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„Glückliche Tage“ in Berlin : Sprechsüchtige, auf dem Zahnfleisch kriechend

  • -Aktualisiert am

Der Schirm schirmt sie nicht mehr: Dagmar Manzel als Winnie in Schwochows Berliner Beckett-Inszenierung Bild: Imago

Im „alten Stil“: Dagmar Manzel spielt Becketts Endzeitprinzessin Winnie als patente Berlinerin ohne Weinerlichkeit. Rühren tut sie trotzdem. Und singen auch.

          Kein Sandhügel. Stattdessen ein kleiner Stuhl vor spiegelnder Wand. Darauf eine patente Berlinerin. Die schuhlosen Füße hat sie fest hinter die vorderen Stuhlbeine geklemmt, so dass sich nur noch ihr Oberkörper frei bewegen kann. Ihre Gefangenschaft scheint selbst gewählt. Sie hat sich ihre Schicksalslage offenbar eigenständig verordnet, ist nicht von fremder, übermächtiger Hand hineingeworfen worden.

          Die Erde, die „alte Tilgerin“, ist in dieser Inszenierung gestrichen. Und die „enge Atmosphäre“ gleich mit. Stattdessen strotzt die Bühne vor kühl berechneter Transparenz. In der Mitte der hohen Spiegelwand steht eine Tür offen, durch die Winnie ihrem alten Schicksalsgefährten Willie, der mit blutender Glatze und Strohhut halbschräg in der Türöffnung sitzt und die Schlagzeilen der Tageszeitungen repetiert, Wortfetzen zurufen kann. Mit einem wiederkehrenden Kuckucksruf ermahnt sie ihn zur Aufmerksamkeit, versichert sich seiner vorgetäuschten Gefügigkeit, um dann, wenn sie sich seines Ohrs gewiss ist, aufs Neue loszulegen mit ihren altgewohnten Plaudertriolen. Denn mit jedem neuen Tag bietet sich für sie eine neue Chance, das ewige Schweigen noch einmal ein wenig hinauszuzögern.

          Vom ersten Moment an, wenn der eiserne Vorhang im Deutschen Theater in Berlin ächzend hochfährt und den Blick auf sie freigibt, ist Dagmar Manzels Winnie eine nervöse Organisatorin ihres Seins. Alles, jeder Satz, jede Regung, folgt bei ihr einem eingeübten „alten Stil“, ist vorbereitet und genau geplant. Wie eine erfahrene Bergsteigerin, die für ihren Aufstieg überall Sicherheitshaken an der glatten Felswand befestigt, hat sie sich von langer Hand Ausdrucksfloskeln und Erinnerungsszenen bereitgelegt, um durch den Tag zu kommen – sprechen zu können, nicht still sein zu müssen.

          Hauptsache, sie plappert

          Denn nichts ist dieser Winnie ein größerer Horror, als „mit zusammengepressten Lippen vor sich hin zu starren“. Sie ist eine Sprechsüchtige, die andauernd redet, um zu beweisen, dass es sie noch gibt. Die Antworten sind ihr gar nicht wichtig, Hauptsache, sie plappert vor sich hin. Der Moment, in dem ihr die Worte fehlen, wird unweigerlich kommen. Aber noch nicht jetzt. Nicht heute, an diesem Tag, der ein „glücklicher gewesen sein wird“. Trotz allem.

          Dagmar Manzel als Winnie in Becketts „Glückliche Tage“

          Samuel Beckett schrieb sein berühmtes Monolog-Stück „Glückliche Tage“ 1960 im Arbeitszimmer seiner Wohnung am Boulevard Saint-Jacques, von dessen Fenster aus er direkt auf das Santé-Gefängnis blicken konnte. Einmal mehr fand seine düstere Stimmung in jener Phase eine Endzeitfigur, die seine Verbitterung unmittelbar spiegelt: „Keine Höhen mehr, keine Tiefen mehr, Flaute“, fasste Beckett seine Gemütslage in jener Zeit zusammen. Und Winnie, wenn sie im Spiegel ihr Zahnfleisch untersucht, echot: „Keine Besserung, keine Verschlimmerung, keine Veränderung“. Damit ist der Beckettsche Naturzustand beschrieben. Stabil am Abgrund. Auf ewig zum schmerzenden Stillstand verdammt.

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