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„Hänsel und Gretel“ in Hamburg : Die Wurst des Grauens

  • -Aktualisiert am

Esst doch: Marie Jung als Gretel, Björn Meyer als Hexe und Kristof Van Boven als Hänsel während einer Probe zu „Hänsel & Gretel“. Bild: dpa

Es muss nicht immer Humperdinck sein: Das Thalia Theater in Hamburg bringt das Märchen von „Hänsel und Gretel“ neu heraus. Auch Till Lindemann von „Rammstein“ ist mit von der Partie.

          Es gibt Leute, die mögen keine Märchen, weil es in ihnen, zumal denen der Brüder Grimm, häufig recht brutal zugeht. Die estnischen Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo stürzen sich in ihrer Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ am Hamburger Thalia-Theater geradezu auf diese Brutalität, und sie zeigen, welche banale Ursachen das ganze entstehende Grauen eigentlich hat: Faulheit im Denken und im Handeln meistens, mentale und seelische Unfähigkeit, Sein und Tun auf mehr auszurichten als die schnelle Befriedigung. Als größte Aufgabe menschlicher Existenz erscheint dem saturierten Westen, so könnte man die These ihres Abends verstehen, nicht am Immergleichen des Lebens zu verzweifeln und im Konsum zu ersticken. Denn wer nichts so sehr fürchtet wie die eine Wiederholung, von der an alles schal wird, und doch weiß, dass er sie nicht vermeiden kann, weicht aus in die Sucht. Stopft sich einfach zu, bis er nichts mehr merkt.

          Und da wären wir bei Hänsel und Gretel im Thalia-Theater. Das Vögelchen, das Mäuschen und die Bratwurst aus einem anderen Grimm-Märchen, die sinnlos ums Leben kommen, weil sie aus purer Langeweile die Rollen tauschen wollten, sind sozusagen die Vorgeschichte dazu. Sie laufen deshalb mit durch die Inszenierung, harmlos, witzig, unter Abgabe von hinterlistigen Sprüchen. Langeweile nämlich, so die Vermutung der Regisseure, Alltagsfrust, immer zu wenig Geld und zu viel Abwasch, Überdruss im bescheidenen, aber dennoch Wohlleben mit drei Urlauben im Jahr, das führt in Wirklichkeit zu dem Entschluss der Eltern, Hänsel und Gretel loswerden zu wollen. Gabriela Maria Schmeide als beschürzte Mutter mit der Suppenkelle als Zepter feixt und spricht von der „Freiheit“, die sie so zurückgewinnen würde.

          Das Haus sieht aus wie ein im Wald abgestellter Holzcontainer mit Fenstern wie Raumschiff-Luken. Statt die vierte Wand wegzulassen, haben sich die Regisseure entschieden, drei Kameraleute um die Schauspieler herumgehen und filmen zu lassen. So wird das Auge des Betrachters ständig vom Live-Geschehen abgelenkt und von riesigen Filmprojektionen mit Live-Großaufnahmen hypnotisiert.

          Ein auf die Leinwand projizierter Rockstar, der mit Tabus herumspielt, ist nicht neu. Neu für die „Rammstein“-Fans ist aber vielleicht die Selbstironie des Auftritts von Till Lindemann. Bilderstrecke

          Dieses Wechselspiel allerdings macht es erst möglich, die physische Abwesenheit und alleinige Zelluloid-Präsenz eines weiteren Protagonisten des Abends als integrativen, mit der Ästhetik der Inszenierung kongruenten Bestandteil erscheinen zu lassen und nicht als Sonderlösung für einen vielbeschäftigten Star. Die Rede ist von Till Lindemann, dem kajalgeschminkten, nicht mehr ganz taufrischen Sänger der Band „Rammstein“. Er wurde im Wald beim Singen und Umhergehen in Kutten aufgenommen und beim Spielen im obszönen Latex-Kleidchen. „Nicht neu“ ist im Theater kein Argument, da ist ja nichts mehr neu, auch nicht ein auf die Leinwand projizierter Rockstar, der mit Tabus herumspielt. Neu für die „Rammstein“-Fans, die sich nicht zahlreich eingefunden hatten, ist aber vielleicht die Selbstironie seines Auftritts. Manche von ihnen guckten etwas erstaunt beim Verlassen des Theaters.

          Das Regisseurspaar stutzte, als der gemeinsame Sohn eines Tages bemerkte, Hänsel müsse ja dick und fett gewesen sein am Ende des Märchens. Aus dieser richtigen Beobachtung zieht die ganze erste Hälfte des Stücks ihre böse, todkomische, witzig-spätkapitalismuskritische Wucht. Björn Meyer als grell geschminkte Transgender-Hexe umgarnt Hänsel mit Hunderten Burgern, Dutzenden Sahnetorten, ungezählten Würstchen und Limonadeflaschen. Da bekommt der Abend, dessen sehr ausgearbeitete hässlich-schöne Ästhetik mit ihren Rockkonzert-Lichteffekten allein schon Show-Wert besitzt, eine Größe, die nur der heiterste, wirklich auf den Boden des Slapstick hinabtauchende Klamauk sehr guter Schauspieler erzeugen kann.

          Es wird sich herumsprechen, dass man nicht wegen oder trotz Lindemann ins Thalia gehen sollte, sondern um Björn Meyer als Hexe zu sehen. Oder eben Kristof van Boven als fetten Hänsel. Man muss einen starken Magen haben, um ihm zuzuschauen, wie er sich mit Essen zudröhnt als wäre es LSD. Die Regisseure zeichnen gemeinsam verantwortlich auch für Bühne, Kostüme und Film. Den Schwabbel auf die Leiber der Schauspieler bringen sie mit Ganzkörperkostümen, und die Maske muss so viel marzipanähnliche Masse auf die Wangen aufbringen, dass selbst die Gesichter speckig aussehen. Die Nähte zwischen Natur und Schminkkunst bleiben absichtlich erkennbar, gezeichnete Blutgerinnsel und angeklebte Nasen erzeugen eine Art Hyperrealismus, der an Duane Hanson oder den frühen Environment-Künstler Edward Kienholz erinnert.

          Drei Stunden kann man sich „satt“ sehen an den grausigen Bildern, sich das Fürchten vor sich selbst lehren lassen. Nach neunzig Minuten und der Pause geht es allerdings dramaturgisch steil bergab. Das „Na ja“ mit dem die Eltern ihre heimgekehrten Kinder begrüßen, ist keine Pointe, die gehäutete untote Maus fügt nichts zum Thema hinzu. Das fette Hänschen schwankt. Wir alle sind das fette Hänschen oder zu Stein erstarrt angesichts des Grauens wie Gretel oder mal der eine, mal der andere – ganz unklar, was schlimmer ist.

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