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„Feuchtgebiete“ auf der Bühne Brechschalenfrüchtchen an Blutbeule

28.09.2008 ·  Sieben junge Schauspieler in Unterwäsche und wild entschlossen, ihre Haut für jeden noch so murkligen Skandal zu Markte zu tragen: In Halle ist Charlotte Roches Bestseller „Feuchtgebiete“ auf der Theaterbühne gelandet.

Von Irene Bazinger
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Halle stand nicht Kopf am Wochenende, obwohl es das laut der üppigen Vorberichterstattung zur Uraufführung von „Feuchtgebiete“ schon seit Tagen hätte tun müssen. Man feierte lieber das Salzfest und gedachte – gewiss auch nicht nur trocken, doch eher über der Gürtellinie – seiner Solequellen, die einst für den Reichtum der Stadt gesorgt hatten.

Ziemlich schlüpfrig ging es dagegen in der „Werft“ zu, dem Kleinen Haus des Neuen Theaters Halle auf der sogenannten Kulturinsel. Sechs Schauspielstudenten und die mit fünfundzwanzig Jahren nicht viel ältere Ines Schiller kauerten am Anfang reglos in brechschalenförmigen Vertiefungen vorne auf der leeren, weißen Bühne von Oliver Menzel. Deren ebenfalls weiße Wände teilte eine Banderole mit dem Foto einer Palmenlandschaft. Alle Darsteller hatten Luftballons bei sich, die sie quietschend zerplatzen ließen, worauf Wasser – farblos, nicht weiß - heraus platschte und kollektives Erschrecken, hektisches Gezappel, lautstarkes Schnaufen auslöste. Die Akteure steckten immer in einfacher Unterwäsche, natürlich ganz in weiß und in einem Kokon wilder Entschlossenheit, ihre Haut für jeden noch so murkligen Skandal zu Markte zu tragen.

Nicht auf Skandal angelegt

Der Regisseurin Christina Friedrich muss zugute gehalten werden, dass sie es auf keinen Skandal anlegte. Das machte die Angelegenheit aber nicht besser, denn worauf sie stattdessen zielte, blieb trotz heller Bühne tief im Dunkeln. Die Uraufführung der „Feuchtgebiete“ folgte einer Fassung „nach Charlotte Roche“, von der Christina Friedrich, wie es heißt, die Rechte zu diesem Projekt aufgrund persönlicher Bekanntschaft bekommen hatte. Da von dem in diesem Jahr publizierten Roman inzwischen über eine Million Exemplare verkauft wurden, setzte ihn die Regisseurin offensichtlich als bekannt voraus. Wer ihn allerdings nicht gelesen hat, kann sich höchstens über den Abend wundern, an dem ein paar junge Leute wie in einem öffentlichen Workshop kurzbehost aus einer stilisierten Fruchtblase torkeln und sich schließlich bis zum fortpflanzungsfähigen Partygänger entwickeln. Die knappen, nicht illustrativen, sondern betulich assoziierenden Szenen sind vorwiegend unverbunden – erst eine laute, dann eine leise, erst eine schnelle, dann eine langsame.

Christina Friedrich, geboren 1965 in Thüringen, ist übrigens Regie-Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. So kalkuliert auf sinnlich–sittliche Entgrenzung spekulierend das Buch, so ästhetisch–theatralisch begrenzt seine erste Dramatisierung. Mit Mehl und Öl, mit einem Sack Erde und kirschsaftfarbenem Blut wird ein bisschen herum geferkelt. Gern unternehmen die Kerle etwas zusammen – etwa wie richtige Italiener mit Kochmützen und Schlagern, die Pizzateig kneten und danach onanieren. Die Mädchen wiederum binden sich Vollbärte um und probieren Tabledance. Eine beschmiert sich in ihrer Verzweiflung komplett mit fetter Creme, um schön zu werden, eine andere zieht verkrampft die Schultern hoch und denkt an die Großmutter, die zeitlebens dermaßen ange- spannt war, dass ihre Arme irgendwann aus dem Kopf zu wachsen schienen. Auf diese Art lässt sich zu Themen wie Geschlechterkampf, Schönheitswahn, Rollenbilder eben auch – nichts sagen.

Helen Memel als Opfer

Helen Memel, die achtzehnjährige Erzählerin aus „Feuchtgebiete“, die sich nach einer missglückten Intimrasur mehr als zweihundert Seiten lang über die Funktionen und Flüssigkeiten ihres Körpers ausbreitet, wird hier vor allem als Opfer gezeigt. Sie wird an einem Fuß aufgehängt, von den anderen angepöbelt und gegen ihren Willen heftig mit einem Schwamm gewaschen. Ines Schiller lacht als dieses saubere Früchtchen Helen trotzdem meist fidel, schreit herzhaft und erzählt mit gemütlichem oberösterreichischem Akzent über den Selbstmordversuch der Mutter oder, bewegungslos am Boden hockend, von einer erotischen Phantasie. Der Mann, dem sie gilt, kriecht dabei außer Reichweite eher gequält als geschmeichelt auf dem Bauch.

Die wenigen anstößigen Zitate aus dem Roman werden in bewusst harmlosem Smalltalk-Tonfall bis zur Unverständlichkeit durcheinander gesprochen und können keinen größeren Zusammenhang bilden. Über neunzig zähe Minuten lang wechseln sich biedere gymnastische Gruppenchoreographien mit unerfreulichen Einzelnummern ab. Die Aufführung konzentriert sich, ohne Pfeffer, ohne Salz, mehr auf die Psychohygiene der Darsteller als auf die ausgiebig thematisierte Anti-Sexualhygiene des Buches. Weder nervöse Musikeinblendungen noch flaue Filmprojektionen vermögen dem in gequirlter Regie-Eitelkeit versinkenden Abend einen Hauch von Tempo, Rhythmus oder Orientierung zu geben.

Natürlich war die Premiere im kleinen Saal mit 130 Plätzen ausverkauft. Doch die Rechnung, mit der Uraufführung eines dubiosen Bestsellers an seinem zweifelhaften Ruhm samt öffentlichem Rummel mitzunaschen, ging nicht auf. Vielleicht lässt sich so kurzfristig die Besucherzahl steigern, gewiss ist freilich, dass sich so der gute Ruf eines Theaters nachhaltig gefährden lässt.

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