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Gespräch mit dem Pianisten András Schiff : In Ungarn fehlt es an mutigen Stimmen

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Der ungarische Pianist András Schiff glaubt nicht, dass er je wieder in seinem Heimatland wird auftreten können Bild: dpa

Der 1953 in Budapest geborene und heute in Florenz lebende Pianist András Schiff ist für seine Interpretationen von Mozart, Beethoven, Schubert und Béla Bartók bekannt. Und er ist ein entschiedener Kritiker des neuen ungarischen Mediengesetzes.

          Zusammen mit dem Dirigenten Ádám Fischer rufen Sie in einem öffentlichen Brief alle Künstler Europas und der Welt dazu auf, auf Ungarn zu schauen und die moralischen Grundwerte Europas zu verteidigen: Was erhoffen Sie sich davon?

          Ich glaube nicht für einen Augenblick, dass Kunst und Politik trennbar sind. Das waren sie nie. Was in Ungarn geschieht, erinnert mich an manche schlimme Diktaturen: Politiker mischen sich in Sängerbesetzungen ein, bestimmen, wer im Orchester erste Klarinette spielt; gegen Róbert Alföldi, einen exzellenten Regisseur, Direktor des Nationaltheaters, läuft eine ekelhafte Hetzkampagne, weil er schwul ist. Und es ist auch unerhört, was mit Ádám Fischer passiert ist . . .

          Er trat im Oktober aus Protest gegen die politische Einmischung in seine Arbeit von seinem Posten als Generalmusikdirektor der Ungarischen Staatsoper zurück.

          So ein großartiger Dirigent, und dann setzen sie einen Nachfolger auf seine Stelle, der absolut nicht das Niveau hat! Kunst kann die Politik nicht ändern, aber Künstler sind frei denkende Menschen, die ihre Meinungen äußern, und das kann vielleicht auch andere zu mehr Zivilcourage inspirieren. Im Moment höre ich sehr wenige mutige Stimmen aus Ungarn, leider. Dort herrscht eher eine große Apathie.

          Vielleicht aus Angst vor unangenehmen Konsequenzen?

          Vermutlich. Die andere Seite, die extrem Rechten und Rechtsextremen, sind sehr laut und aggressiv, vor allem in anonymen Denunzier-Blogs im Internet.

          Sie haben kürzlich einen Leserbrief an die „Washington Post“ geschrieben, in dem Sie in Frage stellten, ob Ungarn geeignet sei, die EU-Ratspräsidentschaft zu übernehmen. Die neuen Mediengesetze seien nur das letzte Glied einer Reihe von „schockierenden Ereignissen“.

          Mein Brief war eine Reaktion auf einen sehr guten Artikel über die „Putinisierung Ungarns“. Anschließend schrieben viele Ungarn Schimpfbriefe über mich an die Redaktion. Und als diese nicht veröffentlicht wurden, war sofort wieder die Rede von der jüdischen internationalen Verschwörung.

          In der fidesz-nahen Zeitung „Magyar Hírlap“ wütete daraufhin der Publizist Zsolt Bayer, Gründungsmitglied von Fidesz und persönlicher Freund Viktor Orbáns, 1919 seien nicht genug Linke ermordet worden, und nannte Sie namentlich in einer Reihe mit anderen Juden („Cohen und Cohn-Bendit und Schiff“).

          Ja, ich bin in Ungarn jetzt absolut Persona non grata, und ich glaube nicht, dass ich je wieder in Ungarn auftreten oder auch nur einreisen werde. Ich bin ja kein Held.

          Ein Oppositionspolitiker hat nun Bayer bei der neuen Medienbehörde angezeigt, um zu testen, ob diese tatsächlich dazu dient, Hassreden und antisemitische Rhetorik zu unterbinden, wie Außenminister Martonyi ja beteuerte.

          Bayer ist einer der wenigen, der nicht anonym schreibt. Aber er ist ein wilder Faschist. Wenn seine Artikel nicht auf Ungarisch wären, das wäre ein Weltskandal. Aber ich bin ziemlich sicher, dass ihm nichts passieren wird. Dieses Komitee besteht aus fünf Fidesz-Mitgliedern, die Leiterin, Annamária Szalai, war Herausgeberin einer Pornozeitschrift. Diese fünf entscheiden nun über Freund und Feind.

          Glauben Sie, wenn auf der Welt mehr Menschen Ungarisch verstünden, hätte es schon längst einen riesigen Aufschrei gegeben?

          Ja, absolut. Ungarisch ist fast wie eine Geheimsprache, sehr wenige verstehen es. Das ist das große Glück dieses Mobs, der dort derzeit das Sagen hat.

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