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„Giulio Cesare“ in Frankfurt Ein Krokodil vom Nil lacht sonst gar viel

Wenn ein handwerkliches Defizit auf ein musikalisches trifft, hilft auch die Brecht-Gardine nicht mehr: In der Oper Frankfurt scheitert Johannes Erath an Händels Oper „Giulio Cesare“.

© Wolfgang Runkel Vergrößern Cleopatra (Brenda Rae) blendet alle, auch Cäsar, der sie vergöttert

Noch mehr Stoff: Nachdem am Wochenende schon Hansgünther Heyme und Achim Freyer ihre Wagner-Inszenierungen in Ludwigshafen und Mannheim mit der guten alten Brecht-Gardine verhängt hatten setzte Johannes Erath die Verschleierungstaktik nun an der Oper Frankfurt bei Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ fort. Da man in postmodernen Zeiten mehrdimensional denken und schauen muss, hat sich Bühnenbildner Herbert Murauer hier freilich nicht mit der klassischen Querteilung der Spielfläche begnügt, sondern die Frankfurter Bühne gleich auf mehreren Ebenen und in alle denkbaren Richtungen mit weißen Schleiern verhängt. Die werden fleißig auf- und zugezogen, was kunstvoll aussieht und vermutlich etwas bedeuten soll. Was genau, bleibt allerdings buchstäblich schleierhaft.

Christian Wildhagen Folgen:  

Eraths Frankfurter Händel-Deutung ist eine dieser Produktionen, in die offenkundig viel Gedankenarbeit investiert wurde, die aber fast tragisch daran scheitern, die konzeptionellen Ideen in stimmige Szenenbilder und Aktionen zu übersetzen. Goethes „Bilde, Künstler! Rede nicht“ ist noch die freundlichste Warnung vor dieser Art von Programmheft-inszenierungen, für deren Verständnis man erst eine Betriebsanleitung konsultieren muss. Danach ist man hier allerdings auch nicht schlauer.

Selbstreferenz eines Krokodils

Erath deutet vieles an, erzählt aber nichts. Das ist ein handwerkliches Defizit, kein dramaturgisches. Charaktere werden nicht definiert, geschweige entwickelt - was bei derart prominentem Personal wie Cäsar und Cleopatra schon eine Leistung ist. Die Beziehungen zwischen den Figuren versacken im Ungefähren. Stattdessen gibt es ein paar surreale Ägypten-Accessoires, halbnackte Sklaven und Plastik-Kroko inklusive. Dazu wird viel mit Pistolen gefuchtelt, ein bisschen psychologisiert und reihum vergewaltigt, gerne auch im Wiederholungsmodus (Händel hat schließlich diese lästigen Da-Capo-Arien komponiert).

Wenn nichts mehr hilft, wirft Erath den Filmprojektor an, um die großen Zeiten der schwarzweißen Historienschinken zu beschwören. Neben allerlei kopflos umherstolpernden Statisten (ein Schelm, wer das für Selbstironie hält) gibt es schließlich noch eine Rahmenhandlung, in der alle Protagonisten aufgekratzt von einem Partybesuch wiederkehren. Vielleicht aber war es gar keine Party, sondern eine Oper mit Ägypten-Thematik - so eine Selbstreferenz macht sich immer gut und verschafft hier obendrein dem lustigen Krokodil seinen finalen Auftritt.

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Viel mehr zu lachen gibt es nicht. Leider diesmal - für Frankfurts Oper eher überraschend - auch musikalisch nicht. Dass das Haus keine lebendige Barockoperntradition besitzt, hört man dem Spiel des Museumsorchesters unter Leitung von Erik Nielsen an. Erst im dritten Akt erreichen die sonst so versierten Musiker die rhythmische Prägnanz und artikulatorische Farbigkeit, die mittlerweile bei jedem besseren Originalklang-Ensemble Standard ist.

Redlich müht sich auch das vorwiegend hauseigene Ensemble um Tanja Ariane Baumgartner als Pompejus-Witwe Cornelia, die virtuose Paula Murrihy als Sesto und den gesanglich souveränen Michael Nagy als Cäsar, der nur von der Regie völlig alleingelassen wird. Die Besetzung der Cleopatra mit einer Koloratursoubrette überzeugt nur in der letzten Tempesta-Arie, ansonsten klingt Brenda Rae zu leichtgewichtig. Und der Countertenor Matthias Rexroth ließ als Tolomeo zumindest erahnen, was Alte-Musik-Experten noch alles aus Händels Musik herausholen können. Wie das Mozart- oder das Wagner-Fach erfordert die Barockoper heute längst den Spezialisten. Will das Frankfurter Haus in der ersten Reihe der deutschen Opernbühnen mitspielen, sollte man sich auch bei diesem Repertoire künftig nicht um die erreichten Standards herumdrücken.

Quelle: F.A.Z.

 
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