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Gespräch mit Serge Dorny : Zurück in die Zukunft

Einmal im Jahr stellt er an seiner Oper eine große Hausaufgabe: Serge Dorny. Bild: Malte Jaeger/laif

Retro ist die neue Mode im Operngeschäft: Der Intendant der Oper Lyon verrät, was es mit Zweitverwertung, Meisterwerken und langweiligem Designertheater auf sich hat.

          Herr Dorny, einmal im Jahr stellen Sie Ihrem Opernhaus in Lyon eine große Hausaufgabe. Mal geht es um Freiheit, mal um Menschenrechte, immer sind es politische Themen. Diesmal heißt das Motto „Erinnerung“. Sie betreiben da einen Riesenaufwand, lassen drei legendäre Inszenierungen von Heiner Müller, Ruth Berghaus und Klaus Michael Grüber rekonstruieren. Ist Nostalgie die neue Politik?

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Nein, darum geht es nicht. Die wichtigste Konstante für mich und meine Arbeit als Opernintendant ist das Ephemere. Immer ist gerade etwas vorbei. In der Aufführung sehen und hören wir nur einmal, was wir danach so nie wieder erleben werden. Ich würde sagen: Das ist das Besondere am Musiktheater, aber auch an der Musik. Das war schon immer so, und diese Flüchtigkeit hat eine gute, aber auch eine schlechte Seite. Ich erinnere mich, wie ein Architekt, ein Freund von Giorgio Strehler, einmal sagte, es sei wahnsinnig deprimierend, dass er vierzig Jahre lang immer wieder an einem Gebäude vorbeigehen müsse, das er mal entworfen und gebaut hatte. Er sei jedes Mal enttäuscht, weil er längst an seine Idee von damals nicht mehr glaube. Aber das ist nicht zu ändern. Andererseits muss ich an Antoine Vitez denken, der immer nostalgisch wurde bei großen Produktionen, er nannte sie „les cathédrales du savoir et des talents“. Das sind die beiden extremen Positionen dazu. Die Erfahrung lehrt, dass die Erinnerung an ganz bestimmte Aufführungen, die wir erlebt haben, lebendig bleibt, egal wie viele Produktionen von dem Stück wir später angucken. Erinnerung kann lebendiger sein als das, was wir neu erleben. Das war die Idee für das „Festival Memoires“.

          Diese Idee liegt voll im Trend. Auch in Salzburg, auch in Prag und Mannheim werden plötzlich Inszenierungen von längst verstorbenen Künstlern rekonstruiert. Ich finde, das liegt bedenklich auf der Retro-Schiene, es scheint perfekt zu passen in eine Zeit, in der man in ganz Europa überall rückwärts geht. Es ist, als habe sich die Blickrichtung geändert. Wir drehen uns um, wie Orfeo, und gucken nach hinten. In den siebziger Jahren fragten sich die Künstler noch: Was gibt es Neues? Wo geht das hin? Heute wird zitiert oder kopiert, recycelt, gecovert. Hat sich die Idee des Fortschritts so verdünnisiert?

          Sie hat sich verwandelt. Klar, es gibt diesen Retro-Trend, aber der will doch zurück in die Zukunft, von mir aus nennen Sie das ruhig eine Modeerscheinung. Nur: Man kann Moden oder Trends nicht absolut setzen. Das ist der entscheidende Punkt. Altes zu recyceln ist das eine, dies zu institutionalisieren, scheint mir völlig unmöglich. Ich würde behaupten, auch kein anderer Intendant wird das tun wollen. Ein Opernhaus ist kein Museum, jede Aufführung, also auch jede Rekonstruktion einer Aufführung, ist ja selbst wiederum ephemer. Mir geht es um etwas ganz anderes, nämlich um das Phänomen der Erinnerung. Jeder „Tristan“, den ich heute neu erlebe, der wird überlagert von dem tiefen Eindruck der Erfahrung mit Heiner Müllers „Tristan“ damals in Bayreuth. Bei „Lucio Silla“ ist es die Produktion von Patrice Chéreau, an der bis heute keiner vorbeikommt. Meine Erinnerung könnte nur ganz individuell sein, ich bin ein Schüler von Mortier, ich war sein Dramaturg, das hat mich geprägt. Aber es gab und gibt offenbar „landmarks“ im Regietheater, bestimmte Aufführungen mit Referenzcharakter, die die ästhetische Erfahrung einer ganzen Generation geprägt haben. Diese „landmarks“ haben Geschichte gemacht, es gibt einen objektiven Kern, warum es dazu kam. Und dieser Kern interessiert mich, den müssen wir analysieren. Interessant finde ich vor allem, dass zur Erinnerung komplementär das Verdrängen und Vergessen gehört: eine kollektive Demenz. Auch das gilt es zu analysieren.

          Warum zurücktauchen in die Vergangenheit des Regietheaters? Ist die Gegenwart des Regietheaters so deprimierend?

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