30.01.2012 · Regisseurin Vera Nemirova lässt sich von Wagner nicht einschüchtern und beschließt mit der „Götterdämmerung“ den prächtigen „Ring“ der Frankfurter Oper.
Von Julia SpinolaDer "Ring des Nibelungen" sei doch längst "ausinszeniert", gähnen die blasierten Wagner-Gourmets nach beinahe jeder neuen Inszenierung nun schon seit Jahren in einem dauerironisierenden Unisono. Kapitalismuskritik, Psychoanalyse, Umweltschutz, Politdrama: alles schon mal da gewesen. An kein anderes Werk der Operngeschichte werden derart überladene Rezeptions-Erwartungen gestellt wie an den "Ring".
Zwar mag man es vielleicht nicht nur künstlerischen Ohnmachtsgefühlen zuschreiben, dass die beiden Wagner-Schwestern in Bayreuth ihre liebe Not damit hatten, überhaupt einen Regisseur für den Jubiläums-"Ring" des Wagner-Jahres 2013 zu finden. Dass sie jedoch für das symbolträchtige Unternehmen schließlich einen potentiellen "Ring"-Zertrümmerer wie Frank Castorf verpflichtet haben, muss man wohl durchaus als eine Antwort auf den als erdrückend empfundenen Deutungsanspruch nehmen - als eine sehr schwesterntypisch trotzige freilich.
Was die Frankfurter Inszenierung - neben einem sehr hohen musikalischen Niveau - so sehenswert macht, ist der Umstand, dass Vera Nemirova sich gar nicht erst hat einschüchtern lassen. Weder von Wagner noch von seiner Rezeptionsgeschichte. Die Regisseurin nutzt ihre szenische Phantasie, um die verwickelte, manchmal urkomische, manchmal anrührende und natürlich auch tragische Nibelungen-Geschichte so anschaulich und verständlich und menschlich wie eben möglich zu erzählen. Man kann das naiv nennen. Doch kommen auf diese Weise auch Schichten des Werks wieder zur Geltung, die unter der selbst auferlegten Bürde, permanent dessen Größe entweder beschwören oder verleugnen zu müssen, vergraben lagen: die beinahe comicartige Verspieltheit, die in diesem Fantasy-Epos über Götter und Riesen und Bösewichte mit ihren nicht enden wollenden Kämpfen um Macht und Ehre bei aller Symbolträchtigkeit auch steckt. Das hat etwas sehr Erfrischendes.
Nach einem etwas holzschnittartigeren "Siegfried" knüpft Nemirova mit der "Götterdämmerung" wieder an das vor allem in der "Walküre" erprobte Konzept einer detailreichen, plastischen Personenregie an. Siegfried und Brünnhilde: das sind hier zwei einsam in die Welt geworfene, verliebte Kinder, die mit rührendem Ernst Ehepaar spielen, um einander dann als Treuepfand doch bloß ihr Lieblingsspielzeug zu schenken. Lance Ryan spielt den reinen Helden bis an die Grenze des Slapsticks als arglos-kraftstrotzenden Naturburschen aus, der so viel Strahlkraft im durchdringenden, hell timbrierten Tenor und so viel Sonne im Herzen hat, dass er weder den Rheintöchtern noch der modernen Gibichungenfrau so recht widerstehen kann. Der Anblick von Gutrune hypnotisiert ihn daher, noch ehe Hagens Zaubertrunk ein Übriges tut und ihm das letzte Bisschen Verstand raubt.
Bei aller Überzeichnung - und das ist das Bemerkenswerte an Nemirovas einfühlsamer Personenführung - werden die Figuren dennoch nicht denunziert oder karikiert. Noch in ihren schwächsten Momenten behalten sie ihre Würde. Selbst der ältliche Junggeselle Gunther - ein Angsthase in schlechtsitzendem Anzug, dem der fabelhafte Johannes Martin Kränzle alles an baritonalem Glanz schenkt, was der Figur an Größe fehlt -, selbst dieser zutiefst unsympathische, verknöcherte Zwangsneurotiker offenbart menschliche Züge, wenn er den sterbenden Helden in seinen Armen hält und vor Trauer und Reue zusammenbricht.
Wie schon in den vorausgehenden Teilen der Tetralogie verschieben sich in Jens Kilians Einheitsbühnenbild die beweglichen Ringe eines in konzentrische Kreise zerschnittenen Stahlzylinders variantenreich gegeneinander, bilden die Wellen des Rheins, auf dem die Rheintöchter mittlerweile als Umweltschützerinnen im Schlauchboot paddeln, schließen sich zum monolithischen Walkürenfelsen zusammen oder fungieren als Dach der unterhalb des Rheins gelegenen, mit Bar und Clubsesseln ausgestatteten, neureichen Gibichungenhalle.
Die unheilvolle Verstrickungslogik der ganzen Geschichte führen die Nornen im Vorspiel des Musikdramas vor Augen, wenn beinahe das gesamte "Ring"-Personal auf der Weltenscheibe mit den Nornenseilen eingewickelt und zu einem labyrinthischen Wollknäuel verschnürt wird.
Natürlich hat sich auch die Frankfurter Inszenierung nicht jeder Deutung enthalten. Wenn Brünnhilde am Ende die lodernde Flamme ins Publikum schleudert und grelles Scheinwerferlicht das Publikum blendet, knüpft Nemirova damit an das Ende ihres "Rheingolds" an, bei dem die Götter mit Sektgläsern in der Hand in den Zuschauersaal einzogen. Was dort noch wirkte wie ein recht forcierter und auch ein wenig beliebiger Regieeinfall, hat nun angesichts der Leichtigkeit, mit der dieser "Ring" auf der Bühne zu Ende erzählt wurde, etwas mehr Plausibilität. Man muss nicht gleich den ganz großen gesellschaftskritischen Ernst in dieser Geste vermuten. Die Brechung, die darin steckt, hat eher etwas Spielerisches: Das Wagnersche Fantasy-Welttheater ist aus, das Licht geht an, macht was draus!
Musiziert wurde auch in diesem letzten Teil des "Rings" unter Sebastian Weigle am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters wieder so plastisch, gestenreich und farbig, zugleich bei aller bisweilen gebotenen Drastik so sängerfreundlich, dass es eine Freude war. Und das ansprechend besetzte Sängerensemble bewies einmal mehr, dass man Wagner sehr wohl auch textverständlich singen kann. Susan Bullock war eine leidenschaftliche, kraftvoll und strahlend intonierende Brünnhilde. Gregory Frank beeindruckte als stimmlich anfänglich etwas blasser, sich dann jedoch zu finsterer Größe steigernder Hagen. Anja Fidelia Ulrich gab ihr geglücktes Debüt als Gutrune. Die Bayreuther Schwestern müssen sich warm anziehen.