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Gardiners „Matthäuspassion“ : Auf leerer Bühne herrschen die Stimmen allein

In handverlesen kleiner Besetzung: John Eliot Gardiner dirigiert den Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists in der New Yorker Carnegie Hall. Bild: The New York Times/Redux/Laif

John Eliot Gardiner hat fast dreißig Jahre gewartet, bis er sich zum zweiten Mal an eine Aufnahme der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach wagte. Warum so lange? Und was ist in der Zwischenzeit passiert?

          Keiner steigt zweimal in denselben Bach. Das gilt für jede Musikdarbietung, auch für scheinbar zeitresistent wertbeständige Tonaufzeichnungen. Selbst Referenzaufnahmen zehren davon, dass immer neue Wasser nachfließen und wir im wiederholten Prozess des Hörens jedes Mal wieder etwas Neues, Unbekanntes entdecken. Ganz besonders aber gilt es für Sir John Eliot Gardiners zweite Gesamtaufnahme der Matthäus-Passion BWV 244 von Johann Sebastian Bach, die er jetzt pünktlich vor Ostern herausgebracht hat. Zwar hat der Tonträgermarkt nicht gerade darauf gewartet. Er hält derzeit knapp achtzig verschiedene Einspielungen dieser Passion feil. Die 1988 von Gardiner in Snape Maltings, Aldeburgh, in Studioqualität für das Label Archiv Produktion eingespielte Version, mit Solisten wie Barbara Bonney und Anne Sofie von Otter sowie dem Monteverdi-Chor und den English Baroque Soloists, steht noch im Katalog. Sie wurde damals als ein Meilenstein der Bach-Interpretation gefeiert. Warum also noch einmal? Weil sich viel geändert hat.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          In der Tempofrage allerdings: fast nichts. Dieser Streit wurde von der historischen Aufführungspraxis schon vor dreißig Jahren ausgekämpft und abgehakt. Man ist grundsätzlich schneller geworden in Sachen Bach, heute geht es nur noch um wenige Sekunden. In den Chorsätzen und den Chorälen sind es bis zu acht oder zehn, in den Arien können es schon mal zwanzig Sekunden sein, um die Gardiners neue Aufnahme schneller ist als die ältere. Etwas anderes ist es mit Takt und Puls und dem Fluss von Rede und Klangrede. Dass der im Zwölfachteltakt federnde Doppelchor zu Beginn, der wie ein gewaltiges Portal wirkt, durch welches die Gemeinde einzieht ins Werk, jedem Hörer vertraut erscheinen kann, auch wenn er ihn noch nie zuvor gehört hat, liegt unter anderem an dem Puls des ihm zugrundeliegenden Herzschlags.

          Klare Stellung in einem alten Streitpunkt

          In der älteren Aufnahme wird das betont. Alle Phrasen wirken wie auf Schilder gemalt, moderat aufgeladen mit Didaktik, die Verszeilen werden abschnittweise serviert. In der neuen Aufnahme schlägt das Herz dagegen von allein, es braucht keinen Schrittmacher. Die Phrasen sind im Legato verbunden, rhetorische Fermaten der Ausnahmefall, die beiden Chorpartien so dünn und durchsichtig besetzt, dass jedes Wort der Wechselrede von Chor I und Chor II – „Wen? Wie? Was? Wohin?“ – schlicht und selbstverständlich herauskommt. Auch der Knabenstimmen, die den „Lamm Gottes“-Choral implantieren, sind nur wenige. Und durchweg gestaltet Gardiner die Wortausdeutung diesmal deutlich differenzierter, in fließender Dynamik. Wird zum Beispiel die Schuldfrage erörtert, reduziert sich die Chorbesetzung vorübergehend ins Solistische, Persönliche, Einzelstimmen treten hervor: „Seht. Wohin? Auf unsre Schuld.“ Das geht jeden Einzelnen an. Wer von keiner weiß, der werfe den ersten Stein.

          John Eliot Gardiner ist heute kein Dogmatiker mehr, und er ist, bei Licht besehen, auch wohl nie einer gewesen. Sein Monteverdi Choir singt zwar, wie gesagt, in handverlesen kleiner Besetzung, allerdings nicht anämisch klein, nur mit je vier Solisten pro Chor, wie es einige Bach-Fundamentalisten heute nach den umstrittenen Erkenntnissen des Bostoner Bach-Forschers Joshua Rifkin fordern. Auch sind Frauen- statt Knabenstimmen zu hören. Dafür werden sämtliche Soloarien aus dem Chor heraus gesungen, von einzelnen Chormitgliedern, die hervortreten und sich dem arienbegleitenden Soloinstrument zuwenden. Sie alle, Countertenöre oder Frauensoprane, singen mit zart-britischem Akzent, freilich präzise, klanglich exakt aus der Wortmelodie heraus modelliert und mit individueller Emphase. Und, auch das ist anders und neu: Alle, auch der Evangelisten-Tenor (James Gilchrist) und der Jesus-Bass (Stephan Loges), singen auswendig, ohne Noten.

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