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Wolfgang Rihms Nietzsche-Oper Der sonnige Laller

Nietzsche vertonen - unmöglich, notierte einst Wolfgang Rihm, der Aphoristiker. Jetzt bringt Wolfgang Rihm, der Tonsetzer, bei den Salzburger Festspielen doch eine Oper heraus, die sich im Werk des Philosophen bedient.

© Eugen Egner Vergrößern

Ein schattiges Sommeridyll auf einer lauschigen Restaurantterrasse in Eggenstein bei Karlsruhe. Wolfgang Rihm ist nach dem Unterrichten seiner Kompositionsklasse aus der überhitzten Stadt geflüchtet und schwelgt nun in der Fülle verlockender Möglichkeiten, die das feine Tagesmenü eines seiner Lieblingslokale bereithält. Auf der Speisekarte entdeckt er einen Wein, „den ich noch nicht trunk“. Das ist allerhand und wird umgehend nachgeholt. Ein herrlich purer, frischer Riesling erfreut und erfrischt ihn. Ökologisch. „Überhaupt nicht orchestriert.“ Klar wie das mediterrane Licht. Direkt und unverkünstelt wie die von Friedrich Nietzsche so bewunderte Formensprache Bizets. Frankreich ist gleich um die Ecke.

„Selbstverständlich kann man Nietzsche nicht vertonen. Man kann überhaupt nichts vertonen, am wenigsten Nietzsche.“ So 1986 ein Aphorismus in Rihms Aufsatzsammlung „Offene Enden“. Sein Titel: „Nietzsche vertonen“. Und nun, am 27. Juli 2010, wird also doch ein großes Nietzsche-Opus, Rihms Oper „Dionysos“, im Großen Salzburger Festspielhaus seine Uraufführung erleben.

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Klingende Tapetenmuster?

Mehr als dreißig Jahre lang hat ihn der zugrundeliegende Text verlockt, angeregt und umgetrieben: die „Dionysos-Dithyramben“, Nietzsches letztes, unmittelbar vor seinem geistigen Zusammenbruch publiziertes Werk. Die Flut der Einfälle und Bilder setzte schon mit dem ersten Lesen ein. „Das könnte einmal in eine Bühnenhandlung münden“, dieser Gedanke blitzte in der leicht entzündbaren kompositorischen Phantasie auf. Und seither hörte die höchst musikalische, bildhafte und offene Textstruktur der Dithyramben mit ihren vielen losen, zum Weiterdenken herausfordernden Enden nicht auf, in dieser Phantasie weiterzuarbeiten.

Rihm stößt noch einmal an und lauscht dem glockenreinen Klang der Gläser nach. Dieser überbordend produktive, ausdruckspralle Sinnenmensch ist nicht nur einer der erfolgreichsten und einflussreichsten, sondern zweifellos auch der dionysischste unter den zeitgenössischen Komponisten.

Das möchte er so nicht stehen lassen. Dionysos und Apollon bekämpfen einander im künstlerischen Schaffensprozess beständig bis aufs Blut. Das muss so sein, weil man sie beide gleichermaßen braucht. Die bloße Deliranz brächte nichts als ein unverständliches Lallen hervor, während der Typus des apollinischen Künstlers vor lauter Richtigkeit nur klingende Tapetenmuster produzieren kann, die nichts aussagen. Das lehrt Rihm auch seine Studenten immerfort.

Das Flüchtige greifen

Tatsächlich verhält es sich mit der Musik wie mit dem rauschhaft durchlebten Traum, den man zu erinnern versucht: Gerade war er noch da, plastisch und intensiv „schmeckend“ in seiner ganzen synästhetischen Fülle. Kaum aber versucht man, ihn in der Erzählung festzuhalten, verändert er seine Gestalt, wird eindeutiger und undeutlicher zugleich, droht einem schließlich ganz zu zerrinnen. Natürlich hat jede gelungene Komposition ihr Utopisches darin, dass sie auf diese Quadratur des Kreises zielt: Sie will das Flüchtige greifen, das Unwillkürliche artikulieren, einer Ahnung Sprache verleihen oder einer impulshaften Plötzlichkeit dauerhafte Gestalt. Rihm aber hat stärker als andere und seit jeher versucht, die Gefahr der Erstarrung in seinen Werken zu bannen - auch schon in Zeiten, da dies den Tonangebern der Avantgarde suspekt erschien und das Emotionale als eine durchaus minderwertige ästhetische Kategorie galt. Rihm grub nach den Urschichten des Ausdrucks, nach dem unverstellt Triebhaften einer Musik voller klanglicher Eruptionen, sprengender Räumlichkeit, aber auch schönheitstrunkener Entrückungen.

Die Kellnerin naht mit der Vorspeise. Das Band wird abgeschaltet, damit toskanischer Brotsalat und gegrillte Sardinen in Ruhe genossen werden können.

Gefangen im Netz der Einfälle

Immer wieder hat Rihm seine Nietzsche-Oper dem damaligen Hamburger, später dann Amsterdamer Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher versprochen. Doch sie ließ sich nicht komponieren. Die Ideen überstürzten sich. Sie zogen den Komponisten in ein weitverzweigtes Assoziationsgeflecht aus biographischen, mythologischen und philosophischen Zusammenhängen: Nietzsches Krankheit. Ankunft und Wohnungssuche 1888 in Turin. Die von der Wirtin beobachteten Nackttänze Nietzsches in seiner Wohnung. Schließlich die meist als manifester Ausbruch des Wahns gedeutete, traurige Turiner Episode: Nietzsche beobachtet, wie ein Kutscher sein Pferd misshandelt, wird von einer maßlosen Empathiewelle überwältigt, fällt dem Tier um den Hals und küsst es.

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