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„Hamlet“ in Stuttgart Schlammschlacht in der Rattenfalle

12.01.2009 ·  Wie macht man einen Skandal? Volker Lösch weiß es und zieht in Stuttgart Shakespeares „Hamlet“ durch den Dreck. Eine grobschlächtig unterhaltsame Schlammschlacht, die mit ihrer Zeitkritik einige offene Türen einrennt.

Von Martin Halter
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„Warum regt sich keiner auf?“, fragt der zornige junge Mann in der Mausefallen-Szene, die in Stuttgart als „Rattenfalle“ firmiert. „Wie macht man das, einen Skandal?“ Volker Lösch weiß und kann es. Er hat mit schwäbischen Hausfrauen, leibhaftigen Daimler-Managern, Porno- und Fleischkäseorgien schon manches Theaterskandälchen angezettelt; zuletzt in Hamburg, als in seinem „Marat/Sade“ Arbeitslosenchöre eine schwarze Liste der reichsten Pfeffersäcke vorlasen.

Auch sein jüngster Stuttgarter Streich ist das, was man gern provozierend nennt. Lösch zieht „Hamlet“ buchstäblich in den Dreck, aber es ist eine grobschlächtig unterhaltsame Schlammschlacht. Und sie pflanzt sich munter im Parkett fort. Es gibt immer wieder Szenenapplaus für kapitalismus- und staatskritische Einlagen und am Ende, nicht minder erwünscht, heftige Buhs und Rufe wie „Shakespearemörder“ und „Volkshochschule“.

Gedankenblasser Seminarmarxist

Löschs Hamlet ist ein Linksintellektueller, der einen gerechten, aber aussichtslosen Privatkrieg gegen die Fäulnis im Staate Deutschland und den spätkapitalistischen Sumpf führt, beide geerdet und repräsentiert durch den knöcheltiefen Schlamm auf Cary Gaylers Bühne. „Bereitsein ist alles“, aber Till Wonkas Hamlet hadert nicht nur mit den Verhältnissen, sondern auch mit seinen Skrupeln: „Denken schwächt.“ Freilich, so kraftvoll und furios wie Wonka tobt und brüllt und sich bäuchlings in den Matsch hechtet, überragt der gedankenblasse Hänfling seinen Onkel Claudius auch physisch; und das, obwohl Sebastian Kowski dem Politikerschuft massige Präsenz und abgefeimte Skrupellosigkeit leiht.

Bei allem Aktionismus bleibt dem Seminarmarxisten Hamlet der Ausweg der Tat verbaut; manchmal hängt das Mamasöhnchen nur noch erschöpft in den Seilen und an den mütterlichen Zitzen. Das geht, weil Gertrud in Stuttgart ein Mann ist und Elmar Roloff, wie alle Schauspieler, in einem Adamskostüm mit aufgenähten Geschlechtsteilen steckt. Hamlets Amokmarathonlauf ist jedenfalls eine sportliche Leistung.

Ein Mann mit Mumm

Allerdings rennt er mit Schmackes offene Türen ein. Wenn Hamlet Mineralwasserflaschen in den Schlamm rammt, um an ihnen sein Zeitungswissen über Unternehmensverflechtungen zu referieren, trifft seine Frage: „Wer kontrolliert die Kontrolleure?“ den Nagel auf den Kopf und Shakespeare unvorbereitet in den Bauch: Der „Sein oder Nichtsein“-Monolog kommt sehr unvermittelt. Wenn Laertes nach Lausanne, auf die Business-School, abgeht, sind ihm die Lacher sicher. Wenn Innenminister Polonius – in Stuttgart ist der Umstandskrämer aus Gender- und Symmetriegründen eine Frau – nach fälschungssicheren Pässen ruft, ist das natürlich eine Ohrfeige für Wolfgang Schäuble.

Und wenn dann der Geist von Hamlets Vater als neunfacher Wehrmachtsoffizier zur Rache gegen einen Usurpator aufruft, der dreist Merkel-, Oettinger- und Köhler-Reden von Maß, Bescheidenheit und Anstand zitiert, sagt sich der zaudernde schwäbische Theaterbesucher: Der Mann hat Mumm. Dass Lösch den Geist des toten Landesvaters in Filbinger-Masken spuken lässt, war ja noch zu erwarten; aber nicht, dass Hamlet ihn so vehement verteidigt.

Blinzeln nach dem Skandal

„Mein Papa war Nationalsozialist.“ Na und? Er war ein guter Vater. Allerdings hätte er den Anfängen wehren müssen. Am Ende kriecht nämlich aus dem Schoß der Naziväter-Gespenster eine Horde von fünfzig Neonazis, um mit Springerstiefeln die Bühne zu entern und wilde, wirre Parolen von „carpe diem“ zu skandieren: „Jugend, Europa, Revolution“. Ihr Anführer, der junge Fortinbras, ist weniger intellektuell gehemmt als Hamlet, obwohl dieser immerhin gerade Laertes im Duell mit Degen, Pistolen, MGs und Gießkannen besiegt und die Claudius-Bande umgenietet hat. Fortinbras bringt die Revolution zu Ende, die Hamlet angezettelt hat, und erschießt den Schwächling, der sich hilflos am Boden windet. So hat Hamlet sich den Umsturz dann doch nicht vorgestellt.

Der Auftritt von Fortinbras’ norwegischer Wehrsportgruppe ist Schluss- und Höhepunkt einer Überwältigungsdramaturgie, ein geradezu Riefenstahlscher Triumph des Willens zur Ohnmacht. Mitgerissen in den Abgrund werden dabei auch große Teile von Shakespeares „Hamlet“. Freund Horatio fehlt ganz, Lisa Bitters Ophelia ist nur des Wahnsinns nette Beute, Wachs in den schmutzigen Händen des Claudius, und Totengräber braucht man auch nicht, um eine Welt-Tragödie in Mineralwasser und Parolen zu ertränken. Dafür gibt es als Zugabe einige Lektionen über Bushs Schweinereien im Krieg gegen den Terror und die Korruptions- und Steueraffären deutscher Bosse.

Es kracht und spritzt, es rockt und schmatzt, und manchmal funkeln sogar starke Bilder. Aber man kann nicht sagen, dass die Schurken in der Rattenfalle des Theaters gefangen werden. Man spürt nur, wie Lösch mit aller Gewalt und Plattheit Speck und Dreck nach der Wurstseite des Skandals wirft. Das Beste an diesem Abend sind nicht die nackten Wahrheiten aus dem Wirtschaftsteil, sondern die Schauspieler, obwohl es auf die Kunststückchen bürgerlicher Individualität in Löschs politischem Theatersportkollektiv gerade nicht ankommt.

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