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Frankfurter Oper : Wer täuscht der Liebe Seherblick?

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Auf der schiefen Bahn: Claudia Mahnke stürmt als tollkühne Judith die Burg des abgründigen Herzogs Blaubart Bild:

Zweimal Mann gegen Frau: An der Frankfurter Oper inszeniert Barrie Kosky einen Doppelabend mit Werken von Purcell und Bartók. Die Korrespondenz der Stücke wird dabei deutlich, ohne dass der Regisseur zu Gewaltsamkeiten greifen muss.

          Die Opern liegen in ihrer Entstehungszeit weit auseinander. Purcells „Dido and Aeneas“ wurde 1689 uraufgeführt, Bartóks „Blaubart“ 1918. Regisseur Barrie Kosky hält in seinen Inszenierungen für die Oper Frankfurt beide Werke strikt auseinander. Keine inszenatorischen Gewaltsamkeiten - und doch entstehen zwischen beiden Darstellungen innere Korrespondenzen. Die psychologische Komplexität im Verhältnis von Mann und Frau im „Blaubart“ erreicht Purcells „Dido“ zwar nicht. Aber in der Figur der karthagischen Königin wird doch etwas erfahrbar, was Purcells Musik ihr genial zuspielt: die Gefährdung der Gefühle, deren Verletzung im schlimmsten Fall zum Tod führt. Die Mezzosopranistin Paula Murrihy führt diesen psychischen Prozess mit klar fokussierter, ausdrucksvoller Stimme eindrucksvoll vor. Der Rest ist Schluchzen, Schweigen und Sterben.

          Eingebettet ist diese großartige Leistung in eine höchst lebendige szenische Darstellung in Form eines Reliefs: Auf langen Bänken quer über die Vorderbühne sitzen Solisten und Chorsänger in historisierenden Kostümen (Katrin Lea Tag) vor einer abschließenden Wand. Immer wieder treten alle solistisch oder als Gruppe aus dem „Relief“ hervor, agieren um das kleine Orchester herum, kontrapunktieren mit Gesten, Bewegungen, Körperballungen die Impulse der Musik.

          Ein geschlossenes, stilreines Ensemble

          Das ist wunderbar von der Regie entworfen und wird von den Sänger-Spielern perfekt umgesetzt: Britta Stallmeister als Belinda und Sebastian Geyer als Aeneas ragen vor allem vokal hervor; aber auch die Partien der „Second Woman“ (Anna Ryberg), der beiden Hexen (Dmitry Egorov, Roland Schneider), des Geistes (Peter Marsh) und Martin Wölfels „Sorceress“ fügen sich zu einem geschlossenen, stilrein singenden Ensemble. Auch die rund zwanzig Musiker und Musikerinnen des durch einige Barockspezialisten ergänzten Frankfurter Opernorchesters agieren unter der Leitung von Constantinos Carydis mit hoher Musikalität und stilistischer Sicherheit. Das gilt auch für den durch Matthias Köhler hervorragend vorbereiteten Chor.

          Szenenbild aus dem Oper-Doppelabend aus „Dido and Aeneas” von Henry Purcell und „Herzog Blaubarts Burg” von Béla Bartók an der Frankfurter Oper

          Im zweiten Teil wurden bei älteren Frankfurter Theaterfreunden Erinnerungen wach. Da war sie wieder: die sogenannte Koch-Platte oder - wie der Schauspielregisseur Heinrich Koch seine Szene nannte - die „Weltinsel“, auf der während Kochs Frankfurter Zeit (1956 bis 1968) die großen Claudel-, Shakespeare-und ONeill-Inszenierungen stattfanden. Eine solche Platte hatten sich Kosky und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Katrin Lea Tag für Bartóks „Blaubart“ ausgeguckt: ein riesiges, schwenkbares Rund, das fast die gesamte Spielfläche ausfüllte. Eine raffinierte Lichtgestaltung (Joachim Klein) schuf über dem Spielrund imaginäre Lichträume, entsprechend den Lichtvisionen des Librettisten Béla Balázs.

          Personifizierte Bildimpressionen als Bühnenbild

          Im Übrigen verzichtete die Regie auf alle gewohnten Bildimpressionen wie Folterkammer, Waffenarsenal, Schatzkammer, Blumengarten, weite Landschaft oder Tränensee. Diese Bilder werden von drei stummen Akteuren in schwarzen Anzügen sozusagen personifiziert: Dabei rinnt ihnen auch einmal Goldstaub aus den Kleidern oder, etwas albern, dünne Wasserstrahlen für den See der Tränen.

          Was Kosky mit seiner optischen Reduktion beabsichtigt: die absolute Konzentration auf die beiden Hauptfiguren, auf deren psychische Dispositionen, die sich in differenzierten Haltungen, Bewegungen, Gesten und Gebärden, in aggressiven Attacken von Mann und Frau gegeneinander, in zärtlichen und verzweifelten Umarmungen und Liebkosungen darstellen - das alles erhält auf der „Weltinsel“ eine fast magische Dringlichkeit.

          Geschlechterkampf bis ins Innere der Seele

          In einem großen Ritual dringen die beiden Figuren in ihrem Geschlechterkampf ins Innere ihrer Seele ein, und zwar nicht nur in die des Mannes, wie einst vom Textautor intendiert, sondern auch in die der Frau. Das ist aus einer heutigen, psychologisch differenzierteren Perspektive gesehen: Die Frau wird zu einer ebenbürtigen Kraft, entwickelt eine psychische und körperliche Energie, die den Mann zu Boden zwingen kann - immer wieder geht hier Blaubart zitternd, die Glieder schüttelnd, zu Boden, ein nervlich überanstrengter Zeitgenosse, kurz vor Parkinson und Demenz.

          Robert Haywards Blaubart-Darstellung erreicht vokal und schauspielerisch einen hohen Grad an Identifikation; wie auch Claudia Mahnke als Judith, die eine eindrucksvolle physische und gesangliche Präsenz in das „Kampfspiel“ einbringt. Fast kann man nicht glauben, dass sich diese Judith am Ende doch wieder zu ihren Leidensgenossinnen in die siebte Kammer stellt - zwei faszinierende solistische Leistungen. Ebenso das Orchester, wieder unter Carydis Leitung: klangscharf und zugleich farbig, transparent und kontrastreich in den sieben Klang-Bildern zu den sieben Szenen - das alles befand sich in eindrucksvoller Balance. Brillant.

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