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Friedrich Torberg Le tummelplatz, c'est moi!

16.09.2008 ·  Friedrich Torberg war ein Stratege im Pointenkrieg, als Theaterkritiker ein Kulturkämpfer, als Kulturkämpfer ein Anekdotenerzähler und als Anekdotenerzähler eine Wiener Witzweltmacht. An diesem Dienstag wäre er hundert Jahre alt geworden.

Von Gerhard Stadelmaier
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Es ist der Traum eines jeden Autors von Geblüt: das weiße Blatt, das nicht er vollschreibt, sondern auf dem der Leser das notiert, was ihm vom Autor bleibt. Der Autor will nicht nur gelesen, er will unterstrichen sein. Erst das Exzerpt macht sein Glück vollkommen: das, was man schwarz auf weiß fortträgt - von ihm, mit ihm und durch ihn, gefasst in einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz, der aber das Zusammenhängende in einem Punkte aufleuchtend funkeln lässt. Es ist der Traum des Autors, dass der Leser ihm seine Diamanten abnehme. Und ihm ja nicht mit Halbedelsteinen komme. Der Autor, der so träumt, hängt naturgemäß auch: am Kreuz der Pointe.

André Gide hat seinem 1893 erschienenen satirischen Roman "Paludes", der davon handelt, wie ein Autor ein Buch mit dem Titel "Paludes" schreibt, ein Blatt hintangefügt mit der Überschrift "Verzeichnis der bemerkenswertesten Sätze aus den ,Paludes'". Außer der Überschrift und einer kleingedruckten Fußnote, die den Leser auffordert, die seiner Meinung nach bemerkenswertesten Sätze bitte selbst einzutragen, strahlt dies Blatt, bis auf einen Satz, den Gide bei sich bemerkenswert fand ("Sieh da, du arbeitest!"), in jungfräulichstem Weiß. Als Friedrich Torberg 1968 das Nachwort zu Arthur Schnitzlers autobiographischen Fragmenten der "Jugend in Wien" schreibt, kommt er auffällig auf Gides weißes "Paludes"-Blatt zurück und findet, was die Diamantensammlung angeht: "Für die Jugenderinnerungen Arthur Schnitzlers hat ein einziges Blatt nicht ausgereicht. Ich benötigte ihrer drei." Und auf drei Torberg-Blättern stand dann zum Beispiel der Fund: "Wir müssen immer einen Dolch blitzen sehen, um zu begreifen, daß ein Mord geschehen sei." Und, wo es um eine Dreiecksliebelei geht: "Zu viel Psychologie übrigens! Sagen wir einfach, er war ein Narr, sie war ein kleines Luder und ich war ungeschickt."

Sprühende Sätze

So viel an pointiertem Schnitzler aber Torberg auf seinen drei Blatt notiert haben mag, so schlägt doch ein einziger Torberg-Satz über Schnitzler den Verehrten, an dessen Seite Torberg einst begraben sein wollte und knapp daneben auch seine letzte Ruhestätte fand, um Längen. Wer am Kreuz der Pointe hängt, der steigt nicht einfach von ihm herab und geht die langen Wege der Exegese eines Dichterlebens, in dem Schnitzler seine Lebenserlebnisse im Leben und nicht in der Dichtung verarbeit habe, nein, der findet einfach und genial: "Wenn er zu dichten begann, war er der Wirklichkeit nichts mehr schuldig." Und es sind genau diese geradezu gierig ein Werk und einen Dichter in einem Punkte glanzvoll aufsprühen lassenden bemerkenswertesten Sätze, um derentwillen das Ganze geschrieben ist. Und von denen sich der Schreiber nicht nur zwischen den Zeilen wünscht, dass man nun wiederum sie auf ein weißes Blatt schreiben möge.

Man kann und darf den Torberg, die Sammlung seiner "Pamphlete, Parodien, Post Scripta", seiner "Apropos. Nachgelassenes, Kritisches, Bleibendes", seine "Tante Jolesch. Der Untergang des Abendlands in Anekdoten" (samt den "Erben der Tante Jolesch"), seine Briefe, Kritiken, Romane nur lesen, wenn man Hunderte von weißen Blättern mit sich führt. Auf jenen sind Tausende von bemerkenswerten Sätzen zu notieren. Jeder ein Diamant (Rohdiamanten eingerechnet). Wenn einer vom Kreuz der Pointe herab der Stadt Wien und dem Erdkreis den Segen des liebenden Sarkasmus zu spenden wusste, dann Torberg.

Einen Hugo von Hofmannsthal fasst er mit "Sein Pfund wucherte mit ihm" weniger zusammen, als dass er ihn auseinandernimmt. Seinem Kollegen Alfred Polgar bescheinigt er, dieser sei so sehr in die Sprache verliebt, "selbst dort noch werbend, wo ihm längst Gewährung ward". Über eine "Julius Cäsar"-Inszenierung im Burgtheater, bei der des Brutus Gemahlin Portia gestrichen wurde, klagt Torberg, dass Portias Tod dessenungeachtet "schicksalsschwer gemeldet und ausführlich beklagt" werde, "so daß wir gehalten sind, an der Trauer des Witwers Brutus Anteil zu nehmen, obwohl wir die Dame gar nicht kennengelernt haben. Kranzspenden wolle man in der Direktionskanzlei abgeben." Und an Oskar Werners Hamlet zweifelt er, ob er, "wär er hinaufgelangt, sich königlich bewährt hätte". In seinem Falle sei "königlich" oder sogar "gräflich" entschieden zu hoch gegriffen. "Am ehesten tät's ein kleiner Landadel."

Den Witz ernst nehmen

Selbst seine Namensgebung ward dem Spross einer deutsch-jüdischen Prager Familie, die nach Wien übersiedelte, wo Torberg am 16. September 1908 zur Welt kam, eine der unsterblich melancholischen Anekdotenpointen wert. Der Sohn Alfred Kantors und dessen Ehefrau Theresia Berg, der die zweite Vatersnamensilbe mit dem Mutternamen zum neuen Eigennamen verschmolz, wurde in einer Runde von Theaterkritikern, die nach einer Wiener Premiere beisammensaß, von einem reichsdeutschen Kollegen eilfertig-launig befragt: "Stimmt es eigentlich, Herr Torberg, dass Sie auf die Frage, wie Sie als Jude zu diesem nordisch-arischen Nachnamen kamen, immer antworten: Weil mein Großvater Schiffsrabbiner bei den Wikingern war?" Darauf Torberg, äußerst pikiert: "Bitte, bei die Wikinger!" Er ließ sich von seinem Judentum kein Jota abhandeln - vor allem kein grammatikalisches. Und mit Witzen verstand er sowieso keinen Spaß.

Als Salcia Landmann 1961 ihren "beunruhigenden Bestseller" mit dem Titel "Der jüdische Witz" herausbrachte, nahm Torberg das philosemitisch gut Gemeinte, aber schlecht Gemachte dieser Anthologie Nicht-Pointe für Nicht-Pointe, Schluderei für Schluderei derart auseinander, dass darin vom Witz der Juden nichts weiter übrig blieb - als nur noch die puren antisemitischen Klischees. Er selbst war der witzigste Mensch, dem es immer sehr ernst war damit. Er konnte in Witzen sehr bitter und in Bitterkeiten sehr witzig sein. So hielt der Siebzigjährige in Wien kurz vor seinem Tod einen Vortrag über das "Recht auf ein ungesundes Leben", in dem er höhnisch befand, wenn er nicht so wahnsinnig viel rauchen würde, könnte er jetzt sicher schon fünfundachtzig sein. Eine Pointe musste für ihn immer auch mit dem Leben spielen. Wobei eine Pointe durchaus so bitter werden kann, dass sie das Leben kostet. Torbergs Roman "Der Schüler Gerber hat absolviert", mit dem der Zweiundzwanzigjährige 1930 glanzvoll debütierte und der ihm die Wiener Literatenkaffeehäuser öffnete, endet mit dem Selbstmordsturz des Schülers Gerbers, bevor dieser erfährt, dass er das Abitur trotz den Schikanen des sadistischen Lehrers "Gott Kupfer" bestand.

Für Friedrich Torberg, der 1947 aus dem Exil in New York seinem Freund Fritz Thorn, der ihm von einer Rückkehr nach Europa dringend abriet, weil "der Tummelplatz des Geistes geschlossen" sei und es nach der Verheerungen der Hitlerei "keine kleineren Dinge mehr gebe", schrieb: "Es gibt überhaupt nur die ,kleineren Dinge', und le tummelplatz, c'est moi!" - für diesen "homme de lettres" ging es auf dem Tummelplatz, der er selber war, immer um Sein oder Nichtsein. Was nur im Für und Wider, in Polemik und Gegenpolemik, in Streit und Retourkutsche geht ("Jööh, Bürschel, zeig mir, was du hast, dann zeig ich dir, was ich habe"). Nicht umsonst war Torberg einer der größten Briefschreiber, war ihm das persönliche Eingehen auf ein entferntes Gegenüber die literarisch liebste Form - waren auch seine Theaterkritiken ("Was die Ophelia der offenbar sehr jungen Christiane Schröder betrifft, so ist sie offenbar sehr jung") nichts anderes als Briefe an seine Leser.

Die feuilletonistische Einmann-Großmacht

Auch die Sammlung der Anekdoten aus dem jüdisch-böhmischen Alteuropa der Tante Jolesch, die er 1974 herausgab, und die man an jeder beliebigen Stelle aufschlagen kann, um sofort in jene melanchozwerchfellerschütternde Heiterkeit zu geraten, die man nur über das auszugießen fähig ist, was unwiederbringlich ist, besteht eigentlich aus brieflicher Mitteilung von unerhörten Begebenheiten. Es sind sozusagen die witzigsten Novellenbriefe der Weltliteratur. Wenn zum Beispiel ein Neffe der Tante Jolesch berichtet, er habe einen Autounfall gehabt und es sei "noch ein Glück" gewesen, dass er nur gegen die Leitplanke, nicht auf die Gegenfahrbahn geraten sei. Worauf Tante Jolesch repliziert: "Gott soll behüten vor allem, was noch ein Glück ist."

So wurde Friedrich Torberg mit seinem Tummelplatz, auf dem er als Stratege im Pointenkampf wirkte, als Herausgeber des "Forum", als Verfasser von politisch-zeitkritisch-literarsarkastischen "Post Scripta" im "Kurier", als Theaterkritiker (unter anderem der "Süddeutschen Zeitung") und als Kulturstreiter zu einer literarisch-feuilletonistischen Einmann-Großmacht. Zu einer Wiener Institution. Wen er liebte, ließ er nicht mehr aus den Herzensklauen. Wen er hasste, dem hieb er sie unnachahmlich ins Gedankliche beziehungsweise Gedankenlose.

Der von den Nazis Vertriebene und über Frankreich in die Vereinigten Staaten Geflohene, von wo er sehnsüchtige Briefe mit Freunden (Werfel, Alma Mahler, Peter Heller, Victor von Kahler, Molnár et al.) wechselte, in denen es um wenig mehr als um die untergegangene Welt österreichisch-jüdisch-habsburgisch-wienpragbudapester Synthese ging, einstens hergestellt wie hergelebt im geistigen Raum eines Lebensstils, der die Türen eines Café Herrenhof als die "Pforten des Paradieses" begriff, die, wenn sie verschlossen wären, "das Ende aller Zeiten" bedeuteten - dieser verzweifelte Liebhaber einer Kultur, der man nur noch nachtrauern konnte, wollte nicht nur gegen eine braune Diktatur gewesen sein. Er fand auch die rote um keinen Deut besser: die Abneigung des gebrannten Kindes gegen jedwedes System, das Menschen zu gebrannten Kindern machen kann.

GeistigeTrennschärfe

Der junge Theaterkritiker und Romancier, der von sich behauptete, er sei der letzte junge Schriftsteller, den Karl Kraus noch an sich und seinen Kaffeehaustisch im Café Parsifal herangelassen habe (Torberg zu Kraus: "Ich möchte endlich mal ein nützliches Buch schreiben!" Kraus: "Wissen S' was, schreiben S' doch ein Telefonbuch!"), bewies im Alter von fünfundzwanzig Jahren 1933 eine geistige Trennschärfe, die einem Gottfried Benn zum Beispiel abging, der 1930 noch "gegen den literarischen Kollektivismus auftrat" und gegen den Pöbel der "Hertha- und Poseidonschwimmer-Zeitgenossen" das rein Geistige betonte, aber jetzt, 1933, sich ausgerechnet "aus dem Geistigen hervor zum Nationalsozialismus", in dem die "Hertha- und Poseidonschwimmer den Ton angeben", bekennt. Dieser blutjunge Torberg hielt auch einem Thomas Mann respektvoll, aber glasklar vor, dass er gegen die Hitlerei leisetrete, weil er sich gerne "ein Deutschtum bewahren" wolle, das doch durch diese Hitlerei längst ad absurdum geführt sei.

Demselben Thomas Mann, der von sich behauptet, er sei "immer ein Mann des Friedens" gewesen, hält Torberg nach 1945, als Mann etwas kitschig hilflos mit den ostzonalen Machthabern flirtet, wunderbare Textstellen vor, in denen Mann im Weltkriegsjahr 1915 den "Soldaten im Dichter" preist und den Krieg als "Reinigung" gefeiert habe. Alles polemisch. Auf Pointen und Wortentlarvungen hin gerichtet. Wunderbar ungerecht die "demokratische Wende" in Thomas Manns Leben einerseits ignorierend, andererseits wider den trotz allem tief Verehrten wendend, der den Undemokraten hinterm Eisernen Vorhang seine Aufwartung zum Schillerjahr 1955 macht. Torberg konnte auch aus enttäuschter Liebe hassen. Und aus Überschätzung.

Sein Liebeshass zu Brecht ist dafür das schönste, heute kaum mehr nachvollziehbare Beispiel. Torberg war "nicht dagegen, dass man Brecht spielen darf, ich bin nur dagegen, dass man ihn spielt". Er hielt ihn für einen der größten Dramatiker, so groß gar, dass Brechts verführerische Stücke im Westen den Abwehrkampf gegen die rote Diktatur schwächen könnten. Denn Brecht werde, so Torberg, von seinen westlichen Verteidigern nicht als das genommen und begriffen, was Brecht einzig sein wolle: nämlich ein Kommunist, der gegen den Westen sei. Er habe ja nichts gegen Brecht. Nur gegen die "Brechtokokken". Kann gut sein, dass der ganze Anti-Brecht-Furor nur um dieser Pointe willen entfacht wurde.

Die letzte Pointe

Dass Brechts Stücke - aus Gründen ihrer theatralischen Unerheblichkeit, vulgo dialektischen Langeweile - den ganzen Kulturkampf, der um sie in den fünfziger Jahren geführt wurde, nicht lohnten und sich ja auch viel früher erledigten als der Kommunismus, den zu befördern sie so taugten wie Mutter Courages Leiterwagen zur Beförderung des Dreißigjährigen Kriegs, bekam er nicht mehr mit. Er starb am 10. November 1979, exakt zehn Jahre vor dem Mauerfall und dem Durchschneiden des Stacheldrahts an der österreichisch-ungarischen Grenze - Letzteres durch die Ungarn, deren Freiheitskampf und Aufstand von 1956 er wehmutwillige, die Feigheit der westlichen Schweige-Intellektuellen geißelnde Artikel widmete.

Noch sein Tod aber wurde Torberg zur Pointe. Joachim Kaiser schrieb ihm ins Krankenhaus, Rudolf Goldschmit, der Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung", sei soeben gestorben. Torberg schrieb zurück, es treffe ja immer die Falschen, er habe da eine lange Liste mit Richtigen, "aber mich fragt man nicht". Als sein Brief bei Kaiser eintraf, war Torberg soeben gestorben. Unsterblichen aber wie ihm kann so etwas schon mal passieren.

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