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Londoner Forsythe-Uraufführung : Unverschämt gut gelaunt

  • -Aktualisiert am

Szene aus der neuen Forsythe-Choreographie Bild: English National Ballet/Laurent Liotardo

Das English National Ballet steuert die Zukunft mit einer Uraufführung von William Forsythe an: In „Playlist (Track 1,2)“ machen die Tänzer das, was wir zu Hause auch tun – aber aufsehenerregender.

          Es ist komplizierter denn je, eine Ballettcompagnie zu leiten. Um als Direktor die wirtschaftlichen, organisatorischen, künstlerischen, sportmedizinischen und Human-Resources-Probleme von bis zu neunzig oder mehr Tänzern zu lösen, brauchte man schon immer Tage, die länger sind als vierundzwanzig Stunden. Aber inzwischen sind Probleme dazugekommen: Die Idee, was Ballett ist, schwindet aus dem öffentlichen Bewusstsein, außer in London, Paris, New York, St. Petersburg und Moskau natürlich.

          Man kann sich vorstellen, dass der wirtschaftliche Druck zunimmt, seit die Unterhaltungsmöglichkeiten virtuell ins Unermessliche wachsen durch das, was das Internet zu jeder beliebigen Zeit auf alle möglichen Haushaltsbenutzeroberflächen spült. Was muss man arbeiten, um die Nutzer hinter ihren digitalen Endgeräten hervorzulocken! In Millionenstädten wie New York und London konkurrieren sogar je zwei große Ballettcompagnien miteinander – und mit allen anderen Entertainmentquellen.

          Während die Profile des New York City Ballet, des Hüters der Werke von George Balanchine, und des American Ballet Theatre mit seinem mehr divergierenden Repertoire klar abgegrenzt sind, ist die Situation in London etwas unübersichtlicher. Das Royal Ballet in Covent Garden ist mit den Hauschoreographen Wayne McGregor und Liam Scarlett ästhetische Verpflichtungen eingegangen, hat mit Kevin O’Hare aber keinen choreographierenden Direktor, spielt Christopher Wheeldon’s „Alice in Wonderland“, bis die Kassen glühen, und kümmert sich um das Erbe von Frederick Ashton und Kenneth MacMillan. Das English National Ballet (ENB) hat mit Tamara Rojo seit 2012 eine Direktorin, die zugleich ihre eigene Erste Solistin ist und sich selbst im BBC-Fernsehen lächelnd als Workoholic bezeichnete.

          Einfach tanzen, aber besser: Das ist die Idee hinter „Playlist (Track 1,2)“

          Das führende Haus Londons im zeitgenössischen Tanz, „Sadler’s Wells Theatre“ präsentierte das ENB jetzt mit dem Programm „Voices of America“. Es begann mit einem sehr temporeichen, eleganten, eklektizistischen Werk der Kanadierin Aszure Barton, dem 2016 für das ENB entstandenen „Fantastic Beings“ zu zeitgenössischer Orchestermusik von Mason Bates. „Anthology of Phantastic Zoology“ ist originell hochkulturell aufgerüstete Filmbegleitungsmusik, die Barton zu detailreich ausformulierten, Musical-nahen, quecksilbrigen Bewegungsströmen für die große Gruppe inspirierte.

          Zwanzig in dunkle, hochgeschlossene Ganzkörpertrikots gekleidete Tänzer gleiten vor einem sternenübersäten Nachthimmel über die Bühne. Animalische, vom Instinkt diktiert scheinende Bewegungen lösen sich mit klassischen, dynamisch vorgetragenen, schönen Schritten ab. Trotz der Tatsache, dass Barton sich erkennbar aus diversen tänzerischen Idiomen bedient, langweilt man sich keine Sekunde. Denn sie ist eine wirkliche Meisterin der Phrasierung, sie überrascht durch die völlig zufällig wirkende Aneinanderreihung von Cunningham und Broadway, Break oder Balanchine. Sie bedient jeden Beat und Gag der Musik, aber so schmeichelhaft und pointiert, dass es diese Musik irgendwie adelt. „Fantastic Beings“ ist raffiniert. Man schaut es wirklich gern, aber ein bisschen hat man auch das Gefühl, Algorithmen hätten es produziert und unser ständig Sinnzusammenhänge kreierendes Gehirn suggerierte nun konsequent, das alles liefe menschlicher Logik folgend ab.

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