http://www.faz.net/-gqz-8jglh

Wormser Nibelungen-Festspiele : Komm, mein Schwert, und tanz mit mir für König Gunther

Ich bin kein Vergewaltiger, ich bin das Opfer! Sascha Göpel als Hagen und Ismail Deniz als Siegfried proben dessen heimtückische Ermordung. Bild: david baltzer / bildbuehne.de

Wettstreit der Egos, Plastikdrachen für die Premierengäste: Nuran David Calis inszeniert die Uraufführung von Albert Ostermaiers Komödie „Gold“ zur Eröffnung der Nibelungen-Festspiele.

          Die Wormser Nibelungen-Festspiele eröffnen mit einem Ritterturnierspektakel des 21. Jahrhunderts. Mit dem Schauspiel „Gold“ hat der Dramatiker Albert Ostermaier zum zweiten Mal in Folge den deutschen Lieblingsmythos für seinen Urschauplatz als blutreiche Theaterseifenoper aufbereitet. Nachdem Ostermaier im Vorjahr mit „Gemetzel“ die Geschichte von Kriemhilds Racheorgie neu erzählte, bringt er nun heutige mediale Nibelungenhelden und -antihelden auf die Freilichtbühne vor der prächtigen Domkulisse.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dort hat die Ausstatterin Irina Schicketanz ein scheinwerferbeschienenes Filmset aufgebaut. Ein Produzent, den Uwe Ochsenknecht als charismatischen Egomanen verkörpert, dreht mit seinem Team den Streit der Königinnen Kriemhild und Brünhild um ihre Rangordnung und die Ermordung Siegfrieds durch Finsterling Hagen. Der Intendant der Festspiele, Fernsehfürst Nico Hofmann, verspricht vor der Vorstellung Spielenergie wie bei einem Fußballturnier. Und wirklich: Die Intrigen und Eitelkeiten auf dem Set eskalieren und gehen, in prachtvollen Videonahaufnahmen auf eine Filmleinwand projiziert, auch den entferntesten Sitzreihen unter die Haut.

          Diese Uraufführung ist freilich selbst ein Theater im Theater. Die 1300 Premierenbesucher sind der Aufforderung nachgekommen, sich dem Anlass entsprechend zu kleiden. Im kastanienbestandenen Heylshof hinter dem Dom, wo sie vor und nach dem Stück edel bewirtet werden, sieht man Metallicanzüge, Paillettenkleider, „nibelungisch“ blonde Steckzopffrisuren. Bunte Drachenplastiken möblieren den idyllischen Garten. Im Springbrunnen sprudelt blutrot koloriertes Wasser. Und in den vordersten Parkettreihen sitzen zwei Königinnen, die selbst soeben ihren Fürstenstreit ausgetragen haben: die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, und Oppositionsführerin Julia Klöckner, deren Misstrauensvotum gegen jene scheiterte. Umso mehr fühlt der Zuschauer sich als Festgast am Hof von König Gunther.

          Ein Theaternervenkrieg

          Schlossherr Gunther, den Maximilian Laprell als blonden Hysteriker im sommerlich verknappten Anzug spielt, spiegelt am ehesten den Dresscode des Abends. Doch er ist impotent, ätzt der russlanddeutsche Regisseur, den der russlanddeutsche Vladimir Burlakov als fröhlichen Provozierer verkörpert. Er beschimpft das Publikum als einen Drachen, der ausgezogen, der Wehr seiner Abendgarderoben beraubt werden müsse. Als genialen Casting-Schachzug hat der Produzent die Rolle des Siegfried mit dem Türken Mohammed besetzt, was, wenn man durch das stark migrantisch geprägte Worms spaziert, nurmehr als naheliegend erscheint. Dessen athletischer Darsteller Ismail Deniz wurde von der Kostümbildnerin Amélie von Bülow in einen goldglänzenden Schuppenharnirsch gehüllt. Mit wilden Bauch- und Kriegstänzen gibt Deniz tatsächlich die einzig unbestreitbare Heldengestalt und damit auch den Turniersieger des Abends.

          Der armenisch-jüdisch-türkische Festspielregisseur Nuran David Calis führt die Figuren auf dem schmalen Grat zwischen Egotrip und Klamotte. Was besonders schön bei Deniz gelingt, der in der Rolle des Siegfried mit hochdramatischer Mimik erklärt, als Muslim wolle er keine Frau vergewaltigen, auch nicht wenn Deutsche ihn dazu anstifteten. Doch als ihm Bühnenregisseur Burlakov einschärft, er verkörpere jetzt Deutschland und er vollziehe die Ehe für den König, der dazu nicht in der Lage sei, aus Liebe, vollführt Deniz mit seinem Schwert eine phallisch-heroische Pantomime und nimmt fatalistisch seine Opferrolle an.

          Ein Glücksgriff ist das zehnköpfige Musikerensemble von Vivian und Ketan Bhatti, das mit Klezmerreigen, Soundflächen und Lyrismen das Geschehen kommentiert. Als der Fernsehkommissar Dominic Raacke als Klatschreporter auftritt, erklingt als sein Leitmotiv das Tatort-Thema. Raackes Zeitungsschreiber wird von allen gebraucht und gehasst. In einem auf Videoleinwand vergrößerten Monolog, den Kontrabasspulse dräuend untermalen, zelebriert er Schauspielkunst und mediale Allmacht. Da er von Deniz’ Stardarsteller kein Interview kriegt, knöpft er sich Sascha Göpel vor, der in einem zu mickrig geratenen Superman-Kostüm Hagen mimt. Wie er Göpel einredet, seine Figur, die immer nur dienen, sich hintanstellen und beherrschen müsse, sei die eigentliche, nämlich dämonische Starrolle, das verleiht diesem Theaternervenkrieg seine elektrisierende Zusatzdimension.

          Hoffnungslos, aber immer noch nicht ernst

          Nur schade, wie wenig sich zwischen den Figuren abspielt. Entsprechend Ostermaiers Diagnose, wonach unsere Gesellschaft narzisstisch gestört sei, besteht sein Stück aus Lebensschauspielern in expandierenden Ich-Blasen. Bei den Königinnen, die vierfach mit je einer älteren und einer jüngeren Schauspielerin besetzt sind, gewinnt das Grandezza. Michaela Steiger gibt im roten Kimono die Mimin der gereiften Brünhild als majestätische Trinkerin, die über die von ihr erlittene Schändung einen Wutmonolog hinlegt, der jeden David-Lynch-Film zieren würde. Die großartige Katja Weizenböck verleiht ihrem Bild der späten Kriemhild-Darstellerin die Bitterkeit, Selbstgerechtigkeit und Liebessehnsucht eines sensiblen Ex-Pornostars.

          Doch alle fühlen sich als Mittelpunkt der Welt. Ochsenknecht als Produzent und Josef Ostendorf als Drehbuchautor machen daraus Kabinettstücke. Aber auch die Kamerafrau, die Maskenbildnerin, die Setdesignerin schildern, warum ohne sie nichts geht. Die Längen werden nach der Pause immer länger. Während die Helden sich bei Rotlicht mit geschlossenen Augen in andere Figuren hineinträumen, lässt Calis symbolisch die Bühne fluten. Siegfrieds Meuchler Hagen erdolcht alle Schauspieler, dass das Theaterblut spritzt. Zum Glück bleiben sie quicklebendig. Ostermanns Stück ist ja eine Komödie und die Lage wohl hoffnungslos, aber immer noch nicht ernst. So hält es beim Schlussapplaus das Publikum nicht auf den Sitzen.

          Weitere Themen

          Rekordpreis für Hockney-Bild Video-Seite öffnen

          Über 90 Millionen Dollar : Rekordpreis für Hockney-Bild

          Selbst bei Christie's war man über den Preis für das Werk "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" etwas überrascht. Doch es entwickelte sich offenbar eine Bieterschlacht zwischen zwei Interessenten.

          Topmeldungen

          Panne bei Hessenwahl : „Fehler können passieren“

          Für den hessischen Landeswahlleiter ist der Rummel um Tausende falsch ausgezählte Stimmen am Wahlabend in Hessen unverständlich. Fehler seien normal, müssten aber korrigiert werden. Und er hat Verbesserungsvorschläge.
          Angela Merkel in Chemnitz

          Merkel in Chemnitz : „Nicht von denen die Tagesordnung vorgeben lassen“

          Bei ihrem Besuch in Chemnitz will Angela Merkel ein anderes Bild der sächsischen Stadt zeigen. Es sei schrecklich, dass ein Mensch gestorben sei, sagt die Kanzlerin. Das aber rechtfertige nicht, selbst Straftaten zu begehen.

          Richter urteilt gegen Trump : Jim Acosta kehrt ins Weiße Haus zurück

          Ein Bundesrichter zeigt Donald Trump die rote Karte und hebt die Verbannung des CNN-Reporters Jim Acosta aus dem Weißen Haus auf. Acostas Suspendierung sei „mysteriös“, so der Richter. Die Presse feiert einen Sieg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.