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Cleveland Orchestra : Der Stolz reicht bis ans letzte Pult

Kompromisslose Zusammenarbeit: Franz Welser-Möst mit vollem Einsatz am Pult des Cleveland Orchestra Bild: Roger Mastroianni

Franz Welser-Möst hat nicht nur das Klangbild des Cleveland Orchestra verändert. Er brachte es wieder auf sicheren Kurs. Die Herbsttournee mit Werken von Strauss, Mahler und Verdi führt auch in hiesige Konzertsäle.

          In den letzten Monaten ging es darum, einige wichtige Chefposten bei den großen Orchestern in Europa neu zu besetzen. Ein paar rote Fähnchen mussten umgesteckt werden auf der musikalischen Landkarte, in Luzern, Berlin, Leipzig, London und München. Etliche Dirigentennamen wirbelten durch die heiße Luft der Gerüchteküche. Nur einer fiel heraus oder vielmehr, er ließ sich heraushalten: Franz Welser-Möst.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Ein Dirigent aus Österreich, fünfundfünfzig Jahre alt. Ein feinsinniger, im Prinzip freundlicher Individualist. Ein Bücherwurm und disziplinierter Sportler, einer, den man so lange für einen wohltemperierten Arbeiter im Weinberg der Musik hält, bis er dann doch überraschend explodiert. Bis heute hat Welser-Möst noch jede Schublade, in die man ihn hineinstecken wollte, gesprengt. Vor just einem Jahr legte er, Knall auf Fall, die musikalische Leitung der Wiener Staatsoper nieder, weil er, wie schon zuvor in Salzburg, keine der handelsüblichen Kompromisskröten schlucken wollte. Aber seit mehr als dreizehn Jahren arbeitet Welser-Möst nun schon in Cleveland, Ohio, so glücklich, treu und erfolgreich, dass das dortige Orchester seinen Vertrag bis 2022 verlängert hat.

          In den Vereinigten Staaten von Amerika geht seit Anfang dieses Jahrhunderts das Thema Orchestertod um. Kein Gerücht, vielmehr ein in Zahlen fixierbares, zuweilen erschreckend konkretes Gespenst. Mit dem Publikum schwanden die Eigeneinnahmen, es schmolzen die Reserven, es verabschiedeten sich Sponsoren. Die Insolvenzerklärung des Philadelphia Orchestra 2011, das in letzter Sekunde gerettet wurde; Krise und Aussperrung des Minnesota Orchestra ab 2012, aber auch das Aus für die New York City Opera 2013; all das waren nur die schockierenden Spitzen des Eisberges. Gehaltskürzungen, Verkleinerungen von Personal und Programm gab es fast überall. Die fetten Jahre, in denen die historischen „Big Five“, die großen Orchester in New York, Boston, Philadelphia, Cleveland und Chicago, exemplarisch Spitzenleistungen erbracht hatten, waren schon vor der globalen Finanzkrise zu einer Legende erstarrt, und der gute Ruf dieser einst hochgepriesenen „musikalischen Hochleistungsmaschinen“ verstand sich nicht mehr von selbst.

          Wo andere Orchester aufhören

          Auch in Cleveland, einst Eldorado der Stahlbarone, schrumpfte die Finanzdecke für das Luxusgut Bildung und Kultur, für die Universitäten, das Museum, das Orchester. Ein gutes Fünftel der Bevölkerung ist in den letzten zehn Jahren weggezogen. Eine mittelgroße Stadt im amerikanischen Hinterland mit einer Einwohnerzahl von weniger als vierhunderttausend: „Da können wir“, sagt Welser-Möst, „uns doch nur beweisen, wenn wir permanent erste Qualität liefern.“ Aber er sagt auch, im gleichen Atemzug: „Ich habe noch nie und nirgends bessere Arbeitsbedingungen erlebt als hier.“

          Vierzig der immer noch einhundertvier Musiker hat er inzwischen selbst miteingestellt. Von einer Hochleistungsmaschine spricht heute keiner mehr. Dabei sind die schiere Virtuosität, die gefeilte Präzision der Interaktion und das, was einst das Markenzeichen des Orchesters war, sein changierender Silberglanz, immer noch atemraubend. Dazu kommt eine Transparenz der Struktur, die auch weit ausgreifen kann, in großen formalen Bögen. Noch eine stille Veränderung, die sich bemerkbar macht in den Proben und Konzerten: wie das Cleveland Orchestra unter Welser-Möst europäische Schlüsselwerke auffasst, etwa die Pastoralsymphonie von Beethoven oder die malerische „Sinfonia Domestica“ von Richard Strauss. Eine wienerische Eleganz der gesungenen Linien hat sich eingestellt, ein gestischer klangrednerischer Duktus. Überaus lüstern und nachdenklich ist das weich fließende Espressivo von Holzbläsern, Hörner, Tuben, auch die Streicher atmen immer mit. Das ist ganz offenbar die neue Handschrift von Welser-Möst. Jedoch, so hört man es derzeit von allen Seiten aus Amerika: Es wohne immer noch der alte gute Geist in diesem Orchester, der schon andere Chefdirigenten vor Welser-Möst faszinierte.

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