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Festspielsommer Mein Gott, was machen wir

05.08.2009 ·  Festspiele allerorten - und von Krise kaum eine Spur: Im Sommer 2009 ist das Angebot für Kulturtouristen und Festivalfreunde reicher denn je. Ein Selbsterfahrungsbericht von Elke Heidenreich.

Von Elke Heidenreich
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Nein, das habe ich nicht geahnt, wie viel Festspiel allerorten ist. Vor vier Jahren fing ich an, jeden Sommer für diese Zeitung über ein Festival zu berichten. Da dachte ich noch: Wie schön, Kultur im Sommer - muss man doch beachten, muss man doch den Menschen nahebringen, damit sie nicht nur auf ihren Liegestühlen herumliegen! Bayreuth! Glyndebourne! Torre del Lago! Jetzt frage ich mich, ob überhaupt noch jemand auf Liegestühlen liegt, denn es festspielt landauf, landab mit ungeahnter Wucht.

Natürlich München, Berlin, Ruhrtriennale; natürlich Bayreuth, obwohl es, ironische Macht des Schicksals, in diesem Jahr eine Zeitlang so aussah, als ob ausgerechnet Verdi Bayreuth verhindern wollte. Herrenchiemsee war immer schon, Salzburg war immer schon, Schleswig-Holstein, Schwetzingen, Ludwigsburg. In Bregenz kommt dieses Jahr nach dem Tosca-Auge der Aida-Fuß. Nibelungen in Worms, Jesus in Oberammergau, Rokoko in Ansbach und Barock in Bad Arolsen, Karl May in Bad Segeberg und die Fledermaus in Neustrelitz, Haydn in Eisenstadt und die Zauberflöte im Schweinestall von Klein-Leppin, das ganze Dorf singt mit.

Raus aus dem Alltag!

Nein, ich habe nicht gewusst, dass wir eine derart kultursüchtige Nation sind, wo doch an der Kultur immer zuerst gespart wird. Wo kommt all das Geld für diese Festspiele her? Woher kommen die Hunderttausende von Zuschauern? Ein Mirakel. Joachim Kaiser weiß in der „Süddeutschen“ auf seine unnachahmliche Schnörkelart die Antwort: „Menschen, die der Faszination von Musik einen Platz in ihrem Leben einräumen, brauchen neben den sauren Wochen des Alltäglichen die frohen Feste des Besonderen, Unalltäglichen.“ Ach so. Aber wer hätte gedacht, dass es davon derart viele gibt!

Gemächlich fahre ich mit Musikerfreund Floros durch Frankreich, wir wollen zu den Opernfestspielen nach Aix-en-Provence. Auf dem weiten Weg in den tiefen Süden dasselbe Bild: Festspiele in den Rhone-Alpen, jeden Abend Cellokonzerte in Villard-St-Pancrace, Klavierfestival in La Roque d'Anthéron, ein Ort namens Callas bietet passenderweise Wochen Alter Musik, und entlang der Durance gibt es Bach, Telemann, Vivaldi (kennen Sie eigentlich von Wolfgang Hildesheimer den Text, in dem er beschreibt, wie er sich die Hölle vorstellt? Wie St. Moritz im Sommer, und jeden Abend ein Konzert mit Triosonaten von Telemann und Johann Sebastian Bach, gespielt auf Originalinstrumenten, missgestimmt von Harnoncourt!). Also Bach, Telemann, Vivaldi, aber, wir staunen, auch Schnittke und Ligeti. An der Durance. Irgendwo in den Rhone-Alpen.

Ästhetische Apokalypse

In Aix-en-Provence ist es gar nicht so einfach zu erfahren, was wann wo ist. Zwar hat die Stadt für die Festspiele geflaggt, aber das Opernhaus liegt eher am Rand zwischen allerlei Plattenbau, an der Kasse nur „normale“ Opernkarten, nichts fürs Festival, das machen andere, die kommen aber erst am Abend. Das Festspiel als Fremdkörper? Wir sind rechtzeitig da, um das gewaltige Opernhaus zu umrunden, in Spiralen kann man außen auf- und abwärts wandeln, ein Amphitheater für die Zuschauer, nicht für die Künstler. Außen zeigen wir uns selbst, blicken auf die Stadt und freuen uns, dass in fast jeden Mauernquader ein Handwerkername mit Werkzeug eingraviert wurde, Maurer mit Kelle, Zimmerleute mit Hammer, Architekten mit Zirkel, Elektriker mit Blitz - was für eine schöne Idee.

Innen kühle, schlichte Funktionalität, tausendvierhundert Plätze, natürlich ausverkauft, das Publikum nicht gerade jung, aber jünger als in Bayreuth. Wir werden Wagners „Götterdämmerung“ hören, den letzten Teil des „Rings“, Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker, der Chéreau-Schüler Stéphane Braunschweig hat Regie geführt. In deutschen Zeitungen lesen wir viel Unzufriedenheit. Dem einen Kritiker ist es zu dunkel, der andere bemängelt zu viel Licht beim Weltuntergang, die Damen gelten als zu stämmig (wie sollen sie denn sonst Wagner singen?), die Bühne ist zu leer, nein, die Bühne ist wie eine Boutique, das Orchester spielt zu schön (was soll das denn heißen? Es kann gar nicht schön genug sein! Natürlich hat die Apokalypse ästhetische Dimensionen! Schon Heiner Müller räumte ein, dass der Atompilz ein ästhetisches Phänomen sei - solange man nicht selbst davon betroffen wäre!).

Von Wagner ergriffen

Bei 36 Grad schicken sich also tausendvierhundert Menschen an, eine Wagner-Oper zu hören, die ja nun nicht gerade nett unterhält, sondern fordert. Wagner ist immer ein mit Erschütterung verbundenes Großereignis, man muss sich hineinstürzen, über Stunden. Wir sind - im Gegensatz zu den Kritikern, die vor uns da waren - beeindruckt. Es wird ein Ereignis. Ja, die Bühne ist karg, aber ob der Kriegsmüllplatz bei Robert Carsens Kölner „Ring“ eine Alternative ist, steht dahin. Es geht hier nicht um Äußeres, sondern um Inneres. Und das vermittelt die Musik unter Rattle geradezu erschütternd eindringlich. Endlich mal hört man nicht nur das Große, Donnernde, „Schubert auf Anabolika“, wie Rattle im Interview grinsend sagte; sondern auch das Leise, Zarte, das Liebende, die Verzweiflung, die bohrt.

Es ist ein sparsames, elegantes, kluges „Ring“-Finale, der Untergang ist in den Seelen der Figuren, nicht auf spektakulär brennender Bühne. Es ist unsere heutige Geschichte, die immer „die Krise“ genannt wird und die mit Macht, Gier, Korruption, Verrat, Lüge und Betrug zu tun hat, die hier schlüssig erzählt wird. Alles versinkt am Ende in einem Graben, in einem Loch, im Nichts. Jetzt erst ist Neuanfang möglich.

Das Publikum applaudiert lange und ergriffen, stehend, und danach ergießt es sich in die Gassen von Aix, man will nach mehr als fünf Stunden Wagner innerlich herunterfahren, etwas trinken, Eindrücke verarbeiten; aber es gibt im Umfeld der Oper nicht ein Lokal ohne laute Stampfmusik - was für ein Desaster. Überall sehen wir elegante Opernbesucher zwischen sommerlichen Kurzhosen herumirren, auf der Suche nach einem ruhigen Platz. In den Restaurants wird noch gegessen, die Hotelbars sind stickig, und auch da spielt jemand Banales am Klavier. Die Oper in Aix stimmt, das Umfeld stimmt nicht und gehört doch auch dazu.

Geblendet vom Trivialen

Am nächsten Tag: Mozarts „Idomeneo“ unter freiem Nachthimmel im schönen Palais de l'Ancient Archevêché, Marc Minkowski dirigiert das Orchester aus Grenoble, Olivier Py hat inszeniert. Und nun mäkeln wir selbst: Es ist eine Kitschorgie unfassbaren Ausmaßes. Die Bühne sieht aus wie eine Mischung aus trister Vorstadt, Legobaukasten und Frankfurter Flughafen, vollgestellt mit Metallgestänge und kleinen Häuschen, die Idamante, Architekt des Schicksals, beim Singen willkürlich hin und her schiebt. Neptun erscheint mit grünem Bart und Dreizack, Pferde aus Pappe stehen herum, ab dem letzten Akt dann auf einem Balkon im zweiten Stock (warum?), das Bühnenbild ist auf Rollen und wird ununterbrochen gedreht, gefahren, verändert, geschoben, die Sänger und der Chor rennen auf und ab, es klappert was, es fällt was hin, ich staune, dass sie sich trauen, eine Pause zu machen. Und ja, viele gehen.

Wir bleiben tapfer, versuchen, die Musik bei all dem Geklapper zu hören. Ich finde das Orchester dünn und uninspiriert, mein Musiker findet aber alles genau richtig, so sei das eben unter freiem Himmel, wir streiten, weil dieser Abend die Nerven bloßlegt. Die Sänger geben sich im Bühnenwirrwarr alle denkbare Mühe, die Sängerinnen sind diesmal nicht allzu stämmig, die Klimaanlage ist die laue Sommernacht, und all die Ikeaspiegel, die Katharina Wagner auf Gran Canaria für ihren „Tannhäuser“ noch nicht aufgekauft hat, blitzen und blenden uns hier. Das Bühnenbild erschlägt die Musik, das Orchester, das Stück, die Zuschauer, erschlägt sie mit Trivialität und Geschmacklosigkeit. Bei Stürmen des Meeres oder der Seele werden Blitze entfacht, zu denen sich halbnackte Tänzer in wirrer Choreographie wälzen.

Als Idomeneo Neptun herausfordert, werden Häuschen heraus- und kleine Boote hereingeschoben. Elettra muss sich aus einem Eimer rote und schwarze Farbe ins Gesicht schmieren, der Chor hält Blümchen, es ist alles völlig sinnfrei, und diese drei Stunden fühlen sich an wie fünfzehn. Nur einmal habe ich vor Jahren einer derart gründlichen Zerstörung einer Oper beigewohnt, „La Traviata“ unter Kanaldeckeln (das Unbewusste! Was sag ich: das „Unterbewusste“!), in Luzern . . .

Niemand entkommt Lang Lang

Aix ist laut, voll und heiß, wir fliehen an die Küste. Da gibt es einen Verdi-Abend in Bandol, mit Chor, Solisten und E-Klavier. Der Abend dauert Jahre, vom Vorplatz draußen dröhnt eine Band mit Rolling-Stones-Musik, warum hat man sich nicht abgesprochen? Wir ahnen Schreckliches über die Qualität der vielen Festivals auf dem Lande, mein Musiker will nun auch endgültig nicht mehr mitgehen und entschwindet auf der Weiterreise, als ich Trompeten mit Purcell und Corelli vorschlage, lieber in eine der berühmten Grotten und Höhlen, mit Führung. Er kommt etwas blass zurück: Tief unten in der Höhle spielte man Puccini, „E lucevan le stelle“.

Es gibt kein Entrinnen. Wir fahren über die Schweiz zurück, ein Festival am anderen. Verbier im Kanton Wallis ist ein Ort mit tausendachthundert Einwohnern, und er leistet sich ein Musikfestival. Der Katalog umfasst hundertzwanzig Seiten, aus denen uns Kurt Masur, Thomas Quasthoff, Martha Argerich, Sol Gabetta und Hélène Grimaud freundlich anblicken. Lang Lang natürlich auch, aber Lang Lang ist überall.

Üppiges Baden-Baden

Festival ist auch überall. Letzte Station, Baden-Baden, hier singt Anna Netrebko unter Valery Gergiev die Jolanthe in Tschaikowskys gleichnamiger, letzter und ziemlich unbekannter Oper, die Zuhörer haben umflorte Blicke, finden aber auch Anna zu stämmig. Baden-Baden hat reichlich Geld für solche Höhepunkte. Baden-Baden hat das ganze Jahr Festspiele, im üppigen Festspielhaus.

Wir sind zurück in Köln. Wie schön, da klappt gerade gar nichts. Kein Geld für die Opernsanierung, Theaterneubau in Gefahr, die Kinderoper schon abgebaut, der Kulturdezernent will schon wieder dringend weg und ist gerade wieder einmal nicht Intendant geworden, das Archiv ist versunken. Aber die Bierkultur gedeiht. Und mein Musiker überlegt, ob er jetzt mal in die Balver Höhle ins Sauerland fährt, Europas größte Kulturhöhle, sie fasst zweitausend Besucher, und vor denen dirigiert Justus Frantz in beleuchteten Steinmassen unterirdisch Dvorák und Brahms. Braucht der Mann so dringend Geld? Ich rate zu etwas Lustigerem: Auf zu den Nibelungen nach Worms! Da wird seit Ende Juli Siegfrieds Leben von John von Düffel erzählt, Regie führt Dieter Wedel, und der grimme Hagen ist niemand anders als Christoph Maria Herbst... Mein Gott, was machen wir denn bloß im Winter, wenn all diese Festivals vorüber sind? Dann gucken wir wieder „Wer wird Millionär?“ bei RTL.

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