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Hamlet in Bregenz : Alles, was das Opernherz begehrt

Sie steckte das gesamte Personal des faulen Staates Dänemark, König und Königin, Polonius und Laertes, den Hofstaat und die Totengräber, in karnevalesk stilisierte Renaissancekostüme mit pizzatellergroßen Halskrausen und gestreiften Puff-, Pluder- oder wahlweise auch Strumpfhosen, wobei auf allen Klamotten, vorne oder hinten, dezent oder auffällig, über die notorischen Streifen noch ein Auge gedruckt worden war, was, wenn man nur lange genug auf alle diese einäugigen Samtwämser und Schleppkleider geblickt und diese zurückgeblickt hatten, unweigerlich an die Werbekampagne einer großen deutschen Fernsehanstalt erinnert. Was die Augen uns sonst noch sagen wollten, wissen wir nicht.

Dieser Hamlet ist einer von uns: Pavel Czernoch (vorne rechts) als Hamlet  und Paul Schweinester (vone links) als Laertes im Nahkampf.

Auch die schöne Ofelia (mit hellem, sauber geführtem, anfangs leicht angeschärftem Sopran: Iulia Maria Dan), hin- und hergerissen zwischen Tochterpflicht und Herzensneigung, trägt das Auge auf dem Rock. Auch Hamlets sonore Freunde Orazio (Sébastien Soulès) und Marcello (Bartosz Urbanowicz). König Claudio, der famose Schurke (Claudio Sgura), und seine schöne Königin sowieso.

Diener Hamlet könnte einer von uns sein

Sie, die Königin, ist rasend in ihrer Verblendung wie in ihrer Reue, glänzend dargestellt und mit Verve und Schmelz gesungen von Dshamilja Kaiser. Für Faccio, aber auch für Boito, der mit musikdramaturgisch festem Blick den Originaltext Shakespeares zusammenkürzte zu einem logischen, spannungsgeladenen Libretto, Szenen zusammenfassend, Nebenhandlungen weglassend, gibt es diesbezüglich kein Vertun: Diese Königin ist schuldig, eine andere Lady Macbeth. Sie wusste von dem Mordkomplott, hat es betrieben, verwandelt sich so zu einer zweiten Hauptperson, schiebt Ofelia beiseite, und das grandiose, dreistrophig sich steigernde Kampf-Duett mit ihrem Sohn, das sich zum Terzett weitet, als der tote König dazukommt, ist einer der Höhepunkte des Stücks.

Zum Höhepunkt des Abends wird fast jeder Auftritt des Amleto, dem Pavel Černoch neben seiner unerschütterlich starken Stimme eine unerhört bewegliche Bühnenpräsenz verleiht. Er als Einziger ist nicht verkleidet, nicht mit Augen beklebt, trägt keine Perücke, keine Rüsche, nur das klassische existentialistische Hamlet-Schwarz. Er könnte einer von uns, von heute sein. In der finalen Fechtszene, die mit dem Tod aller Beteiligten endet, flankt er so elegant und sportlich über den Bankett-Tisch wie ein Musical-Musketier. Der junge Laertes (Paul Schweinester) hat dagegen keine Chance.

Dazu schwankt die Drehbühne, dazwischen ächzt der Chor, klagt die Königin, dröhnt und giftet der König. Es ist dies eines der vielen genial komponierten Ensembles, in denen Faccio Handlungs- und Affektstränge übereinanderkopiert und aus dem Nummernopernkorsett ausbricht. Von hier bis zu den veristischen Ausflügen von Boitos „Mefistofele“ ist es freilich noch ein weiter Weg. Andererseits ist Faccio oft erstaunlich nahe bei Verdi, was die Formelhaftigkeit und Konventionalität gewisser Bausteine anbetrifft: Der kochte auch nur mit Wasser; kein Wunder, dass er sich über dieses Stück geärgert hat.

Großer Dank gebührt Carignani und den bestens aufgelegten Symphonikern, die das alles zum Klingen und erfahrbar machten. Dreimal nur ist diese Produktion angesetzt in Bregenz. Wir bitten um Verlängerung und/oder um Koproduktionspartner.

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