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Gespräch mit Shermin Langhoff Wozu postmigrantisches Theater?

 ·  Vom Berliner Ballhaus Naunynstraße zu den Wiener Festwochen: Shermin Langhoff macht Theater der ganz anderen Art. Ein Gespräch über das Leben als „Vorzeigetürkin“, kosmopolitisches Theater, Besetzer und Besitzer.

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Die Deutschtürkin Shermin Langhoff berlinert manchmal, dass es eine Freude ist. Energisch schiebt sie die vielen Papierstapel auf dem großen Konferenztisch in ihrem Kreuzberger Büro zur Seite. Vor lauter Enthusiasmus vergisst sie im Gespräch sogar, auch nur eine Zigarette zu rauchen.

Sie haben eine steile Karriere aus einem Kreuzberger Multikulti-Off-Theater zur designierten Co-Leiterin der Wiener Festwochen von 2014 an geschafft, also vom Gastarbeiterkind an die Spitze der Hochkultur. Haben Sie keine Angst, zur neuen deutschen Vorzeigetürkin gemacht zu werden?

Eine „Vorzeigetürkin“ bin ich eigentlich schon immer gewesen. Die Frage ist doch nur: Was mache ich aus und mit einem solchen Status? Alles, womit ich mich bisher beschäftigt habe, von der Gründung der deutsch-türkischen Filmtage in Nürnberg bis zum Aufbau des Ballhauses Naunynstraße, hängt mit einer politischen Idee von Partizipation, Gleichberechtigung, Gesellschaftskritik, Lebenslust und Neugier zusammen, mit einer bestimmten Haltung zur Welt und einem bestimmten Blick auf sie und auf sich und nicht mit Herkunft in irgendeinem ethnisch-religiös konnotierten Sinne.

Sie haben in einem alten Ballhaus in der Kreuzberger Naunynstraße im Herbst 2008 Ihr Theater nicht als deutsch-türkisches, sondern als postmigrantisches Theater eröffnet. Was ist darunter zu verstehen?

Den Begriff habe ich aus einem literaturwissenschaftlichen Seminar in den Vereinigten Staaten, in dem es um postmigrantische Literatur ging. Ich habe ihn ganz ursprünglich angewendet, abgeleitet daraus, dass die Postmoderne erst mal auch nichts anderes tat, als die Produktion und die Rezeption der Moderne mit einem pluralistischen Selbstverständnis kritisch zu reflektieren. Unser Theaterangebot war und ist eine Einladung zur Diskussion. Wir haben keine Patentrezepte für oder gegen „Integration“ oder Ähnliches, wir haben Fragen.

Mich interessiert vor allem, wie die Deutschen das Phänomen Migration in ihrem Land und „die anderen“, die zugereisten ebenso wie die hier geborenen „neuen Deutschen“, wahrnehmen. Wo sind deren Geschichten? Warum sind sie nicht im Lauf der Jahre zu unseren Geschichten, unseren Stücken geworden? Liegt es daran, dass die Migranten und ihre Kinder vorwiegend Arbeiter sind, und Arbeiter im Theater weder auf der Bühne noch im Publikum stattfinden? Oder liegt es daran, dass Talente mit Migrationshintergrund nicht gefördert werden?

Die knapp 270.000 Einwohner im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kommen laut offiziellen Angaben aus 168 Nationen. Warum arbeiten in Ihrem Haus vorwiegend türkische Künstler?

Nun, die Türken sind mit zirka drei Millionen Menschen einfach die größte Minderheit in Deutschland. Das hat aber nichts mit unserem Ansatz zu tun, der von Beginn an nicht ethnisch definiert war. Der Akzent auf türkische Künstler war keine spezifische Setzung, reagiert aber auf den Standort des Theaters, denn in dessen Umgebung liegen die translokalen Realitäten, die uns interessieren. Abgesehen davon: Was hat es mit einem deutsch-türkischen Bezugsrahmen zu tun, wenn der junge kurdischstämmige deutsche Regisseur Miraz Bezar bei uns Edgar Hilsenraths „Das Märchen vom letzten Gedanken“ adaptiert und inszeniert, das mit dem Genozid an den Armeniern eines der größten türkischen Tabus thematisiert? Das hat mit Berlin und mit Kreuzberg und mit den Konfliktzonen zu tun, die hier zu erleben sind. Jenseits ihrer Herkunft konnten und können die Protagonisten jedoch gemeinsam künstlerisch arbeiten. Derlei Prozesse verweisen außerdem auf die enorme soziale Verlinkung, die Theater in einer Stadt, einer Region haben kann.

Das heißt, jeder, der will, kann sich - egal, woher er stammt - mit den Themen, Stücken, Aufführungen identifizieren?

Natürlich, denn postmigrantisches Theater hat explizit mit der diversifizierten pluralen Stadtgesellschaft zu tun.

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