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Gorkis „Sommergäste“ in der Berliner Schaubühne Die Schandtat der Saison

 ·  Die Menschen, die gescheiten Frauen vor allem, suchen in Maxim Gorkis „Sommergästen“ nach einem anderen Leben. Jetzt inszeniert Alvis Hermanis das Stück in der Berliner Schaubühne. Und seine Menschen, die dummen Frauen vor allem, werden zu hysterischen Deppen. Ein Irrsinn.

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© Thomas Aurin Vergrößern Ja, sind die denn alle meschugge? An der Schaubühne scheint der schauspielerische Tiefpunkt nun leider erreicht zu sein.

Früher war nicht alles besser. Aber in der Randspalte des Programmhefts (Seite 14) zu Peter Steins Inszenierung der „Sommergäste“, das war 1974 an der Berliner Schaubühne, damals noch am Halleschen Ufer, notierte der Dramaturg in kleiner, kursiver Schrift: „Das große Verlangen, nachdem man eine Weile mit dem Stück umgegangen ist: die Personen, wie immer sie zueinander stehen, möchten sich plötzlich und unverhofft etwas Liebes, Freundliches tun. Das Kleinsinnige und Miese, das Häßliche und Gemeine wirkt manchmal erdrückend.“ Der Dramaturg hieß damals: Strauß, Botho. Ein großer Kopf.

Im Jahr 2012 heißt der Dramaturg der Berliner Schaubühne (heute am Lehniner Platz) Borchmeyer, Florian. Offenbar nicht einmal ein kleiner Kopf. Man gibt dort jetzt wieder Gorkis „Sommergäste“ und sieht in der gigantischen Randspalte, aus der die Bühne des Hauses zu bestehen scheint, wie in Großbuchstaben sofort das Kleinsinnige und Miese, das Hässliche und Gemeine. Nicht nur der Figuren. Die Dramaturgie denkt nicht mehr. Sie lässt sich im Bühnenbild ausmalen. Eine düstere, von Efeu überwucherte Villen-Ruine. Geborstenes Glas in großen, jugendstilhaften Sprossenfensterflächen, verschimmelte Wände. Rechts eine rostige Badewanne. In der Mitte ein vergammeltes Sofa. Hinten, neben der Glastür ins Unfreie, ein Metallbett mit federndem Rost, der auch als Trampolin taugt. Der Boden ist mit vergilbten Büchern übersät. Es modert Vergangenheit. Das Stück wird in einer Gespenstergruft zur Verwesung freigegeben.

Auf den Hund gekommen

In der Badewanne werden Würste gebraten. Auf dem Sofa masturbieren schwer lustträumend sich räkelnde Frauen so vor sich hin oder lassen sich von anderen Frauen belesbeln, dieweil ihr Gatte sich mittels eines Stromkabels zu erhängen versucht, was immerhin zu einem Kurzschluss führt, der die Lampen unter Strom setzt. Ein realer Hund (Golden Retriever) schnürt dreieinhalb endlos lange weilenden Stunden durchs Terrain, frisst eine Bratwurst und Leckerli vom Boden auf und lässt sich auch von Frauen bis an deren Erregungsrand (erkennen Sie die Sodomie?) gebrauchen, gehört aber wohl zur naturalistisch-symbolischen Speckseite, mit der man hier nach den armen Würstchen wirft, die hier die Bühne bevölkern: Ihr habt keine Chance! Keine Chance gegen die Schimmelpracht des Gehäuses, in dem die Bühnenbildnerin Kristine Jurjane laut Programmheeft die Villa Fabergé in St. Petersburg, eine lokale Ikone der antiquarisch gruseligen Verkommenheit, wiedererkannt haben will. Ein Einfall. Kein Inhalt.

Keine Chance auch gegen die Dämonen, die von Regie und Dramaturgie losgelassen werden, vor allem der Dämon einer allseitigen Hirnriss-Blähung, die aus den Figuren Deppen macht, die sich hier wirrverkrampft durchs Terrain schleppen, wälzen, heulen. Die Szene wird zum Irrenhaus. Derartige „Sommergäste“ inszeniert Alvis Hermanis, lettischer Regisseur (Jahrgang 1965) mit dem mal mehr, mal weniger glücklichen Hang, den Leuten auf der Bühne beim wahnsinnigen Leben genauestens zuzugucken. Ein Detailist, der Tschechows „Platonow“ (Wien, 2011) in unverständlichstem Alltagslebensgemurmel in unsäglicher Langeweile ersterben, aber Schnitzlers „Weites Land“ (auch Wien 2011) als grauschwarzen Film-Noir in dunkle Gier- und Tod-Welten hinabfunkeln und im vergangenen Februar in München Gorkis „Wassa Schelesnowa“ als kalt-mörderisches Muttertier-Gemälde austüpfeln ließ - bis hin zur letzten Schneeflocke und den Fransen des Teppichs, unter den die Leichen gekehrt werden. Gorkis helle, traurige, lebens- und liebessüchtige „Sommergäste“ macht er dunkel fertig, denunziert sie als Verrückte. Hermanis hasst und verachtet sie (aber warum inszeniert er sie dann überhaupt?). Und das lässt er sie (und uns) dreieinhalb Stunden lang spüren. Dabei sind sie schon nach fünf Minuten fix und platt.

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