parkettkarten verfallen zu lassen. Solches geschah zigfach und schier demonstrativ am Sonntagabend, als erstmals die Oper „Orest“ von Manfred Trojahn auf dem Spielplan stand, als Schweizer Erstaufführung, in der Regie von Hans Neuenfels, dirigiert von Erik Nielsen. Halbe Reihen blieben leer.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Offenbar trifft es immer noch zu, was man früher sagte: dass das Zürcher Opernpublikum von Herzen gestrig und seit der Pereira-Ära abonniert sei auf gewohnt glamouröse, gewöhnliche Unterhaltungskost, obgleich doch, wie Intendant Andreas Homoki im Magazin ermutigt, die Pflege der Gegenwartsmusik inzwischen explizit in der „Leistungsvereinbarung zwischen dem Kanton Zürich und dem Opernhaus“ festgeschrieben steht. Schade. Oder vielmehr: Selbst schuld! Nur wer die Neugier kennt, verpasst nicht die Sensation. Das Beste, was einem, selten genug, im Theater überhaupt passieren kann, das sind Überraschung, Erschütterung oder auch Begegnungen mit sich selbst, was man früher, in der Antike, Katharsis zu nennen pflegte.

          Alt, und doch erschreckend neu

          Die erste Sensation dieses Abends ist der Wiener Bariton Georg Nigl. Als geborener Komödiant und charismatischer Entertainer ist er heiß wie ein Vulkan, der unablässig Feuer speit. Als Sänger aber ist Nigl so etwas wie der neue Orpheus. Allein durch die verführerische Körperlichkeit seiner Stimme, ihre Süße und Schärfe, Wärme und Wucht könnte er Steine zum Weinen bringen. Freilich, das allein würde dem armen Orest, der seine Mutter erschlug und, nach den Gesetzen Apolls und denen der Menschen, jetzt weiter morden soll, wenn er nicht selbst ermordet werden will, obgleich er doch das Töten ebenso hasst wie das ewige Kriegführen der Atriden, gar nichts nützen.

          Die erste Sensation dieses Abends: Der Wiener Bariton Georg Nigl.
          Die erste Sensation dieses Abends: Der Wiener Bariton Georg Nigl. : Bild: Judith Schlosser

          Frei nach der Tragödie des Euripides hatte Manfred Trojahn 2011 als Auftragswerk für das Amsterdamer Opernhaus diese „Orest“-Oper geschrieben, mit so durchschlagendem Erfolg, dass das Stück zur Uraufführung des Jahres gewählt und alsbald nachgespielt wurde. Nun also, nach Inszenierungen von Katie Mitchell und Enno Lübbe, erstmals erzählt von Neuenfels. Ob als neurotische Familienaufstellung aufgefasst oder als Zerrüttung des vereinzelten Einzelnen in der psychedelisch changierenden Klapse – es ist immer dieselbe alte Geschichte. Und bleibt doch schrecklich neu. Schlagen sich heute etwa nicht tausendfach kriegstraumatisierte junge Männer in Europa mit dem Problem herum, nicht zu wissen, wo sie mit sich hinsollen?

          Eine mit Blut geschriebene Frage

          Neuenfels erspart uns und Orest oberflächliche Aktualisierung. Er bürstet jedoch, zur genaueren Kenntlichmachung der Charaktere, gemeinsam mit Bühnenbildnerin Katrin Connan und Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer die Bilderwelt der Atriden kaltlächelnd gegen den Strich. Dass der eitle Menelaos (Raymond Very) vor lauter Samt und Schleppe kaum laufen kann; dass sich seine Helena wie ein Marsmensch in der viel zu großen Hülle eines Sternenmantels hereinschiebt, Elektra als burschikose Blaumann-Arbeitsmaid, Apoll/Dionysos (brillant gesungen von Airam Hernandes) mit Köfferchen als magischer Handlungsreisender erscheint, das Trojanische Pferd indes aus seinem Inneren, Jahre nach Kriegsende, immer noch massenhaft tote Griechen ausspuckt, einen nach dem anderen, die, oben bis an die Zähne bewaffnet, unten mit erbarmungswürdig grau und nackt baumelnden Pimmelchen, Helena umschwärmen wie Motten das Licht; all das bewirkt eine ironische Distanz, die dem Drama der von Trojahn entfalteten musikalischen Formen- und Farbenfülle erst so recht Raum öffnet und Geltung schafft.

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