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Zwei Solokonzerte von Wolfgang Rihm : Du bist ja gar kein echtes Instrument!

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Wolfgang Rihm Bild: 51103842 © Serge Cohen / Agentu

Raumgreifende Klangerkundungen, ausgeführt mit großem Können: Wolfgang Rihm hat zwei prächtige Solokonzerte komponiert, eines für Horn und eines für Klavier. Bei den Uraufführungen wurde aber deutlich: Es sind eher Antikonzerte.

          Seiner Natur gemäß ist der Fortschritt „immer fort“. Dieser scharfzüngigen Feststellung von Wolfgang Rihm aus dem Jahr 1998 ist schwer zu widersprechen. Was aber bleibt, wenn das Neue derart flüchtig ist? Man kennt ja das Phänomen des Avantgardisten, der irgendwann vom Fortschritt überholt wird; sich der eigenen Modernität vergewissernd, merkt er nicht einmal, dass er längst zum Klassiker geworden ist. Anders der Querdenker, dessen radikale Neuerungen, zu beobachten etwa bei Helmut Lachenmann, schon zu Lebzeiten umfassend kanonisiert werden. Als Komponist und als Musik-Denker sinnt Wolfgang Rihm deshalb seit Jahren über ein heikles Thema nach: sein Verhältnis zur Tradition. Die nämlich bleibt, wo immer der Fortschritt flieht.

          Gibt es einen Rückbezug, der nicht restaurativ ist, weder klassizistisch noch gebrochen-ironisch? Bei den Festspielen in Salzburg und in Luzern wurden jetzt innerhalb von nur einer Woche gleich zwei neue Solokonzerte von Rihm aus der Taufe gehoben. Schon die Tatsache, dass Rihm, ganz unbefangen, „Konzerte“ schreibt, ist ein Fingerzeig. Beim „Lucerne Festival“ kam am 19. August sein erstes Hornkonzert zur Uraufführung, am 25. August folgte im Großen Festspielhaus in Salzburg die Uraufführung seines zweiten Klavierkonzerts.

          Für Rihm ist dieser Rückgriff auf den klassisch-romantischen Formbegriff nicht neu, er schrieb bereits mehrere Solokonzerte für Bratsche, für Violoncello, im Jahr 1969 auch ein erstes Klavierkonzert, klein besetzt, mit nur acht Begleitinstrumenten. Häufiger tragen Solowerke mit Orchester bei ihm allerdings poetische Titel, wie beispielsweise die für Anne-Sophie Mutter und Carolin Widmann bestimmten Geigenstücke „Gesungene Zeit“, „Lichtes Spiel“ und „Coll’arco“. Seine beiden neuesten Werke brauchen solche Titel nicht. Hier ist die Auseinandersetzung mit der Gattungsgeschichte selbst Programm.

          Zwiegespräche mit Horn und Tuba

          Beim Anfang März fertiggestellten Hornkonzert, das Stefan Dohr, Solohornist der Berliner Philharmoniker und Widmungsträger des Stückes, zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Daniel Harding zur Uraufführung brachte, steht der Rückbezug ganz im Zeichen der Romantik. Sie ist dem Klang des Horns so unverbrüchlich eingeschrieben wie dessen Ursprung als Signalgeber bei der Jagd und beim Militär. Zudem avanciert das Horn in der romantischen Instrumentation zum Libero: Es verschmilzt in seinem beträchtlichen Tonumfang hohe und tiefe Register, es steht als Bindeglied zwischen Blech- und Holzbläserklang, es kann schmettern, aber auch schwärmen, träumen, singen. Rihms Konzert ist ein ebenso geistreiches wie lustvolles Spiel mit diesen instrumentalen Rollenbildern.

          Doch seine Musik bedient sich dabei nicht vordergründig romantischer Stilmittel. Der Tonfall des Hornkonzerts ist niemals uneigentlich, nie zitathaft. Immer ist es Rihm selbst, der spricht, ein Komponist der Gegenwart, der seinen analytischen Blick auf die Vergangenheit richtet. Dabei orientiert er sich, wie auch bei den genannten Werken für Geige, eher an der Form des intimen Konzertstücks, der konzertanten Rhapsodie. Sein Hornkonzert ist einsätzig, wie es Robert Schumanns Klavierkonzert ursprünglich war, und anders als bei Schumann scheint es kaum denkbar, dass Rihm seinem Werk eines Tages Sätze hinzufügen wird. Übrigens: Schumann war es, der mit dem grandiosen Konzertstück für vier Hörner und seinen Konzertsätzen für Klavier Vorreiter der großinstrumentalen Ein-Satz-Form war, die ein in sich abgeschlossenes Werkganzes bildet.

          Wolfgang Rihm, der Pianist Tzimon Barto, der Dirigent Christoph Eschenbach und Mitglieder des Gustav Mahler Jugendorchesters in Salzburg

          Phantastische Schumann-Stimmungen und ein Caspar-David-Friedrich-Zwielicht herrschen über weite Strecken in Rihms Musik. Tiefe Streicher, Klarinetten und Fagotte grundieren einen Klang von nebelverhangener Melancholie, aus der das Horn eher grüblerisch als virtuos hervortritt. Virtuose Brillanz, verstanden als Mittel zur Selbstdarstellung des Interpreten, ist nicht Rihms Sache. Vielmehr wird das Horn, in der denkbar besten Tradition etwa des Mozartschen Klarinettenkonzertes, mit all seinen spieltechnischen und klanglichen Möglichkeiten präsentiert. Immer wieder lässt Rihm das Horn aus seinem innig-versponnenen Monologisieren heraus in Dialoge mit anderen Instrumenten treten. Besonders originell sind die Zwiegespräche mit, ausgerechnet, der Tuba, und auch mit der Trompete. Frech äfft dieser Orchesterstrahlemann vom Dienst die kläglichen Fanfaren-Versuche des Horns nach, karikiert sogar, mit Hilfe eines Wawa-Dämpfers, dessen Klang. Soll wohl heißen: „Du trauriger Jägersgesell bist ja gar kein echtes Blechblasinstrument!“

          Interpreten als Sprachrohr des Komponisten

          Das lässt sich das Horn nicht zweimal sagen: In einer großen Kadenz spielt es all seine Überlegenheit aus, steigt in Fafnersche Drachenwurmtiefen hinab und mit magischen Echo- und Dämpfereffekten wieder hinauf, bis auf abenteuerliche Berggipfel und Waldeshöhen. Das Horn behält im Übrigen auch das letzte Wort, nachdem das Orchester über ein auskomponiertes Diminuendo den Bogen zu den Motivschemen des Anfangs geschlagen hat: ein Ton bloß, lakonisch knapp, vorbei der Spuk!

          Stefan Dohr meistert die immensen solistischen Anforderungen dieses Konzerts souverän. Eine Woche darauf widmet sich, mit nämlichem Ethos und Können, der Pianist Tzimon Barto dem neuen Klavierkonzert Rihms. Es ist bewundernswert, wie selbstlos beide Interpreten hinter die Musik zurücktreten und sich vorrangig als Sprachrohr des Komponisten fühlen, ohne darum farblos zu wirken. Auch bei diesem Klavierkonzert ist nämlich das konzertierend Virtuose nach herkömmlichem Verständnis eher Nebensache. Für einen Tastenartisten wäre damit wenig Staat zu machen. Das Konzept - stellenweise auch das Klangbild - ähnelt dem des parallel entstandenen Hornkonzertes, nur steckt Rihm den Bezugsrahmen seiner musikgeschichtlichen Rückschau deutlich weiter ab.

          Buchstäblich von Bach bis Bartók und weiter bis zu Ligeti spannt sich der Bogen. Wir meinen das Klangpotential des Klaviers zu kennen, seine uferlosen Möglichkeiten zwischen Brillanz und Geklingel. Und gerade in der Rücknahme und Zergliederung des Klanges hören wir (oder besser: fand der Komponist) bislang unerschlossene Reize. Angeregt von Lachenmanns Klavierkonzertstück „Ausklang“ hat Rihm ein waches Ohr für Aus- und Einschwingvorgänge des Tons sowie für das Changieren des Klanges im Wechselspiel mit den Orchesterinstrumenten. In einer Passage verschieben sich Akkordketten zwischen Klavier, Streichern und Bläsern, jede Verschiebung erzeugt einen magischen Lichtwechsel.

          Zum Ursprung aller Musik

          Später verknäulen sich Oboe, Solovioline und Klavier zu einem delikaten Tongespinst, in dem der weich pedalisierte Klavierton völlig mit dem Geigen- und Oboenklang verschmilzt. Mit solchen Klangerkundungen, oft in Pianissimo-Grenzbereichen, wirkt der gesamte erste Satz wie ein großes Einschwingen, das mit kaum merklichem Sog auf den ganz anders gearteten Schluss-Satz hinleitet.

          Dieses „Rondo“, ein „Allegro ma non troppo“, schließt sich ohne Pause an, und schlagartig ändern sich Ton und Stil der Musik vollkommen. Der atonale Klangsensualismus des Kopfsatzes weicht härteren, manchmal sogar perkussiven Klängen, der bislang schwebende, fließende Rhythmus verfestigt sich, Prokofjew, Bartók und Strawinsky grüßen freundlich herein. Sogar eine traditionelle Kadenz und einen dynamischen Höhepunkt mit effektvollen Passagen und bruitistischen Akkordschlägen gesteht Rihm dem Solisten zu. Gleichwohl stellt er sich noch immer nicht in die Tradition des symphonisch raumgreifenden Solistenkonzerts, etwa in der Brahms-Reger-Busoni-Linie. Ja, dieses Konzert ist, wie übrigens auch das neue Hornkonzert, eigentlich ein Antikonzert.

          Rihm bleibt im Finale seiner instrumentalen tour d’horizon treu, nur dass die Klangmischung härter, avancierter wird. Es kommt zu einer erregten Konfrontation zwischen Klavier, Kleiner Trommel, Vibraphon und Cymbales antiques. Diese Stelle ist eine Verneigung vor dem Paukenobligato am Schluss von Beethovens fünftem Klavierkonzert. Der Ausklang bei Rihm gerät vergleichsweise leise. Er geht, wie beim Hornkonzert, zurück zum Ursprung aller Musik: Ein Einzelton des Klaviers, ein Fis, verklingt im Unendlichen.

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