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„La Cenerentola“ in Oslo : Eben noch hat er sie verprügeln wollen, schon zwinkert er ihr wieder zu

Von der Musik verwandelt: der bornierte Baron (Renato Girolami) und das arme Aschenputtel Angelina (Anna Goryachova). Bild: Erik Beng

Triumph des Guten: Gioachino Rossinis Aschenputtel-Komödie „La Cenerentola“ hat Stefan Herheim grandios an der Norske Opera in Oslo inszeniert.

          Es stimmt nicht, was Macheath singt: dass man die im Dunkeln nicht sieht. Putzfrauen, zum Beispiel, stehen nicht gerade im Licht, aber sie sind doch sprichwörtlich geworden und ein Synonym für das so ziemlich Allerletzte. Neulich rutschte das dem Intendanten der Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, heraus, als er die spektakuläre Strahlkraft seines Hauses besingen wollte: Er könne, sagte er, ebenso gut auch ein kammblasendes Putzfrauenorchester aufs Programm setzen, der Saal würde trotzdem voll. Anders der Intendant des Opernhauses in Lyon, Serge Dorny. Auch sein Haus ist leuchtendes Vorbild, es erzielt außergewöhnlich hohe Auslastungen, doch nicht um den Preis, das Publikum zu unterfordern. Derzeit steht in Lyon eine ambitionierte Inszenierung auf der Agenda, die eine Putzkraft zeigt, die sich in ein Nationalheiligtum verwandelt. An der Norske Opera in Oslo, die unter Intendant Per Boye Hansen eine Auslastung von sechsundneunzig Prozent erzielt, nicht trotz, sondern wegen des ambitionierten Spielplans, ist Unterforderung ebenfalls ein Fremdwort. Hier kam zeitgleich, in Koproduktion mit Lyon, ein klassisches, phantastisches Putzfrauenstück heraus.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Es handelt sich um einen der meistgespielten Kassenschlager von Gioachino Rossini: „La Cenerentola, ossia La bontà in trionfo“. Obwohl auf einem alten Märchen gründend, ist diese Buffa für Kinder kaum geeignet, denn es geht darin um Sex, Geld und um die Verlogenheit einer zu Rossinis Lebzeiten grundstürzend sich wandelnden Gesellschaft, die mit „Korruption, Konsum, Kapitalismus und Karriere“ befasst war - so bringt das der Dramaturg der Osloer Produktion, Alexander Meier-Dörzenbach, auf einen Reim.

          Die Hauptrolle spielt die Raumpflegerin eines verarmten Herrn Barons, die eigentlich seine Stieftochter ist. Sie ist hübsch, bescheiden und singt in tiefer Mezzosopran-Lage. Trotzdem, und obwohl auch zwei koloraturzwitschernde Sopranedelfräulein mit von der Partie sind, ist „Askepott“ - so nennt man sie in Norwegen, was so viel wie Mülleimer bedeutet - von ihrer ersten Arie an unbestritten die Primadonna, und am Ende kriegt sie sogar den Prinzen. Rossini gab ihr wegen ihres guten Herzens einen netteren Namen: Angelina, der Engel. Hierzulande ist sie seit Charles Perrault als Cinderella bekannt, seit den Grimm-Brüdern als Aschenputtel. Und weil das Element, das in all diesen vielen Namen versteckt ist, letztlich das Feuer ist, hat Regisseur Stefan Herheim, der das Bühnenbild selbst entwarf, ordentlich Zunder gegeben. Der Kamin, den La Cenerentola putzt, vervielfältigt sich lautlos, seine Ableger wachsen sich aus zu wahren Kaminpalästen. Es qualmt aus einem Dutzend Schornsteine. Auch der Dirigent, Antonino Fogliani, qualmt. Er macht gemütlich noch schnell eine Zigarettenpause auf der Bühne, zu Beginn des zweiten Aktes, während das Rezitativ schon begonnen hat, und bequemt sich erst wieder die paar Stufen hinunter in den Orchestergraben, als Rossini samt seiner hysterischen Brut fast ausgeflippt ist.

          Geistesblitze direkt aus der Partitur

          Rossini persönlich spielt den verarmten Baron, Don Magnifico. Oder vielmehr: Der Don spielt Rossini. Oder, noch besser: Der sonore, schwarze, italienische Bass Renato Girolami spielt abwechselnd beide Rollen, sowohl den unbelehrbar bornierten Unsympathen wie auch den schlauen Komponisten, der schon vorher weiß, wie er gleich weiterkomponieren wird. Und wechselt manchmal innerhalb eines halben Taktes die Identität: Eben noch hat er Cenerentola verprügeln wollen, schon zwinkert er ihr wieder aufmunternd zu.

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