09.10.2011 · Er aber ist der verrückteste: Ein König, auch wenn er keine Krone auf dem Kopf, ein Dämon, auch wenn er Vernunft im Kopf hat.
Von Gerhard StadelmaierWenn der Vorhang aufgeht, sieht man ihn seitlich am Boden knien, einen Hammer in der Hand, ein paar abgerissene Sätze im Mund. Mit dem Hammer schlägt er tief. Drei, vier Schläge auf die offenbar lose gewordene Holzbodenleiste an der Wand. Mit den Sätzen aber schlägt er einen riesigen Bogen: in höchste Höhen. "Wenn mich jemand sieht hier / in dieser Pose" - zu diesem Satz aus Scham und Stolz, niederer Haltung und hohem Mut lässt er seine Augen flackernde Blicke in Richtung Plafond stemmen, der in grünlichen Kalktönen schönsten Verwesungsschimmel verspricht.
Ganz hoch droben links ein kleines Vogelnest. Als brüteten in dieser von aller Welt völlig abgeschotteten Klause Schwalben. Aber so, wie der Mann da drunten hochschaut, könnten es auch Adler sein. Die Wappentiere eines verrückten Alten, der nur "Er" heißt. Adler sind normalerweise die Wappentiere der luftigeren Könige (die irdischeren begnügen sich mit Löwen). Zweimal die Woche, dienstags und freitags, bekommt der König Besuch von einem kleinen Mädchen, das ihm Milch in einer Kanne bringt. Dieser Kleinen erklärt der König das Paradox seines Standes: "Der Schauspieler hat eine Krone auf dem Kopf / aber er ist kein König/ der Schauspieler trägt einen Krönungsmantel / aber er ist kein König / der Schauspieler spricht eine königliche Sprache/ aber er ist kein König / der Schauspieler besteigt den Thron / aber er ist kein König."
So spielt Gert Voss zur Zeit (in Wien und Berlin) in einer Inszenierung Claus Peymanns (bei der Peymann wohl weniger zu inszenieren als einfach seinem Schauspieler zu folgen brauchte) "Einfach kompliziert" von Thomas Bernhard. "Er" ist von Beruf einfach ein Schauspieler, der sich zweimal in der Woche kompliziert die Krone Richards III. aufsetzt. Um ein König zu sein, der keiner ist. Aber Gert Voss spielt die riesige schamlose Lust des Alten, wirklich den König zu spielen, und dessen verrückte Scham, kein König in Wirklichkeit sein zu dürfen, mit einer glasklaren, scharfen, sich selbst und das ganze Gewerbe durchschauenden Intelligenz und dem diabolischen Vergnügen, über alle Grenzen der Vernunft sich in ein großes, irres Spiel hinein zu retten: in die Täuschung als Lebenshilfe.
Denn Voss setzt seinem "Er" die Krone nicht auf, damit dieser den Richard III., sondern damit er gegen den Tod spiele. Der Tod ist der größere Gegner. Ihn bannt er: durch Sprache. In unaufhörlichem Monolog. In größter Verzweiflung, die zwischen Wut und Sarkasmus sich als Widerstandschlacht entwickelt, die diese Figur mit allen Genuss-Fasern zwischen Hirn und Herz abschmeckt. Sein Hauptkampfinstrument sind ein unbändiger Lebenswille, mit dem er dem Dämon in sich Zunder gibt - und aus dem Zunder wunderherrlich den Feuerfunken schlägt zum Weitermachen, Weitertänzeln (kurze Tango-Einlage), Weiterlieben (verrückt nach dem Trost des Besuchs des kleinen Mädchens), Weitertoben (Mausgift kaufen? die Wände streichen lassen?). Ein Tollheitsgenie der Verzweiflung, das hohnlachend mit heißem Kopf und kühler Chuzpe die Rolle seines Lebens spielt: den letzten triumphalen Nichtuntergeher in der Todeszone. Was aber ist sein Geheimnis? "Immer gegen alle gespielt".
Gert Voss hat, seit er als Anfänger die Bühnen in Konstanz und Braunschweig betrat, von denen er dann den Sprung nach Stuttgart ins Kirchner- und Peymann-Ensemble wagte, immer gegen alle gespielt. Was nicht heißt, dass er ensembleuntauglich gewesen wäre. Das heißt nur, dass so, wie er alle seine Rollen anging - die Liebhaber wie die Schurken, die Herrscher wie die Zauberer, die Clowns wie die Seher, die Königskinder wie die Philosophen, die Teufel wie die Gottväter -, er sie immer gegen alle Widerstände sich erobert zu haben scheint.
Andere halten sich die Rollen vom Leib oder ziehen sie sich an wie einen passablen Anzug oder stehen kühl neben ihnen oder fühlen sich einfach gemütswarm in sie ein. Gert Voss packt sie. Nimmt sie beim Schopf. Und rückt sie so lange mit rasender Neugier, unbändigem Gestaltungswillen und forschendem Verstand hin und her, bis sie einen Spaltbreit preisgeben, an dem er herumzerrt, -träumt, -phantasiert. Um zum Kern vorzustoßen.
Das erfordert ein erstklassiges Gehirn. Und den ganzen Mann. Der sich mit den Rollen auch äußerlich verwandelt. Der sich als Richard III. (Wien, Regie Peymann) den Schädel hochrasiert, als Shylock (Wien, Regie Zadek) die Haare managernassglatt zurückkämmt, als Othello (Wien, Regie Tabori) die Haare zur Negerkrause kringelt, als Hermann der Cherusker (Bochum, Regie Peymann) die Che-Guevara-Mähne, als Herrenstein in Bernhards "Elisabeth II." (Wien, Regie Langhoff) die welt- und gesellschaftsverachtende Dékadence-Wuschel-Mähne eines nach Liebe förmlich bettelnden Lieblosen stehen lässt. Der dann halbnackt und schier verrückt nach Eigenliebe als König Lear (Wien) in Luc Bondys großer Inszenierung ein Ego-König Einsam ist, der einer ganzen lieblosen Welt zuzurufen scheint: Liebt mich, es lohnt sich! Auch hier ist der ganze Mann schon seine ganze Maske. Zwischen beide passt kein Kostüm, das bei ihm wirklich nur Dekor ist. Das Wesentliche liegt in ihm. Voss hat seine Figuren im Griff. Weil er sie nicht darstellt, sondern sie: ist. Die er ganz zu sein sich traut. In einem Spiel, das bei ihm einsowohl heiliger wie tolldreist überschießender Ernst ist.
Mit solchem Spiel hatte er einst die Eroberung seiner Karriere gemacht - als er mit Peymann von Bochum nach Wien kam, als die ganze Stadt sich gegen "die Piefkes" wandte, als man Voss Exkremente in Pappschachteln nach Hause schickte. Er steckte eine ganzes feindliches Land ganz einfach in die Tasche: als bucklichter, krummer, böser, verküppelter, hinkender König Richard III., der noch in der größten Schand- und Mordtat einen unnachahmlichen Charme entwickelt und alle Gegner bezaubert. So gewann er für Peymann 1987 die erste große Schlacht um Wien. Und war seitdem ein Liebling und Held in der kakanisch monarchistischen Theaterrepublik Österreich.
Voss kann wie kein Zweiter das erzielen, von dem andere Schauspieler immer nur träumen: Wirkung. Sie reicht über alles nur Rollengemäße oder Szenenhandwerkliche weit hinaus. Unvergessen seine erste Großtat. Damals, als nicht nur Stuttgart in heller Aufregung war. Terror überm Land lag. Die Totenzahlen zunahmen. Die Hysterie wuchs. Zu allem Überfluss hatte der Stuttgarter Schauspieldirektor Peymann einen Zettel ans Weiße Brett seines Hauses hängen lassen, auf dem zu einer Spende für die Zahnbehandlung einer einsitzenden Terroristin aufgerufen wurde. Da fing die CDU an, durchzudrehen. Jeder Auftritt im Stuttgarter Staatstheater wurde zur nervösen Demonstration. Im deutschen Herbst 1977.
Der Vorhang ging auf. Vom Bühnenhimmel hingen Bäume und Lianen und Büsche kopfunter; Lichtlein glitzerten über einem großen Laufsteg. Und eben wollten Shakespeares Liebende im "Sommernachtstraum" anfangen, sich über Kreuz in die Herzensquer zu kommen, da stiegen im Parkett die Erregungsrufe wie kleine zischende Raketen. Sie entzündeten sich nicht an der schönen Inszenierung Alfred Kirchners, aber nahmen jedes Wort, das eine Anspielung bot, als Treibsatz: Shakespeares Versende, das "Des Hausherrn Ruh'" empfahl, wurde mit "Von wegen Ruh'! Weg mit Peymann!"-Gemurr' quittiert. Oberon und Titania wurde es mulmig.
Da aber trat Puck, der Zauberer und und Liebesverwirrer im Stück, an die vordere Kante des Stegs im Zuschauerraum. Nur mit einem fellartigen Fetzen schlabberig bekleidet, griff er mit blitzenden Augen, aber mit weich zuckenden Gesichtszügen nach dem Abend und der Aufführung. Als traue er sich, alle zu erlösen: von falschen Gedanken, bösen Gefühlen, dummem Hass. Und als könne er ihnen dafür seine Gedanken, seine Gefühle, seinen Hass, seinen Eifer, seine Liebe auch als wunderschönen Ersatz bieten. Zwei, drei extemporierte, beschwörende Worte über Peymann und die Lage im Haus, dann aber sofort Shakespeares Sprünge und Purzelbäume, Zauber und Wahn und Alb und Witz und Weltverdreherei.
Es schien, als gehorchten wenigstens für anderthalb Stunden die von bösen Kräften entfesselten Dämonen diesem schlangen- und geisterbeschwörenden Schauspieler, der sie mit einer nervös schnarrenden Stimme bannte, an die Leine nahm und sie im Kreis herum- und dann höher hinauftrieb. So schlug der damals noch junge Schauspieler Gert Voss eine seiner schönsten Schlachten. Auch als er kurz zuvor den Melchior Gabor in "Frühlings Erwachen" gab, sah man kein verklemmtes Wedekindchen, sondern einen Wedewunderkerl, der in Sexual- und Pubertätsnot hinein aufbrach, als steche er in See. Und noch nach den verschämtesten Lust-Sprachbildern schien er greifen zu wollen, als seien es Sternbilder einer Angriffslust.
Der 1941 in Schanghai als Sohn deutscher Kaufleute geborene Schauspieler erlebte seine ersten Bilder von Schauspielern ja denn auch, als seien sie in die Luft gespiegelt: als die Familie nach dem Krieg zu Schiff nach Europa zurück musste und die Amerikaner das Kind an Deck ließen, wo es auf einer aufgespannten Leinwand die Hollywood-Größen unterm Sternenhimmel durch die Nacht flimmern sah. Vielleicht rührt es daher, dass er hinter seinen Rollen, so sehr er sie zwingt und packt und mit ihnen ringt, mühelos immer noch ganz andere zu sehen scheint: sozusagen deren Geistererscheinungen.
"Alle Schauspieler sind verrückt / alle guten Schauspieler sind verrückt / das ganze Theater ist verrückt", sagt der alte Schauspieler in Bernhards "Einfach kompliziert". Voss ist der beste, also der verrückteste. In ständigem vernunftklarem Kampf mit seinen Dämonen - und, was das Schönste ist, auch noch mit den Dämonen der anderen.
Als er der Othello unter George Taboris Regie in Wien war, tanzte er aggressiv und schüchtern zugleich mit heiserer Stimme und sehnsüchtig rollenden Augen einem Riesengespenst hinterher, das ihn aus den Gestalten der Desdemona, der Emilia und des Jago heraus förmlich anzuspringen schien: der Dämon einer alles überwältigenden und vergiftenden Liebe. Und als er im gleichen Jahr (1990) in Peter Zadeks wunderbar leerer Lebenskammer von Tschechows "Iwanow" als Titelunheld im Wiener Akademietheater vorführte, wie furchtbar es ist, normal werden zu müssen, da stürzte er strudelnd und rudernd zwischen all den anderen Menschen wie in ein großes Loch, das außer ihm niemand sah.
Bevor er aber da reinfiel, steckte er seinen schlaksig beherrschten Dandy-Körper, seinen witternden Kunstkopf wie zur Probe ins Ungeheure hinab. Mit jenen vosstypischen Stoß- und Vorstoßbewegungen, mit denen er Terrain erkundet, das er allein schauen zu können scheint: das Land, bewohnt von Wesen, die schaudern machen und Brüder und Schwestern von ihm sind. Große Regisseure, die auf seinem Niveau sind oder waren (Zadek, Tabori, Bondy), beschenkt dieser Hirn- und Nervenspieler mit seiner schönsten Fähigkeit: solche Geisterfamilien sichtbar zu machen.
Lachend kann er das auch. Zusammen mit Ignaz Kirchner als Clov durchstromerte sein Hamm das "Endspiel" von Beckett in Taboris "Fin de partie"-Version als ein Clownsgauner: Das Ganze als Theaterprobe; und auf einer Probe holt jeder heraus, was für ihn drin steckt. Voss holte aus Becketts Eisesleere und Endzeitschrecken die wunderbarsten Witzverwandten heraus. Aber als Taboris Restaurantkritiker Morgenstern in der "Ballade vom Wiener Schnitzel" (1995) entdeckte er in den Witzen der Köche das Gift einer Hiobsmahlzeit. Und als Zadeks Wallstreet-Shylock im Burgtheater nahm er Ende der achtziger Jahre Hass und Vernichtungswillen auf eine Schulter, die so leicht wie das Papier des Schecks war, mit dem er die Schulden beglich, die Christen dem Juden aufbürdeten, der hier so ganz und gar nicht irgend einem Judenbild entsprach. Aber mit einem Blick, der die Dämonenfamilie das Messer wetzen sah, das er eben lächelnd aus der Hand gelegt hatte.
Wenn er in Luc Bondys Wiener Horváth-Inszenierung von "Figaro lässt sich scheiden" aus einem Frisör einen Luftgeist, aus Hofmannsthals Salzburger Jedermann einen Frechdachs, aus Ibsens Pastor Rosmer (Regie: Zadek) einen menschenlosen Menschenzüchter, aus Becketts Krapp einen Kritiker, aus Taboris Theatergott ("Goldberg-Variationen") einen Liebesabgrundsverletzten, aus Bernhards wahnsinnigem Bruder ("Ritter, Dene, Voss") ein brandteigfressendes Weltverachtungs- und Schwesternliebesvernichtungsluder machte, dann durchkämpfte er wahnwitzige schreckenskomische Herzensschlachten, die nur gewinnen will, der nicht weiß, dass die Dämonen immer wieder kommen. Zur nächsten Schlacht.
Das war zu seinem sechzigsten Geburtstag schon zu rühmen: als das kämpferische Altersversprechen eines noch jungen Mannes. Aber auch in biblischeren Jahren enttäuscht Gert Voss mit hinreißender Spann- und Kampfkraft weder die Dämonen noch uns. Heute feiert der gewaltigste deutsche Schauspieler seinen siebzigsten Geburtstag.
Auch hier ist der ganze Mann schon seine ganze Maske. Voss hat seine Figuren im Griff. Es schien, als gehorchten die Dämonen diesem schlangen- und geisterbeschwörenden Schauspieler.