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Joyce DiDonato in München : Klingende Perlenketten, aber phänomenal teilchenbeschleunigt

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Sängerin der Superlative und zugleich verblendete Herrscherin: Joyce DiDonato als Semiramide. Bild: Wilfried Hösl

Joyce DiDonato, die Königin des Belcanto, ist jetzt triumphal in München zu erleben: in Gioacchino Rossinis virtuosem Melodrama „Semiramide“.

          Es sei beklagenswert, schrieb Honoré de Balzac, „dass die vulgäre Masse die Musiker gezwungen hat, die Äußerungen ihrer Kunst an Worte zu heften. Aber leider ist es richtig: Sie würden sonst von der Masse nicht verstanden werden. Die Koloratur ist daher das Einzige, was den Freunden der absoluten Musik noch geblieben ist.“ All denen, die sich dieser „höchsten Ausdrucksform der Kunst“ zu erfreuen wissen, hat die Bayerische Staatsoper jetzt das denkbar üppigste Geschenk gemacht: mit einer neuen Produktion von Gioacchino Rossinis ernster Oper „Semiramide“, die 1824 am Münchner Cuvillié-Theater die deutsche Erstaufführung erlebt hatte, aber hierzulande heute eine Rarität ist, der man nur alle Jubeljahre begegnet.

          Geschildert wird das Drama jener babylonischen Königin, die gemeinsam mit ihrem Geliebten Assur ihren Gatten Nino vergiftet hatte und, fünfzehn Jahre später, einen Thronfolger bestimmt, der zugleich ihr Ehebett teilen soll. Ihre Wahl fällt nicht auf Prinz Assur, sondern auf den Feldherrn Arsace. Der aber ist, was sie nicht weiß, ihr totgeglaubter Sohn. Gleich in der ersten Szene prophezeit Oberpriester Oroe, das könne nicht gutgehen. Und der Tag des in einer prunkenden Arie („Bel raggio lusingier“) besungenen Glücks verwandelt sich Ende des ersten Aktes in einen Schreckenstag: Aus der Grabkammer tritt der Geist des Ermordeten hervor wie der des toten Königs in „Hamlet“ und orakelt, dass Arsace erst herrschen werde, wenn die Schuld gesühnt sei. Es ist die Schuld der Mutter, die in der letzten Szene (versehentlich) vom Sohn getötet wird.

          Gioacchino Rossinis virtuoses Melodrama „Semiramide“ wird in München effektvoll inszeniert.
          Gioacchino Rossinis virtuoses Melodrama „Semiramide“ wird in München effektvoll inszeniert. : Bild: Wilfried Hösl

          Rossinis „Melodramma tragico“, von Gaetano Rossi auf der Grundlage einer Voltaireschen Tragödie nach den Baugesetzen der klassizistischen Ästhetik eingerichtet, gilt als die „letzte große Oper barocker Tradition“, wie Rodolfo Celletti in seiner „Geschichte des Belcanto“ feststellte: Sie sei „vielleicht die schönste, die phantastischste, die umfassendste, aber unwiederbringlich die letzte“. In den halkyonischen Tagen des Belcanto, der Zeit von Sängern wie Giuditta Pasta, Giulia Grisi, Pauline Viardot Garcia und Adelina Patti, war sie immens erfolgreich. Ende des neunzehnten Jahrhunderts verschwand sie, als anachronistisch empfunden, von den Spielplänen.

          Primadonna ist musikalisch gut einzukleiden

          In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts konnte „Semiramide“ nicht mehr aufgeführt werden, weil die geeigneten Rossinistimmen ausgestorben waren. Die Raison d’être für ein Revival an der Mailänder Scala (1962) trug einen Namen: Joan Sutherland, deren dirigierender Gatte Richard Bonynge die Titelpartie nicht nur für ihre Stimme aufmöbelte, sondern auch das tragische Ende dadurch milderte, dass Arsace nicht aus Versehen die eigene Mutter, sondern vielmehr Assur erschlägt. Seither ist die Oper an etwa achtzig Bühnen gespielt worden - meist in geschönter Form, fast immer auf Grundlage einer korrumpierten Partitur.

          Die Münchner Premierenproduktion stützt sich auf die im Auftrag der Fondazione Rossini besorgte kritische Edition von Alberto Zedda und Philip Gossett, sie spielt das Stück ohne Striche. Jedenfalls fast ohne. Es ist zwar kein Schaden für das dramaturgische Getriebe des Werks, dass dem Sänger des Idreno (als Nebenfigur vom Librettisten nur um einer hochvirtuosen Tenorpartie willen eingefügt) seine erste Arie vorenthalten wurde; wohl aber schade, weil nämlich der amerikanische Tenor Lawrence Brownlee mit der Arie „Ah dov’é, dov’è cimento“ und ihren bis zum hohen D führenden Vokalisen die Temperatur der Begeisterung schon früh an den Siedepunkt gebracht hätte. „Semiramide“ ist, horribile dictu - jedenfalls aus teutonischer Perspektive -, eine Sänger-Oper. Sie ohne stilistisch versierte Virtuosen aufzuführen ist schlechthin sinnlos. Wie Wolfgang Amadeus Mozart, so folgte auch Rossini der Maxime: „Ben vestir la prima donna“, die Primadonna musikalisch gut einzukleiden. Da er wusste, dass seine Frau Isabella Colbran nicht länger die Energiereserven für gehaltene hohe Töne besaß, schmückte er die Titelpartie für sie mit prunkvollen Koloraturen.

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