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„Figaros Hochzeit“ in Köln Dieses Gefühlspuzzle fliegt auseinander

Zwischen Macho-Faxen und Herzensdingen: Benjamin Schad inszeniert, Konrad Junghänel dirigiert Mozarts „Figaro“ in Köln als Zeugnis purer Geistesgegenwart.

© Paul Leclaire Vergrößern Will der Schmetterling bloß naschen, oder hat er tiefere Absichten? Bei diesem Kölner Cherubino (Adriana Bastidas Gamboa, r.) blickt schon der Don Giovanni um die Ecke

Der schönste Moment ist eine Pause. Ein Atemholen, ein Zeitstillstand: Maria Bengtsson, Mozarts Gräfin im „Figaro“, hat ihn, als sie sich an all die schönen Augenblicke erinnert, die nun für immer vergangen sind: „Dove sono i bei momenti?“ Das ist eigentlich traurig genug. Aber wie sie vor der Wiederholung, als das innere Ohr schon hören will, wie es weitergeht, einen langen, langen Augenblick innehält, um still auf das zurückzuschauen, was war und nicht mehr ist, und Konrad Junghänel mit dem Gürzenich-Orchester auch einhält, und wie die Wiederholung dann doch kommt, aber noch trauriger, leiser, langsamer: da geht ein Riss durch die Welt.

Davon haben wir bis dahin schon einiges gesehen. Weil Benjamin Schad, der junge Regisseur, es uns zeigen will und sich von Tobias Flemming dafür ein federleichtes, praktikables Bild hat bauen lassen: ein paar Wände mit den nötigen Türen nur, aber auch die gehen irgendwann verloren. Es ist ein Puzzlespiel, aber ein negatives: Statt dass es sich zusammensetzt, fehlt immer mehr, und am Ende stehen die Menschen da fast ohne einen Raum, der noch irgendetwas zusammenhalten könnte.

Sie stehen aber nicht voller Pathos in den Trümmern ihrer Welt, dazu war das alles schon viel zu wacklig. Aber zu zeigen ist ja auch keine Götterdämmerung, sondern bloß ein paar Menschen, wie sie sich begehren und betrügen, süchtig nach ein paar schönen Momenten, und wie sie alles dafür tun. Schad zeigt sie, wie in ihnen am Ende vielleicht tatsächlich etwas dämmert - Einsicht womöglich.

Arie als Wunschkonzert

Der Irrwitz des ersten Akts fängt an mit Kinderkrakeleien an der Wand, hier Schloss Almaviva, da Männchen und Weibchen, und dem einen wächst ein lila Riesenpenis zwischen den Beinen - was Kinder halt so malen und wovon sich lüsterne Feudalgrafen eben treiben lassen. Und nicht nur die. Auch sein Faktotum Figaro ist so und macht allerlei Macho-Faxen. Matias Tosi schafft es, dass man trotzdem irgendwie immer an ihm vorbeiguckt.

Auch Cherubino, der alle liebt und den fast alle lieben, lässt den kommenden Don Giovanni durchblicken, wenn das Pagenhütchen erst einmal vom Wuschelkopf ist. Adriana Bastidas Gamboa singt Mozarts mythisches Sub- und Objekt der Begierde ein bisschen aufgeregt. Aber das legt sich wie eine schöne Flüchtigkeit auf die Partie, und wenn ein Cherubino sich seiner Mittel, auch der stimmlichen, zu sicher ist, dann wird aus seinen Arietten doch bloß Wunschkonzert. „Ich weiß nicht, wer ich bin, was ich tue“: Das klingt einen Hauch flackrig - und das darf auch so klingen. Das Pendant ist Ji-Hyun An, die der kleinen Barbarina, die den Cherubino auch schon gern hätte und sich dafür auch vom Grafen küssen lassen würde, die zarte Farbe einer verstörten Unschuld mitgibt, die längst ahnt, dass sie keine mehr ist.

Das Symbolgemächt an der Wand wird übrigens bald gestutzt, vom Kinderkram bleibt nur ein Schaukelpferd, auf dem gelegentlich schwer augenzwinkernd herumgeritten wird. Aber die Trieb- und Herzensdinge verwirren sich ja bald in Intrige und Gegenintrige und Gegen-Gegenintrige, mit Verkleidung, verführten Verführern, verlorenen Nadeln und der spürbaren Lust von Mozart und Da Ponte, aus Beaumarchais’ „Tollem Tag“ eine Handlung zu machen, die in keinen Opernführer passt.

Gemeinsam zum Mozart-Klang

Die Inszenierung befreit uns allerdings von der Last, diesem Durcheinander in allen Einzelheiten folgen zu müssen. Der Raum, in dem anfangs noch die Gesetze der Schwerkraft und der Komödienmechanik gelten, wird zunehmend durchsichtig für das Moment des Surrealen; bis dann am Ende, wo zum Showdown im Garten anderswo Bäume zu sehen wären, im Kölner Palladium große dicke weiche rosa Frauenleiberpolster von der Decke schweben. Das sieht ganz schön aus und gibt Stoff zum Nachdenken.

Ofelia Sala ist eine erwachsene, kluge und als Sängerin klug disponierende Susanna; Mark Stone ein standfester Graf, Typ Tony Curtis. Maria Bengtsson, der Gräfin - Typ Grace Kelly -, kann er nicht das Wasser reichen: So warm, intonationssicher und geläufig gibt sie der Contessa ihre Stimme. Bengtsson ist das eine Zentrum des Abends, das Gürzenich-Orchester in Minimalbesetzung das zweite. Konrad Junghänel formt, mit bloßen Händen, ohne Stab, einen betörend sprechenden Mozart-Klang.

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Wenn alle spielen, also auch die Hörner, Trompeten und Pauke aus der Kantine zurück sind, gehen die Streicher ein wenig unter, aber das sind nur Momente. Dafür schafft es Junghänel durch schlaue Rückungen in Tempo und in Dynamik, dass man keine Sekunde darüber weghört, was sich hier, wunderbarerweise, ereignet: pure Geistesgegenwart.

Weitere Vorstellungen am 20., 24., 26., 28. und 31. Oktober sowie am 4. November.

Quelle: F.A.Z.

 
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